Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 86. Donnerstag den 12 April 18LS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags, — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in WieSbaveu 8 fl., für ven Umfang des Herzogthums Nassau) des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landarafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- un8 Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. __Inserate werden die dreispaltige Petitzeilc oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- iberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Was hat das Frankfurter Parlament gegen die Noth der Zeit gethan?
Deutschland. Wiesbaden (Die Waldverwüstungen im Amt Königstein).— Aus dem Maingrunde (Ueberschreitungen der Kompetenz in Gemeindesachen). — Wied-Sel terS (Märzverein). — Freiburg (Fickler und Bornstedt vor den Gerichtöschranken). — München (Radetzky erhält den Hubertusorden). — Leipzig (Haussuchungen). — Hannover (Neue Telegraphenlinie). — Berlin (Die Prinzessin von Preußen). — Kiel und Schleswig (Nähere Nachrichten vom Kriegsschauplätze). — Wien (Die Kriegsführnng in Ungarn und Siebenbürgen. Eindruck der Antwort des Königs von Preußen).
Frankreich. Paris (Tagesbericht). — Toulon (Die Flotte). —Havre (Geheimnißvoller VerhaftSbefehl).
Großbritannien. London (Prozeß).
Italien. Turin und Genua (Ein Armeekorps gegen die Stadt. Des Königs populäres Benehmen).
Nachschrift.
K Was hat das Frankfurter Parlament gegen die Noth der Zeit gethan?
Als im vorigen Jahre das ganze europäische Staatssystem zusammenbrach und aus seinen Trümmern die soziale Frage wie ein verzehrendes Feuer emporflammte, drohend, den Wohlstand Europa's zu verzehren, versuchte man in allen Ländern, den bösen Geist der Verarmung und Unzufriedenheit der Völker auf mannigfaltige Weise zu bannen. In Oesterreich schlug man den kürzesten Weg ein — juan opferte den Uebelschuß der Bevölkerung in den großen Schlachten des Bürgerkrieges; in Rußland unterdrückte die Knute, in Irland die Aufhebung der Habeas corpus die Seufzer der leidenden Menschheit, in Frankreich errichtete man Faulheitsversorgungsanstalten und in Deutschland berief man ein Parlament, um die Krebsschäden auszumerzen, währenddem man nebenbei Jedermann freistellte, nach Amerika auszuwandern. Unmittelbar hat sich nun dieses Parlament nur einmal mit der sozialen Frage beschäftigt und erklärte in einem weitläufigen Berichte, die Noth sey da, aber man vermöge nichts dagegen zu thun. Man hatte in Frank-1 furt zu viel mit der politischen Seite zu schaffen und berührte soziale Punkte nur nebenbei wie das Auswanderungsgesetz; man hätte den umgekehrten Weg einschlagen sollen, so wäre man auch mit den Hauptfragen der Politik im Reinen. Wäre ein deutscher Zollverein statt eines preußischen da, so würde die politische Seite der Gestaltung Deutschlands zu einer Nebenfrage herabgesunken, während sie jetzt wie ein zweischneidiges Schwert an den Wendepunkt der deutschen Geschichte hinausgerückt ist. Wir wollen die einzelnen finanziellen Punkte angeben, deren Erledigung in der Macht des Parlamentes lag, und sehen, wie sich das Parlament dazu verhalten hat.
1) Deutscher Zollverein. — Bis jetzt cristiren der Zollverein, der Steuerverein und die österreichische Mauth nebeneinander. I
2) Einheit und Kraft Deutschlands. — Die Einheit gibt einem Staate eine ungeheure Elastizität, so daß ihn Weltkrisen weniger erschüttern. 1847 hat England wie ein Riese gegen das Unglück in finanzieller Hinsicht gekämpft, und heute sind die Narben geheilt, wenn auch nicht verschmerzt. Bei unS bluten die Wunden noch hier und dort, der PartikularismuS hindert eine gleichmäßige Heilung der Wunden, die, wenn nicht endlich von Berlin die gewünschte Einheit ausgeht, in kalten Brand übergehen.
3) Minderung der stehenden Heere. — England zahlte von 1801 bis 1845 für Heer und Flotte die Summe von 3281 Millionen Pfund Sterling, während es in derselben Zeit an's Ausland nur für 1910 Millionen an Waaren verkaufte. Bei unS ist das stehende Heer verdoppelt.
4) Kriegsflotte. — Die Deutschen haben die zweitgrößte Handelsflotte der Welt, aber ihre Kriegsflotte ist gleich Null. Man wende wie Frankreich ungefähr alle Jahr 100 Millionen Franken auf und es wird besser gehen. Jetzt ist's wie 1817, als zwei Koriarenschiffe von.Tunis vier deutsche Schiffe auS der Nordsee holten und der Deutsche Bund die Korsaren für Seeräuber erklären ließ.
5) Schutz im Auslande durch Reichskonsuln. — Man denke an die vom Fürsten der Wallachei gepeitschte Hannoveranerin. Kaum ein Anfang gemacht.
6) Deutjches Bürgerrecht. — Steht in den Grundrechten.
7) Navigationsakle und Handelsverträge. — Unmöglich beinahe wegen Mangel an 1 und 2.
8) Auswanderungsgesetz. — Ist da; aber die Auswanderung muß förmlich organisirt werden, wie z. B. die heiligen Frühlinge der Italiener im Alterthum, oder das Gesetz ist ein kosmopolitisches und kein nationales.
9) Gleichheit der Maße, Gewichte, Münzen; Gleichheit und Herabsetzung des Briefporto's. — Nichts geschehen.
10) Auflegung gleichförmiger indirekter Abgaben. — Nichts.
11) Errichtung einer deutschen Bank, Abfassung eines allgemeinen Hypotheken-, Wechsel- und Handelsrechtes, Gewährung von Reichsmonopolen, Verbot des Nachdruckes, Errichtung einer national-ökonomischen Universität. — Bis jetzt sieht ein Verbot des Nachdruckes in den Grundrechten und das Wcchselrecht ist von den meisten Staaten angenommen.
12) Regulirung des Kornhandels, Aufhebung des Salzmonopols. — Nichts geschehen, und doch ist die Regulirung des Kornhandels nicht den einzelnen Staaten zu überlassen, wie 1848 und 1816 zeigt. Hermes Geschichte der letzten 25 Jahre 1, S. 80.
13) Veröffentlichung jährlicher statistischer Tabellen über Handel und Industrie. — Liefert zum Theil nur der Zollverein und Oesterreich.
14) Ueberall geltende Prozeßordnung, besonders in Handelssachen und Verminderung der Prozeßkosten. — Nichts.
15) Erleichterung der Schifffahrt auf deutschen Flüssen und Kanälen. — Ist beantragt.
16) Schutz deutscher Industrie durch Differentialzölle. — Wegen 1, 2, 4 und 10 unmöglich.
Mehr wollen wir vor der Hand nicht verlangen in finan-