Nassauische Allgemeine Zeitung.
â 1O1» Sonntag den 2N April L8LN
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume« rationspreis ist in Wiesbaden 8 ft., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherjvgthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 ft. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Vom ungarischen Kriegsschauplätze.
Deutschland. Wiesbaden (Die Adresse des deutschen Vereins an die würtembergische Kammer, Landtag). — Idstein (Der Gemeinderath). Frankfurt (Die letzten ReichStaqsbeschlüffe). — Karlsru he (Ein neuer Freischaarenzug). — München (Separat-Zollverein mit Oesterreich). — Leipzig (Stimmung für die Reichsverfassung). — Berlin (Repressalien in Jütland.) — Altona (Die Stadt Kolding). — Flensburg (Die Stadt Sonderburg. Todte und Verwundete).
Nachschrift.
Vom ungarischen Kriegsschauplätze.
Wien, 23. April. (A. Z.) Die Insurgenten vollführten einen Handstreich zu Gunsten KomornS. Indem sie ihre Vorhut von Neutra bis Szered vorschoben, ruckte Görgey mit 20,000 Mann und 50 Kanonen von Jpolyschlag und Lewa plötzlich in Eilmärschen gegen Neuhäusel vor, defilirte in der Nacht zwischen den beiden Korps der Generale Csorich (bei Zsellesz) und Wohlgemuth (bei Neuhäusel), überfiel den letz- tern, der nur 7000 Mann hatte und — das Gefecht der Ueber# macht gegenüber nicht annehmend — seinen Rückzug fast ohne Verlust bewerkstelligte, näherte sich hierauf der Komorner Fe, stung (20. April), deren Besatzung über die Waagbrücke einen Ausfall machte und sich mit Görgey in Verbindung letzte, der nun 200 Ochsen in die Festung warf, mehrere Bataillone mit frischen Truppen vertauschte und seinerseits, wie man sagt, mit den bedeutenden Pulvervorräthen in der Festung seine Munitionswagen belud. Darauf ging er mit derselben Eile, wie er gekommen, nach Lewa und Neutra zurück, ja er hatte nach den letzten Berichten schon den Weg nach Oberungarn einge- schlagen, ob von Neutra über Großtopoltschan, oder von Lewa über die Bergstädte, ist nicht bestimmt. So viel sagen Preß- burger Briefe, daß zwei Schwadronen Husaren vorgestern in Tyrnau waren, wo kaiserlicherseits sich nur 30 Mann befanden. Möglich, daß eine andere Abtheilung der Insurgenten von hier über das Trentschiner Komitat die Operationen Gör, gey's gegen das von Galizien anrückende Korps des Generals Vogel unterstützen soll.
Während jener Bewegung gegen Komorn zu wollte ein drittes Korps der Insurgenten vor Gran den Donau-Ueber- gang erzwingen, wurde jedoch von Baron Melden zurückgedrängt, der hierauf (den 20. April Abends) in Ofen erschien, doch den andern Tag wieder nach Gran zurückgekehrt und mit allen kaiserlichen Truppen auf das linke Donauufer übergesetzt seyn soll, wo bei dem Flusse Gran ein Korps von 50,000 Mann konzentrirt ist, mit welchem General Wohlgemuth sich vereinigte und wieder vorrückend dem Görgey den Rückzug von Komorn abgeschnitten hätte, wenn dieser nicht in aller Eile NachtS davongegangen wäre. (!)
Das Hauptresultat jenes Handstreiches, welcher durch den
Mangel an Spionen bei der kaiserlichen Armee nicht wenig befördert wurde, beschränkt sich aus die der Festung Komorn gebrachte Hülfe, durch welche die Uebergabe der kaum einnehmbaren Festung auf unbestimmte Zeit hinausgerückt ist. Andrerseits muß jedoch Baron Weiden Zeit gehabt haben, seine Truppen in der Art zu disloziren, daß er die Insurgenten, bevor sie General Vogel erreichen, einholt und zur Schlacht zwingt, welche in den dortigen Gebirgen, wo die Husaren nicht viel vermögen, mit einer entscheidenden Niederlage der Insurgenten enden könnte, obschon die Honvedbataillons, an den Krieg mehr gewöhnt, sich mit größerer Tapferkeit zu schlagen und sogar im Geschützfeuer anbefohlene Manöver zu vollziehen beginnen, was früher nicht der Fall war.
In den verschiedenen Gefechten bei Pesth sollen von beiden Seiten 3000 Mann gefallen seyn. In Ofen wußte man vorgestern nichts von einem Einmärsche der Insurgenten in Stuhlweißenburg. Reisende von Semlin erzählen,' daß den 16. April Carlowitz, der Hauptsitz der Serben, von den Un# garn beschossen wurde. Ueber den Einmarsch der Russen in Siebenbürgen sind noch keine Berichte angelangt. Die ganze Armee der Insurgenten feierte den Geburtstag Ferdinand's V. mit 101 Kanonenschüssen und feierlichem Gottesdienst.
Die Allg. Ztg. schreibt: Nach Briefen aus Wien vom 23. April wollte man dort aus Pesth vom 21 die Nachricht haben, Ofen und Pesth sey den Insurgenten übergeben, oder werde am folgenden Tage übergeben. Wir haben Briefe auS Pesth bis zum 21. Mittags, die nichts davon wissen. Die Wiener Börse war von dem Gerücht allarmirt; sicheres schien nicht bekannt. Am unwahrscheinlichsten ist die Nachricht von Ofen, das sehr stark befestigt ist.
Pesth, 18. April. Eine Proklamation KossuthS, dd. Gö- döllö, 14. April, die im geheimen bei seinen Anhängern hier kursirt, ist ein merkwürdiges Aktenstück sowohl der Form als dem Inhalte nach, wie auch der wahnwitzigen Sprache wegen, die darin geführt wird. Nachdem er die ununterbrochene Kette von Siegen und Triumphen der tapfern Magyaren über die „von Oesterreich aus in das loyale Ungarn eingefallene gut organisirte Bande" in das gehörige Licht gestellt hat, und die Zuversicht ausspricht, daß durch den unausbleiblichen Beistand deS strafenden Armes Gottes der Ungarn diese Eindringlinge aus ihrem letzten Zufluchtsorte Pesth vertrieben und in kurzer Zeit kein österreichischer Söldling mehr den reinen Boden Ungarns beflecken wird, ermuntert er seine tapfern Helvenbrüder zur Ausdauer und letzten Kraftanstrengung, um den König Ferdinand V., der durch eine Militärempörung, an deren Spitze sein Neffe Franz Joseph stehe, vom Throne gestoßen und zur Abdikation gezwungen, gegen welche Se. Maj. feierlichst protestirt, und um Hülfe bei allen auswärtigen Mächten gefleht, wieder zu seinem geheiligten Rechte und angestammten Throne zu verhelfen! Zugleich befiehlt er darin an, daß sowohl in allen ungarischen Feldlagern, als auch in allen Städten und Gemeinden, in denen noch die ungarische Trikolore weht, am 19. April ein solenner Gottesdienst zur Feier deS Geburtsfestes Sr. Majestät Ferdinands V. abgehalten werde l