Nassauische
Allgemeine Zeitung.
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Freitag -en 4U Mai
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Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden 3 fl., für Den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. SO kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8fL 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellender g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Zur Kurzweil.
Deutschland. Höchst (Petitionsmacherei. Republikanische Versammlung). — Aus dem Amt Nassau (Der Gemeinderath von Niedertiefenbach). — Frankfurt (Garnisonsverstärkung).— Frankenthal (Gestörte Volksversammlung). — München (Die beiden Parteien). — Berlin (Ein neues Opfer). — Wien (Die Russen. Vom ungarischen Kriegsschauplätze). — Teschen (Einmarsch der Russen).
Niederlande. Haag (Die limburgischen Reichstruppen).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Italien. Parma (Eine Expedition),
* Zur Kurzweil.
(Schluß.)
Käme das Abberufen der Abgeordneten durch ihre Wahlbezirke erst einmal recht in Schwang, dann würde vor oder nach der Entscheidung jeder wichtigen Frage dieser oder jener Wahlbezirk, dem vielleicht eine zum allgemeinen Wohl zu erlassende Maßregel lokale Interessen beeinträchtigt, durch die Androhung oder Ausführung der Abberufung seines Abgeordneten entscheidend einzuwirken suchen, und also auch in diesem Betracht wäre die Selbstständigkeit der Kammer gefährdet. Es würde sich allmählig ein förmliches Markten und Schachern um die Ansichten jedes Abgeordneten ausbilden, und selbst dann, wenn die Kammer Selbstständigkeit genug besäße, ihre Beschlüsse ohne Rücksicht darauf zu fassen, müßte doch in Kurzem aller Glauben an diese Selbstständigkeit verloren gehen; die moralische Macht der Kammer wäre untergraben. Und dazu bieten Leute die Hand, welche Alles auf den Einfluß und die Macht der Kammer gesetzt haben!. Sollte man nicht glauben, geheime Sendlinge der „Kamarilla" hätten jene Petitionen veranlaßt, damit durch das gewünschte, funkelneue Gesetz die Kammer gründlich ruinirt würde!
Der eigentliche Plan, welcher dem ganzen Manöver zu Grunde liegt, wird aber ungefähr folgender seyn. Eine solche Volksvertretung, wie sie sich in allen Staaten, Republiken wie Monarchieen, findet, ist den Freunden der permanenten Revolution nicht mehr bequem. Denn sie beschränkt sich darauf, daß das Volk die Gesetzgeber wählt, nicht aber, daß die Masse in Person Gesetze macht. Kann eine Majorität beliebig die Abgeordneten abberufen, dann ist in der That die Kammer nicht mehr gesetzgebend, sondern die agitirten Massen machen selber die Gesetze. Bekanntlich ist cs aber viel leichter, einen großen Haufen zu überreden, als einen einzelnen, selbstdenkenden, in seiner Ueberzeugung feststehenden Mann. Denn die Menge folgt dem Instinkt, dem unmittelbaren Eindruck, wo der Einzelne überlegt, zweifelt, prüft. Eine Massenherrschaft aber will die Linke, denn sie hat es in der Massenagitation allerdings zu einer anerkennungswerthen Virtuosität gebracht.;
Eine solche Massenherrschaft aber ist schlimmer, als die rothe Republik, denn sie ist die pure Anarchie.
Was man auf dem geraden Wege nicht hat erreichen können, das sucht man durch Schliche zu erlangen. Käme wirklich ein Gesetz zu Stande, welches die beliebige Abberufung der Kammermitglieder von Seiten der Wahlbezirke dekretirte, dann wäre der ewige erbitterte Parteikampf gesetzlich sanktio- nirt, dann wäre der selbstsüchtigen Agitation Thür und Thor geöffnet, dann würde sich ein solcher Partikularismus der Bezirke wiederum in unserm partikularen kleinen Ländchen ein# nisten, daß die Unerträglichkeit des Zustandes in Kurzem eine Revolution Hervorrufen müßte/ Das eben wäre den Herren sehr angenehm. Wir kämen nie zu etwas Sicherem, Festbestehendem, und gerade, dies fürchtet man.
Weil man das neue Staatsgebäude doch nicht durchaus nach eigenem Plan konstruiren kann, so will man es wenigstens so schlecht konstruiren, daß eS recht bald Zusammenstürzen muß.
Die Souveränität des Volks besteht darin, daß demselben. bslé Recht zusteht, durch die freie Wahl seiner Vertreter an der Gesetzgebung Theil zu nehmen; greift das Volk in Person in die Gesetzgebung ein, so ist dies ein Akt der Revolution. Wo aber ein ordentlicher Rechtszustand bestehen soll, da muß das Volk seine Vertreter unbeirrt gewähren lassen./ Indem die Wahler wählen, schenken sie ihrem Manne das Vertrauen, daß er der Verständigste sey, haben sie sich darin geirrt, dann ist das ihr eigener Schade, den'sie tragen müssen. Hätte sich ein ganzes Land in der Wahl seiner sämmtlichen Vertreter geirrt, dann würbe es damit blos den Beweis geliefert haben, daß das gesummte Volk zur freien Wahl noch nicht reif gewesen. Die Abberufung eines Abgeordneten müßte also jedenfalls ein klägliches ArmuthSzeugniß für den betreffenden Bezirk selber seyn, und schon aus purer Eitelkeit sollte er sich schwer zu einem solchen Schritte entschließen.
Die Gesammtheit gibt aber deßwegen dem einzelnen Abgeordneten sein Mandat, weil sie sich nicht für kompetent hält, als Gesammtheit in schwierigen politischen und Rechtsfragen zu entscheiden, wozu eine Summe positiver Kenntnisse gehört, welche immer nur wenige Einzelne besitzen. In verwickelten staatsrechtlichen Fragen, wie z. B. über vaS. Ein- oder Zweikammersystem, wiegt aber das Urtheil eines einzigen staatsmännischen Kopfes schwerer, als das von zehn Tausend politischen Dilettanten.
Die Fragen der Praxis entscheidet man nach Köpfen, weil man aber über Fragen der Theorie, der Wissenschaft nicht nach der Kopfzahl entscheiden kann, gerade deßhalb wählt man Vertreter, deren Urtheil sich die Vertretenen zu fügen haben.. Gibt man es aber den Letzteren wieder anheim, ihre Abgeordneten beliebig abzuberufen, dann steUhman den Unsinn auf einem Umwege wieder her, welchen man ddrch die Wahl halte vermeiden wollen. Denn die Fragen der Theorie — und das sind ja gerade die Tendenz- und Prinzipienfragen, um derentwillen ein Abgeordneter am ersten mißliebig wird — werden dann doch wieder nach der Kopfzahl entschieden werden!