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Nassauische

"allgemeine Zeitung.

Jtë 78. Montag den 2. April L8LS

Zweite Ausgabe.

Uebersicht.

Zeitungsschau.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Das Gesetz über Schwurge- gerichte). Ein s (Die Kaiserwahl).Frankfurt (Die Messe. Jah­resfeier des Vorparlaments). Freiburg (Struve und Blind verur- theilt). Regens bürg (Unglücksfall). Leipzig (Die Kaiserbot­schaft). Berlin (Ehrenbürgerrecht für Heinrich von Gagern. Adresse der Stadtverordneten an den König).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Italien. Mailand (Beendigung des Krieges. Aufstände. Abschluß des Waffenstillstandes. Die königliche Familie in Turin soll des Throneâ ver­lustig erklärt sein).

Zeitungsschau.

Hören wir, wie zwei achtungswerthc Berliner Blätter, welche in der letzten Zeit manches gewichtige Wort in der Frage von der einheitlichen Neugestaltung Deutschlands mitgesprochen, die große Kunde aus Frankfurt begrüßen. DieDeutsche Re­form", die ihrem Namen immer Ehre gemacht, äußert sich, wie folgt:

Die erbkaiserliche Partei ist durchgcdrungcn, aber um welchen Preis! Die neugegründete Gewalt ist beinahe so schwach, als die frühere Kaisermacht seit dem westphälischen Frieden war; nicht einmal gegen Abänderung der Lerfassung soll das Reichsoberhaupt ein absolutes Veto haben. Freilich nicht die fürstlichen Obrigkeiten schränken die Oberhoheit ein, wie damals, sondern die Repräsentation des Reichs in Staaten­haus und Volkshaus. Das Recht der deutschen Fürsten ist nahezu vernichtet; der Reichsrath, der, aus ihren Bevollmäch­tigten zusammengesetzt, an der Reichsregierung theilnehmen sollte, ist ganz beseitigt. Und vollends das eigentlich volks- thümliche Recht der Wahl ist schonungslos der Demagogie preisgegeben. Die Pseudodemokraten sind auf der geheimen Abstimmung bestanden. Und doch ist ein Gewaltiges geschehen, das aus den Annalen der Geschichte nie wieder zu tilgen ist: die Nation hat in ihrer gesetzlichen Vertretung auf gesetzlichem Wege den Rettec Deutschlands bezeichnet. Wie kann König .Friedrich Wilhelm diese Sendung erfüllen? Nicht, indem er .ablehnt, wohl aber, indem er Bedingungen vorschreibt. Hier­auf war von jeher alle Welt gefaßt; nach dem jetzigen Ausfall wird es von Allen erwartet werden, von der Demokratie in der Hoffnung, daß Verwirrung daraus entstehe, von allen Freunden des Vaterlandes in der Zuversicht, daß nun endlich Deutschland eine Ordnung und Obrigkeit erhalte. Die kaiser­liche Partei zu Frankfurt hat den Beschluß ohne Zweifel nur in der Erwartung gefaßt, daß diese Bedingungen erfüllt wer­den; nnd sie werden es: denn der Widerstand der Linken wird ohnmächtig, sobald die Oesterreicher die Paulskirche verlassen. Gott erleuchte die Räthe des Königs. Schmerzlich bewegt

blickenlwir zurück auf das vorige Jahr; am heutigen Tage er­hielt Alfred von Auerswald vom Könige den Auftrag, ein Kabinet zu bilden, und Camphausen wurde Ministerpräsident Camphausen statt Brandenburg Auerswald statt Man­teuffel! und statt des Grafen Arnim - der Freiherr Hein­rich von Arnim!"

Bedeutungsvoller als diese Stimme erscheint ein Artikel in derConst. Zeitung," bekanntlich dem die Ansichten des Herrn Hansemann vertretenden Organ, welches die Verwerfung des Welcker'fchen Antrags als ein glückliches Ereigniß begrüßen zu müssen glaubte und nur dafür ein Wort des Bedauerns fand, daß die nächste Folge tiefer Verwerfung der Rücktritt deS Reichsministerpräsidenden H. v. Gagern und seiner Kol­legen gewesen ist. Dasselbe Blatt, und wir glauben Gewicht hierauf legen zu dürfen, sieht heute ein junges deutsches Kai­serreich neben dem alten Oesterreich gewissermaßen als schon bestehend an, indem es sich folgendermaßen ausspricht:

Es frägt sich nun, ob Se. Majestät der König diese von dem Kurfürstenkollegium des souveränen Volkes ihm dargebo, tene Kaiserkrone annehmen wird, ohne Zustimmung des'Für­stenkollegiums. Vor uralten Zeiten waren die Fürsten eifer­süchtig auf die Privilegien der Kurfürsten und cs frägt sich, ob sie heute eher im Stande sind, ihren Einreden Nachdruck zu verschaffen, wo die Wahlherren selbst aus der Volkswahl hervorgegangen sind. Spricht sich die deutsche Nation kräftig und unzweifelhaft für den Beschluß ihrer Vertreter aus, läßt sich daraus mit Zuverlässigkeit erkennen, daß sie in ihrer über­wiegenden Mehrheit bereit ist, die Traditionen einer tausend­jährigen Geschichte zu verlassen, die bedeutendsten Attribute der Selbstständigkeit der Einzelstaaten der Idee und dem Be­dürfnisse der Einheit zu opfern; bietet die Einheit desKlein-- deutschland," welches sich unter Preußens Herrscherstamm stellt, mindestens einen solchen Zuwachs an Macht und Ansehen, daß sie in der That Oesterreich entbehrlich macht und dasVer­einigte Deutschland" in die Verfassung setzt, allen bevorstehen­den Chancen eines europäischen Krieges zu trotzen, dann wird der gestrige Beschluß der deutschen Nationalversammlung in der Weltgeschichte glänzend, dann wird auch Preußens glor­reiche Dynastie, unterstützt von der ganzen Macht des Landes, sich nicht der gemeinsamen Sache entziehen. Sollte sich aber zeigen, daß dieser Beschluß, nur aus den Kombinationen par­lamentarischer Parteien hervorgegangen, ohne kräftigen Nach­halt in der Nation ist; daß die größeren Einzellande sich ab­sondern; daß Preußen nur einen Zuschub unbedeutender Länd­chen erhielte, um dafür nicht nur sich selbst auszulösen, sondern auch zu einem Kampfe gegen das gesammte Europa gedrängt zu werden dann wird der gestrige Beschluß, sammt Allem, was in Frankfurt gebaut und erdacht worden, ohne Wirkung bleiben: höchstens ein Vergleichungspunkt für die Entwicke­lungsgeschichte einer späteren Zeit. Fast gleichzeitig mit dieser Nachricht kommen uns die Siegesberichte Radetzky'S zu.

Das alte Oesterreich seine heftigsten Feinde müssen das zugestehen ist inmitten der schweren Krisen, die es betroffen, noch immer anEhren und an Siegen reich." Wie hinter­listig das österreichische Kabinet sich auch in seinen Beziehun­gen zu Frankfurt benommen, mit welcher gerechten Strenge