Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 109» Mittwoch den S Mai
18419,
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumc- rativuspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des Her^ogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürsteuthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Hamburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebieteè 8 ft. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Unsere Lage.
Das Reichsministerium über die Vereidigung des Heeres.
Deutschland. Mainz (Truppenmärsche). — Darmstadt (Bayerische Infanterie nach Rheinbayern). — Köln (Die Versammlung der Gemeindeverordneten). — Kassel (Aufruf vom Vorort deS nationalen Vereins). — München (Die ganze bayerische Armee auf den Kriegsfuß gestellt. Widerlegung). — Braunschweig (Stüve nach Berlin). Hannover (SukkurS von dreitausend Preußen). — Berlin (Aufstellung dreier Armeekorps. Abänderung des Wahlmodus. Ein Armeekorps zur Verfügung Sachsens. Mobilmachung der ganzen preußischen Heeres- macht) — Wien (Die Ungarn. Verschanzungen auf dem Marchfelde). Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Nachschrift.
* Unsere Lage.
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/Die Trommeln wirbeln, Heereszüge brechen auf an allen Enden Deutschlands. Preußen marschiren nach Sachsen, halten „Ruhetag" in Hannover, bayerische Infanterie und Kavallerie rückt nach der Rheinpfalz, die ganze preußische Heeresmacht — an 500,000 Mann — wird mobil gemacht.
Eine Verwirrung, wie sie gegenwärtig in unserem armen Vaterlande herrscht, ist seit Menschengedenken nicht bagewesen. Wie das Alles enden wird? Der müßte ein Narr seyn oder ein großer Prophet, der hierauf eine Antwort zu geben wagte!
lange wir hoffen konnten, daß die Erhebung des Vol- kes/Kgen die erbärmlich kleinliche Politik des preußischen Ministeriums nach dem ruhmreichen Vorgänge der Würtemberger in den gesetzlichen Schranken sich halten werde, zweifelten wir keinen Augenblick an dem, wenn auch allmählichen, Erfolg derselben. Verläßt ein Ministerium, wie es in Preußen, Hannover, Bayern und Sachsen der Fall ist, den Weg des Gesetzes und betritt den Weg der Revolution, dann ist es an dem Volke, nicht nur im Ziel, sondern auch in den Mitteln an der Gesetzlichkeit um so strenger festzuhalten und durch die moralische Macht einer solchen Haltung die Regierungen zur Räson zu zwingen. So wie man aber von Seiten des Volkes — wie es in der Rheinpfalz und in Dresden geschehen — einen Gewaltschritt gegen den Gewaltschritt setzt, wird die Sache auf einen ganz anderen Boden gespielt, und wer zuletzt die Gewalt behält, der wird Recht behalten. Hier aber scheint uns der Ausgang sehr zweifelhaft.
Durch solche Vorgänge, wie in der Rheinpfalz und in Dresden wird die einheitliche Macht des Volkes von innen heraus gebrochen. Denn wenn wir, was Ziel und Zweck betrifft, Älle für Einen Mann standen, dann werden doch vor solchen Gewaltschritten Viele zurücktreten, Viele sich lau und passiv verhalten.
Dieser Bruch, der seit einigen Tagen wieder durch das Volk zu gehen beginnt, zeigte sich auch schon wieder klaffend in der letzten Sitzung der Reichsversammlung. Wie oft schon hat unS doch der gewaltthätige Sinn, das übereilte Drängen
der Demokraten unsere schönsten Hoffnungen geknickt und den Feinden der Freiheit und Einheit das Schwert in die Hand gegeben!
Die Stimmung der einzelnen deutschen Gauen ist im Augenblick jwd? eine sehr gemischte. In der preußischen Rheinprovinz sieht cs zur Stunde noch ruhiger aus, als man hätte erwarten sollen. Die Anträge, welche man bei der Gemeinde- verordneten-Veriammlung zu Köln vorbereitet, sind so gemäßigt, daß sie der Partei der Linken fast „reaktionär" erscheinen müssen.
Auch von dem Kongreß der Märzvereine zu Frankfurt hat sich wohl Mancher andere Ergebnisse erwartet, als sie wenigstens der erste Tag an'S Licht gefördert hat. Wo bleibt der Wohlfahrtsausschuß, auf welchen Viele mit Sicherheit rechneten?
Wird das Parlament, wenn es mit solcher Mäßigung fortfährt, wie bisher, nicht bald genug bei den Demokraten in Ungnade fallen, in dieselbe Ungnade, in welcher es in den Septembertagen vorigen Jahres gestanden? Und was dann weiter?
Die preußische Regierung scheint in der That einen Rückhalt im Volk, wenigstens in den altpreußischen Provinzen, und in der Armee zu haben, sonst würde sie nicht ein so verzwei- sUtes Spiel begonnen haben. Von der Erhebung Preußens hängt das Schicksal der Reichsverfassung ab. Sie läßt lange auf sich warten.
Zwei Parteien sind zu Gewaltschritten gegangen: der Ab- solutsömus und die Republikaner. Denn daß die Bewegung in Sachsen eine wesentlich republikanische ist und die ReichS- verfassung zum Vorwande, nicht aber zum Ziele genommen hat, wird bereits vielfach ausgesprochen. Die gemäßigte Partei, wie sie namentlich in den Regierungen der 30 kleineren Staaten vertreten ist, steht zwischen zwei Feuern und hat leider wenig Macht.
So werden wir, fast willenlos, fortgetrieben von der Macht der Umstände. Der Anfang ist uns klar, das Ende um so dunkeler. Eine gute Dosis türkischer Resignation ist das Einzige, was wir vorerst dem Vaterlandsfreunde wünschen können. Denn in einer so babylonischen Verwirrung, wie die gegenwärtige, ist in der That ein vernünftiges Handeln fast unmöglich, und ein zäher passiver Widerstand das Einzige, was zum Heile führen kann.
Das Reichsministerium über die Vereidigung des Heeres.
Zu unserm Bericht über die Reichstagssitzung vom 7. Mai tragen wir folgeude Rede vollständig nach, welche die beiden Reichsminister v. Gagern und v. Peucker über den in der Überschrift bezeichneten Gegenstand gehalten.
Herr v. Gagern: Ich habe für die Dringlichkeit deS W esc ndonck' scheu Antrags gestimmt, damit die brennende Frage offen behandelt werde. Ich werde aber dagegen sprechen und appellire an die politische Vernunft und das sittliche Ge-