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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^U 95» Sonntag den 22. April 1S^9>

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- ratisnspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt £ fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Ein günstiger Augenblick.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Eltville (Brand). Frankfurt (Verbesserung der Schrapnells. Die Stimme der Nation für die Reichsverfaffung). Weimar (Einigung der Parteien). Düsseldorf (Das Musikfest). Berlin (Die Demokraten und die Reichsverfaffung). ---Wien (Die Kaiserlichen wieder in Waitzen).

Ungarn. Pesth (Feste Stellung der Kaiserlichen. Die ungarische Armee). Italien. (Die Intervention Englands und Frankreichs). Florenz (Die Kontre-Revolution).

Nordamerika. (Preisaussetzung auf die Häupter sämmtlicher deutscher Fürsten).

Nachschrift.

Sprechsaal für Stadt und Land.

Cin günstiger Augenblick.

CV. Wenn es wahr ist, daß Metternich behauptete, Deutschland komme von allen Ländern des Festlandes am besten zur Ruhe, so hat dieser Diplomat nach allem Anscheine auch hierin sich stark geirrt, denn gerade Deutschland fühlt gegen­wärtig am meisten die Nothwendigkeit der inneren Ruhe, und beeilt sich die Erfahrungen des vergangenen Jahres zu seinem Nutzen in Anwendung zu bringen. Die feierlichen Erklärun­gen unbedingter Zustimmung und Unterwerfung unter die Par­lamentsbeschlüsse von Seiten der Nation, die von überall her in Frankfurt anlangen, verbunden mit dem Beitritte von 28 Regierungen zeigt mehr als alles andere, daß man durchge­hends zu Erkenntniß des Abgrundes gekommen, in den man sich gegenwärtig schleudern wollte, und daß die Noth der beste Verbreiter praktischer Ansichten und der unwiderstehliche Ver­einiger widerstrebender Elemente ist. Bald wird auch die Ge­fahr des Zögerns sammt aller Verantwortlichkeit denen vor das Gewissen treten, welche auch jetzt noch unter romantischen Träumereien die geschichtlichen Thatsachen und ihre Folgen übersehen, und durch die Eintracht Aller wird Deutschland auf eine der Bildungsstufe unseres Jahrhunderts würdige Weise seine Revolution beschließen.

Was im Inneren unseres Vaterlandes daran hindern kann, wird, wenn wir auf dem angebahnten Wege fortfahren, sicher überwunden werden. Der Gang der Ereignisse in den letzten Wochen ist ein fester Beweis dafür, und nie haben uns die äußeren Verhältnisse mehr begünstigt, als gerade in diesem Augenblicke. Denn unsere Nachbaren haben sich so gegensei­tig in Schwierigkeiten verwickelt, daß sie vollauf zu thun be­kommen, um miteinander fertig zu werden. Rußlands Politik hat sich von unseren Gränzen weggezogen und endlich die Rich­tung entschieden eingeschlagen, die seit einem Jahrhundert mehr oder weniger offen von dieser Macht verfolgt wurde.

Wie alle Völker des Nordens, ehe diese sich fest und häus­lich in geordneter bürgerlicher Gemeinschaft niedergelassen, so strebt auch dieses Volk nach seinem Süden, wo eS glücklicher

Weise nicht unmittelbar mit unserem, aber mit dem Interesse von zwei nicht minder mächtigen und schlagfertigen Nationen feindlich zusammen stoßen muß. Mögen England, Frankreich und Rußland suchen auf dem Wege der Gewalt oder der Un# terhandlungen mit einander ins Reine zu kommen, gewiß ist einstweilen, daß die russische Hülfe in Ungarn die eigentliche Ursache der Truppenanhäufung zu einem letzten Schlage gegen die Pforte hatte maskiren sollen, und daß sich Rußland in der Hoffnung auf schnelle Unterdrückung des Aufstandes in Ungarn getäuscht hat.

Auf der anderen Seite sehen wir Frankreich, wenn auch nicht das erste Mal seinem ausgesprochenen Prinzipe un­treu werden, eine Thatsache, welcher bald der Umsturz des Prinzipes selbst, auf welchem seine gegenwärtige Gestaltung beruht, folgen muß. Denn erklärt und anerkannt hat die französische Republik die Selbstbefugniß jeder Nation, sich eine Verfassung zu geben, und will gegen jede Macht einschreiten, die dagegen Schritte thut. Demohngeachtet werden 14,000 Mann nach Italien geschickt, um den vertriebenen Pabst wie­der einzusetzen. Mögen geheime Absichten oder der lang zu­rückgehaltene kriegerische Drang des Volkes zu Grunde liegen, eine folgerechte Durchführung des französischen Grundsatzes der Revolution finden wir nirgends in diesem Unternehmen, wohl aber eine Quelle für Frankreich verderblicher Verwicke­lungen. Ueber die Alpen und über den Balkan, das scheint das allgemeine Losungswort dieses Jahres für den kampflusti­gen Theil der europäischen Menschheit geworden zu seyn. Uns befreit dieses Alles von einer schweren drückenden Besorgniß. Wir haben keinerlei Beweggründe, uns mit diesen Kämpfen zu betheiligen, aber wir bekommen unsere Hände frei, um zu Hause uns wohnlich einzurichten.

Ob wir aber diese günstige Zeit, welche ebenfalls ihre Gränzen haben wird, klug benützen, oder, wie schon oft ge­schehen, für fremde Interessen uns von Andern benutzen lassen werden, die thatsächliche Beantwortung dieser Frage des Augen­blickes enthält die Zukunft des deutschen Volkes für Jahr­hunderte.

Deutschland.

* Wiesbaden, 21. April. (Ständeversammlung.) Auf Anlaß einer Petition von Löhnberg, welche sich gegen die Ver­setzung eines demokratischen Schullehrers ausspricht, zählt Lang ein ganzes Register von Akzesststen auf, welche, dem allgemei­nen Gerede nach, aus politischen Motiven versetzt worden seyen, und beantragt, die Erledigung jener Petition auf die nächste Tagesordnung zu setzen. Außerdem laufen eine Menge von Protesten gegen den Regierungsentwurf der Verfassung ein. Reg.-Komm. Reichmann trägt nachträgliche Anforde­rungen vor für den Straßenbau bei Holler re., und ertheilt Auskunft über eine Anfrage des Abg. Wimpf, betreffs der Gebühren der Gerichtsvollzieher, wornach die Gutachten der Gerichtete, noch nicht soweit eingelaufen sind, daß eine defini­tive Entschließung erfolgen kann.