Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 97* Mittwoch den 2S April 18LN
Die Olafs. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Ter vierteljâbriae Pränume- rationspreis ist in 'Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürüentbumS Hessen, der Lundgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen BerwaltungSgebietee 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum niit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der 8. Schellende rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachricht.
Nichtamtlicher Theil.
Parlamentarischer Muth.
Deutschland. Wiesbaden (Publikation des Gesetzes über die Trennung der Justiz von der Verwaltung). — Kronberg (Gesetzlichkeit. Gleichgültigkeit gegen die landständischen Verhandlungen. Die Proklamation des Herzogs). — H ada mar (Vermischtes). — Frankfurt (Reichstag). — München (Minister von der Pforten). — Berlin (DaS Gerücht von der Abdankung des Königs). — Eckernförde (Taucher zum Herauffördern der Kanonen). — Schleswig (Der Einmarsch in Jütland). — Düppel (Aus dem Heerlager). — Wien (Gefecht bei Pesth.
Die Russen in Siebenbürgen).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Italien. Mailand (Die Belagerung von Venedig).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Amtlicher Theil.
Die Filialgemeinde Dienethal ist von der Pfarrei Nassau getrennt und der Kandidat der Theologie Wirths von Marr« bürg zum Pfarrvikar zu Dienethal ernannt worden.
Nichtamtlicher Theil.
* Parlamentarischer Muth
Es ist uns zu Ohren gekommen — wir wollen aber vor der Hand noch nicht daran glauben — daß manche unserer Abgeordneten zwar persönlich für daö Zweikammersystem gestimmt seyen, daß sie jedoch, wenn cS zur parlamentarischen Entscheidung dieser Frage komme, schwerlich wagen würden, für daS Zweikammersystem einzustehen, indem die Machinationen und Verdächtigungen der Einkammer-Männer ein solches Auftreten zu „unpopulär" würden erscheinen lassen. Wir glauben nicht, daß ein solches Gerede begründet sey, aber cs ist doch schlimm, daß so etwas dein Publikum überhaupt nur in den Sinn kommen kann. Wir glauben nicht, daß auch nur Einer unser Abgeordneten so bodenlos feig [tun könnte, seine Ueberzeugung niederzuhaken, weil das wüste Geschrei falsch berichteter Massen sich gegen dieselbe erhebt. Lautet etwa der Eid, den die Abgeordneten geschworen, dahin, daß sie thun sollen, waS populär macht? daß sie thun sollen, waS etwa die „Freie Zeitung" diktirt? waS — man weiß auf welche Art — zusammcngebrachte Petitionsstöße ihnen vorsagens — Oder fordert ihr Eid von den Abgeordneten, baß sie thun, was
ihre Ueberzeugung ist, ohne Menschenfurcht und persönliche Rücksichten? Es gibt einen parlamentarischen Muth, der sich oft genug vor die Bresche stellen muß, ter nicht minder schwer zu erproben ist, als der soldatische. Wie gar wenig haben wir doch noch von tiefem parlamentarischen Muthe in unserer Kammer gesehen! Denn das hat man wohlfeil, mitzuschreien, wie Alle schreien, mitzulaufen, wohin Alle laufen. Wer sich dem strudelnden Strome des politischen Unverstandes entgegenstellt, der ist der Mann! Man fürchtet, das Zweikammersvstem möge unpopulär machen. Warum aber tas? Weil die große Masse des Volkes nur über die Schattenseiten desselben belehrt worden ist,' weil man ihr in perfider, rabulistischer Weise aufge- bunven hat, daS Zweikammersystem bedeute die Wiedereinführung der alten Herrenbank. Warum sind die Männer der Rechten so träge und überlassen es ihren Gegnern ganz allein, das Volk zu „belehren" und „aufzuklären?" Der gemeine Mann ist sehr empfänglich für die reine, klare Wahrheit. Wer aber gibt sich die Mühe, ihn zu unterrichten? Oder glaubt man, von all den Unterzeichnern der Adressen gegen das Zweikammersystem, welche jetzt in unserer Kammer einlaufen, hätte auch nur der hundertste Mann die gegentheilige Auffassung kennen gelernt, daß er zu einer auch nur oberflächlichen Entscheidung befähigt wäre? Die konstitutionelle Partei ist träge und unpraktisch, darum werden ihre Ansichten bei der großen Masse unpopulär, nicht weil sie dem gesunden Sinne des Volkes widerstrebten, sondern weil sie oft gar nicht zur Kenntniß der Meisten kommen.
Und von einer solchen, nur von Einer Seite her gemachten, Popularität sollten sich Landlagöabgeordnete bewegen lassen? Wie gar schlecht ist doch unsere Partei auch in ter Kammer disziplinirt! Hat man nicht oft genug die Aeußerung gehört: „Wir hätten bei dieser und jener Frage wohl anders gestimmt, allein wir sahen im Voraus, baß wir die Majorität nicht erhallen würden!" Welch' jämmerliche Taktik! Hätte die Linke von Anfang an, wo sie je stets in der Minderheit war, ebenso gedacht, sie würde wahrlich nicht zu dem Einflüsse gelangt seyn, den fu faktisch jetzt besitzt.
Wir wollen hoffen, daß sich die Rechte bei den Versass sungsdcbatlen besser disziplinirt als bisher. Wir wollen nicht hoffen, daß jenes Gerede, welches wir oben rrwäbm, sich bewahrheite. Denn wo eine solche Feigheit — und sie würde leicht zu durchschauen seyn — zu Tage käme, da müßte man so gewissenlose, ja meineidige Abgeordnete auf eine beispiellose Weise an den Pranger stellen. Wir für unsere Person hielten daS wenigstens für eine journalistische Ehrenpflicht uns würden ihr genügen, möge daraus kommen, was da wolle.
Denn erst die Wahrheit, erst die freie Ueberzeugung, erst ein ehrliches Gewissen und dann — die Popularität!
D e » t s ck l a n d.
* Wiesbaden, 24. April. Nr. 11. des . Verordnungsblattes für Nassau" enthält die Publikation des Gesetzes, die Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung in der untern