Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 77. Samstag den LL März L8L»
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zcitnngsschau.
Politische Fastcnbetrachtnngcn.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Herborn (Hyißtrauens- vota und deren Bedeutung). — Bertin (Dec Preußische Staatsan-' zeiger über den Waffenstillstand).
Frarrkreich. Paris (Die piemontesische Armee geschlagen.
Karl Albert auf französisches Gebiet geflüchtet.
Italien. Turin (Vom Kriegsschauplätze).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Zeitungsschau.
Die „Frankfurter" Zeitung" meldet Folgendes: „Geilern Abend standen einige Lämpchen auf dem Balkon des Englischen Hofes vor dem Zimmer, wo — Dahlmann wohnt." Dahlmann wohnt nicht im englischen Hofe. Aus der Frankfurter Zeitung erfährt man zugleich, was die Herren von Schmerling und Heckscher eigentlich beabsichtigten, als sie in den Erzherzog Reichsverweser drangen, seine Stelle niederzulegen. Das österreichische Blatt bemerkt: „Damit hört die Zeutralgewalt auf, und falls die 290 in der Paulskirche fortfahren zollten, Beschlüsse zu fassen, so verfallen sie in den Charakter eines Konfentes u. s. w. Um die konstitutionelle Ansicht des Königs von Preußen kennen zu lernen, druckt sie die bekannten Stellen aus der Rede des Königs vom 1l. April 1847 ab!
Die „Kölnische Zeitung" enthalt von einem augenblicklich in Deutschland lebenden Russen ein Schreiben, dem wir Folgendes entnehmen: „Viel wird in der letzten Zeit von einem Kriege mit Rußland gesprochen, oder eigentlich von Rüstungen Seitens Rußlands. Es gibt aber ein untrügliches Zeichen, an welchem zu erkennen ist, ob es damit ernst gemeint ist. Dies Zeichen ist der Oberbefehl der Armee. Heute steht an deren Spitze der Feldmarschall Fürst von Warschau, der zugleich Vice- König von Polen ist. Unter seinem Oberbefehl steht seit 1831 das, was man die active Armee nennt, die aus 4 Armeecorps, jedes zu 50 bis 60,000 Mann, besteht. Sollte es wirklich zum Kriege kommen, so wird und muß man damit anfangen, den Fcldmarschäll auf die Seite zu schaffen — mögen die Wege und Mittel sein, welche sie wollen. So lange dies nicht geschieht, ist es auch kein Ernst mit dem allgemeinen AuSrncken der kaiserlichen Macht. Eine Niederlage wäre sicher, bliebe der ictzige Feldherr an der Spitze. Er izt nicht mehr der Mann von Eriwan und Warschau; siebenzchn Jahre capuamschen Schwelgens in Warschau haben aus ihm frühzeitig einen C>els gemacht. Weder sein Gesundheitszustand, noch seme rntellectuellen Kräfte eignen ihn zu einem Führer in einem Kriege, der so furchtbar, so entscheidend für mein Vaterland werden wurde.
Dies weis ganz Rußland, der Kaiser wie die Nation. Anders war es im persischen, im polnischen Kriege; Paschkewitsch war ein rüstiger, thätiger, unternehmender, aber auch ein armer Mann. In Polen hat er sich, hat er seine Familie unermeßlich bereichert. Nicht hierher gehört es zu schildern, wie der Fürst, die Fürstin, feine Töchter, seine Söhne das Land ausgesogen haben. Aber mitten in den Reichthümern ist der alte Geist des Feldherrn untergegangen. Sollte es wirklich zum Bruche kommen, so wird sich der Kaiser und der Petersburger Hof nicht einen Augenblick scheuen, dem nationalen Wunsche der.Armee zu entsprechen, und Paschkewitsch aus dem Wege räumen. Wie das in Rußland möglich ist, das ersehen, Sie, wenn Sie einen Blick in die russische Geschichte werfen!" — Wir haben dem nichts beizufügen, als daß damit noch kein Grund gegen die baldige Gefahr eines russischen Krieges angegeben ist.
(Mannh. Journal.) Einer der größten Staatsmänner Preußens, der alte Herzberg, sagte zu Friedrich dem Großen: „Die kühnste Rolle ist für Preußen auch die sicherste . Rolle." Heute könnten diese Worte in Erfüllung gehen.
Der Kölner Zeitung wird aus Wien geschrieben: Wüßte« wir nicht, wie sehr behutsam die „Kölnische Zeitung" in ihrer Darstellung der ungarisch-kaiserlichen Kriegsbegebenheiten ist, wir wären schon vor drei Tagen im Stande gewesen, Ihnen die Besetzung HermannstadtS durch die Magyaren unter Bem zu berichten. Heute erst wagt der „Lloyd" und die „Presse" davon zu sprechen, weil sich die Thatsache nicht mehr verheim, liehen läßt. Gewiß ist es aber, daß der Einmarsch schon am 12. März erfolgte und daß die russische Besatzung, welche nicht, wie der „Lloyd" berichtet, 3000, sondern 6000 M. stark war, erst nach heftigem Kampfe den Platz räumte. Die Nachricht macht hier einen um so gewaltigeren Eindruck, als man nie daran gedacht hatte, daß Bem eS mit den Russen aufzunchmen wagen werde; und mit Schmerz denken wir an die traurige Lage der deutschen Hauptstadt Siebenbürgens, welche von dem polnischen General der Plünderung Preis gegeben wurde, mit dem Bemerken, daß die kaiserlichen Truppen bei der Einnahme von Wien mit dem Beispiele der Plünderung vorangegangcn seyen. Bem hat übrigens Hermannstabt wieder verlassen, da es in keiner Beziehung ein strategischer Posten von Bedeutung ist.
Dieser kühne Führer scheint allen Anzeichen nach noch immer mit dem Plane umzugehen, eine Diversion durch die Bukowina nach Galizien zu machen, und in Folge dessen unterliegt es keinem Zweifel, daß die Russen in giößerer Masse über die Gränze rücken werden. In diesem Falle ist freilich das Ende beS Kampfes nicht sehr zweifelhaft ; aber die Bemerkung der heute hier eingetroffenen „Kölnischen Zeitung" über die hereinbrechende Slawen-Bewegung ist nur zu wohl begründet und dürfte in der Wagschale des ungarischen Krieges schwer zu wägen kommen.