Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M SS Freitag den 20. April 18LS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumc- rationspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und TariSschen Verwaltungsgebictes ®fl. 40 fr. __Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der Krieg in Ungarn.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Hochheim (Die Weinsteuer).
— Aus dem Maingrund (Der Wucher). — Vom Main (Die Gemeinde Flörsbeim). — Von der Lahn (Die Volksversammlung in Oranienstein). — Hadersleben (Das preußische Kabinett und der dänische Krieg). — SchleSw ig - Holstein (Widerruf). — Wien (Die Russen in Siebenbürgen).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Großbritannien. London (Die Engländer und die Februarrevolution).
* Der Krieg in Ungar«.
Aller Augen richten sich jetzt auf Ungarn. Aber mit welch verschiedenartigen Empfindungen folgt man in Deutschland der Siegesbewegung der Magyaren!
Die Republikaner jubeln laut, wenn auch nur ein Frankfurter Druckerjunge falsche SiegeSdülletins, Stück für Stück 3 kr. verkauft. Sie meinen, weil der niedergedrückte Kossuth republikanisch verfahren, darum müsse auch der Sieger Kossuth ein Republikaner seyn! Sie meinen, weil die Ungarn einem absolutistischen Ministerium gegenüberstehen, weil sie in ihrer ärgsten Noth die Trümmer der demokratischen Heerschaaren von halb Europa an sich gezogen, wäre ihr Sieg ein Sieg der Demokratie! Sie hoffen, wenn die Ungarn gen Wien zögen, würde es auch in der alten Kaiserstadt wieder losplatzcn und derselbe Tanz beginnen, wie im Oktober vorigen Jahres. Und wenn sie das Alles auch nicht hofften, dann ist ihnen wenigstens die Verwirrung, welche der ungarische Krieg in alle österreichischen und europäischen Angelegenheiten bringen könnte, Grund genug, um mit Herzklopfen auf den letzten siegreichen Streich der Ungarn zu warten.
Wie viel falsche Einbildung liegt nicht in diesen Erwartungen! Nach einer Königskrone würde der Sieger Kossuth greifen und nicht nach einer Präsidentschaft; denn eine Königskrone ist in Ungarn noch etwas werth, weil eben die Ungarn nichts weniger als Demokraten, weil sie vielmehr die aristokratischste Nation von ganz Europa sind.
In Ungarn die Aristokratie stürzen, hieße die Nationalität wegwischen, denn die ungarische Nationalität ist so innig mit der Aristokratie verwachsen, wie nur die nordamerikanische mit der Demokratie. Im Verein aber mit einer so kräftigen Aristokratie wie die ungarische, und gestützt und getragen von derselben, ist eine Königskrone schon ein verlockendes Ding. Man hat auch nie erlebt, daß aus einer Militär-Diktatur wie die Kofiulh'sche eine Republik hcrvorgegangcn wäre, wohl aber ein recht despotisches König - oder Kaisertum.
Was aber die allgemeine Verwirrung und Verwicklung im europäischen Südosten betrifft, welche durch weitere Siege der Ungarn hervorgerufen werden könnten, so würde bei denselben in letzter Instanz sicher Niemand gewinnen, als — die Russen.
Daran aber, daß durch einen nachhaltigen Sieg der Ma
gyaren aller deutsche Einfluß auf die Süddonauländer verloren gehen müßte, denken freilich unsere Demokraten nicht, da ihre Politik überhaupt nicht weiter reicht als ihre Nase. Nach der Süddonau weist uns naturnothwendig unsere Handelspolitik, unsere Auswanderungspolitik, an der Süddonau sollen wir den großen Kampf nicht des Schwertes, sondern der ZU vilisation gegen Rußland aufnehmen, und nun freut man sich, wenn es den Anschein gewinnt, daß uns der Weg nach der Süddonau auf lange Zeit verrannt und abgesperrt werde!
An der Süddonau blüht seit Jahrhunderten jener kräftige Zweig deS Sachsenstammes, der durch alle Widerwärtigkeit der schwersten Zeitläufte mitten unter fremden Völkerschaften deutsches Wesen treu bewahrt hat, als ein tröstendes Wahrzeichen, daß noch einmal deutsche Kultur das ganze untere Donauland befruchten könne und müsse. Und nun freuen sich Deutsche, wenn diese ihre Stammesgenossen in Siebenbürgen von fremdem Volke mißhandelt und hingewürgt werden!
Aber der ächte Demokrat ist ja Kosmopolit. Was kümmert ihn z. B. deutscher Einfluß in Italien?| Eine lumpige italienische Gaffenrepublik ist ihm lieber als ein ganzes deutsches Königreich Lombardien. Ja er hätte selbst den Schatten, könig Karl Albert, den Piemontesen, obgleich er doch ein König war, lieber siegen sehen, als den deutschen Heerführer Radetzky. Denn hinter Karl Albert stand eine Republik und hinter Radetzky eine eiserne Monarchie.
Einer solchen antinationalen Politik ist nur der Deutsche fähig, der lieber gegen sein eigen Fleisch und Blut wüthet, als daß er auch nur ein Jota von seinen Theorien fallen läßt. —
So sieht der vollendete deutsche Demokrat selbst mit geheimer Mißgunst auf die raschen Fortschritte der deutschen Waffen in Schleswig-Holstein. Denn wird nicht dadurch die Kriegsmacht der norddeutschen Staaten erhöht, was in letzter Instanz doch immer nur dem verhaßten Preußen zu gut kommt?
Wir finden aber, daß mitunter auch Männer unserer Par- tei nicht gerade sehr betrübt über die Fortschritte der Ungarn sind. Denn indem Oesterreich an der Donau so ernstlich beschäftigt wird, muß ihm natürlich die Lust vergehen, in unsere Kaiserpläne energisch und thatkräftig cinzugreifcn. Es liegt Wahrheit in dieser Schlußfolgerung. Doch aber widerstreitet sie dem nationalen Bewußtseyn. Es müßte schlimm um unsere Verfassung, um unsere Oberhauptspolitik stehen, wenn wir sic nicht durchführen könnten, außer in dem Falle, daß ein deutscher Stamm von einem fremden Volke tüchtig geschlagen wird und mit dieser Niederlage der Gesammteinfluß Deutschlands auf den europäischen Südostcn fast ganz verloren geht! Wenn wir uns heimlich freuen über daS Vorrückcn der Ungarn, weil sie Oesterreich im Schach halten, dann verfallen wir ganz in jene schmachvolle partikularistische Politik, wie sie zu Zeiten des siebenjährigen Krieges geherrscht, und Preußen und Oesterreich wird sich zuletzt schroffer gegenüber stehen, als Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Rußland. Es ist überhaupt nur zu wahr, daß die Interessen der drei großen Ländergruppen, aus welchen Deutschland zusammengesetzt ist, immer weiter auSeinandergehen. Hüten wir uns, daß uns