Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 102* Dienstag den 1 Mai 18LN
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume« rationSpreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Napau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Gelogen wie gedruckt.
Andeutungen über den nationalökonomischen Zustand Nassau's.
Deutschland. Frankfurt (Die Desorganisation der Linken. Prisengelder für die Artilleristen bei Eckernförde. — Stuttgart (Prinz Friedrich). — Leipzig (Ministerwechsel). — Berlin (Der erste Eindruck der Kammeraussösung. Steigende Aufregung). — Wien (Ofen von den Oesterreichern noch nicht geräumt, Pesth von den Magyaren noch nicht besetzt. Sieg Wohlgemuths).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Italien. Neapel (Blokade von Palermo).
Nachschrift.
* Gelogen wie gedruckt
Wenn jemals die Zeitungsredaktionen eine heilige Pflicht hatten, strenge Prüfung zu üben bei der Aufnahme der einlan- fenden Nachrichten, dann ist das gegenwärtig der Fall. Statt dieser Kritik ist man aber in den. jüngsten Tagen fast überall mit unverantwortlichem Leichtsinn verfahren. Es wird in der That jetzt wieder gelogen wie gedruckt.
Da sind 15,000 Mann Preußen in Mainz einmarschirt, um das Parlament auseinander zu jagen.
Die Ungarn stehen vier Stunden vor Wien, drei Stunden, die ungarische Fahne weht bereits vom Stephansthurme.
Das Reichsministerium hat abgedankt, der Erzherzog Reichsverweser hat die Unterzeichnung der neuesten Reichstagsbeschlüsse verweigert — dies läßt selbst die „Deutsche Zeitung" auf Ertrablâtter drucken, welche doch in Frankfurt erscheint, und setzt dadurch die ganze Bevölkerung in Alarm.
Das Frankfurter Journal druckt die Mähr mit sichtbarem Wohlgefallen in fetter und durchschossener Schrift an die Spitze seiner Nummer, gibt aber die Widerlegung ganz klein und unscheinbar, damit man sie doch ja recht leicht übersehen könne, in der hintersten Ecke des Blattes. Ist das ehrlich?
Wenn die Siegesberichte der Magyaren seit Monaten auch nur zur Hälfte wahr gewesen wären, so müßte die österreichische Armee längst bis auf den letzten Mann aufgefrcfsen seyn; wären dagegen die offiziellen Billettüns der Oestreicher haare Münze, dann ist jede Niederlage eine wohldurchdrehte Rückzugsbewegung gewesen und es bliebe nur schwer zu begreifen, wie zwei Heere so lange um einander herum gehen können ohne ein einzigesmal rechtschaffen hintereinander zu gerathen. In dem Wettkampf des Lügens scheint wirklich der Sieg beider Parteien zweifelhafter zu seyn als auf dem Schlachtfelde.
So haben sich die deutschen Zeitungen auch vor den Dänen kompromittirt durch ihre Uebertreibungen und Aufschneidereien über das Gefecht bei Düppel.
Wo soll das hinaus? In dieser fabelhaften Zeit findet freilich das Unwahrscheinlichste immer den meisten Glauben.
Zuletzt wird aber doch der Leichtgläubigste stutzig, und man wird jeder Zeitungsnachricht mißtrauen, nicht obgleich, sondern weil sie gedruckt ist.
Bei der stündlich wachsenden Aufregung der Gemüther, in welche wir durch den unbegreiflichen Starrsinn und die Verblendung der königlichen Kabinete zurückgeschleudert sind, kann aber aus einer einzigen Uebertreibung, einem einzigen Lügenbericht die verhängnißvolle That erwachsen. Noch ist der Geist der Erhebung, welcher in diesem gefahrvollen Augenblick des Volkes sich wieder bemächtigt hat, unentweiht. Wer ein Feind des Volkes, wer ein Feind der deutschen Einheit, wer ein rechter und wahrhaftiger Anarchist ist, der mag blinden Lärmen schlagen, der mag geflissentlich oder leichtsinnig Mißverständnisse Hervorrufen, um den Feuerfunken zu einer unzeitigen Erplosion anzulegen, welche die ganze Nation in einen Bürgerkrieg reißen, oder unter absolute Gewalt zurückführen könnte.
Wo so viel auf dem Spiele steht, da soll man wahrhaftig vorsichtig seyn, da so l l man prüfen, bevor man glaubt. Der ganze moralische Werth der freien Presse geht verloren, wenn sie durch fortwährende Irrungen und Täuschungen einen fieberhaften Wechsel der Anspannung und Abspannung hervorruft.
Es gibt freilich Blätter, welche alle Fabeln flugs als Wahrheit aufnehmen, sofern sie ihnen nur in den Kram passen ; cs gibt andere, welche geflissentlich Wahrheit und Lüge bunt durcheinander mengen, weil sie glauben, das Publikum sey eben ein Kind, dem Märchen viel besser munden, als die nackte Thatsache; wenn aber die Zeitungsschreiber in dieser Stunde der Gefahr keine Kritik üben können oder wollen, dann sollte wenigstens das Publikum diese Kritik üben und so viel Mißtrauen zum Zeitungslesen mitbringen, daß es sich nicht immerfort von urtheilslosen Journalisten über den Löffel barbieren ließe.
K Andeutungen über den nationalökono- mischen Zustand Nassaus.
Von der Lahn.
Wie jeder Mensch eine gewisse Leibesbeschaffenheit hat, die er nicht abzustrcisen vermag, so hat auch jedes Land oder Volk eine bestimmte Eigenthümlichkeit von der Natur erhalten. Das Schicksal gibt einem Volke dadurch eine gewisse, Bestimmung, eine Lebensaufgabe, die es gewöhnlich instinktmäßig verfolgt und, wenn eS nicht empfindlich vom Schicksale gezüchtigt werden will, verfolgen muß. Nassau seit den Freiheitskriegen mit geringen Ausnahmen vortrefflich abgerundet, bildet zumeist ein großes zwischen den Abdachungen des Taunus und WesterwaldeS tief eingeschnittenes Querthal des RhciugebieteS und scheint somit für eine wahrhafte Kleinwirthschaft geschaffen, die nur an sehr wenigen Stellen am großen Handel Theil nehmen kann. Diese Ansicht wird durch die Produktion des