Nassauische
Allgemeine Zeitung.
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Montag den LS März
1849«
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Ein Brief Welckers.
Ueber die Bauverwattung.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag. Verhaftsbefehl gegen Giskra.
Weigerung Sachsens bei den Flottenbeiträgen). — Köln (Preßprozeffe).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Cin Brief Welckers.
Wir lesen in der Oberpostamtszeitung: Nachstehendes Schreiben des Abgeordneten Welcker an die Abgeordneten Edel und Reigensberger wirft auf die jetzt in der deutschen Reichsversammlung in Erörterung stehende große Frage ein richtiges Licht und bietet deshalb ein allgemeines In- teresse:
„Hochverehrte Freunde! Ich ersuche Sie, den geehrten Kollegen im Klubb des Pariser Hofes, unter Mittheilung dieses Schreibens, meinen Austritt anzuzeigen.
Mit dem tiefsten Schmerz sah ich durch die neuesten österreichischen Ereignisse alle unsere angestrengten Bemühungen für Erhaltung unserer österreichischen Brüder im Bundesstaate und somit den Zweck unseres Zusammentritts zu unserem besonderen Verein vereitelt. Mir wenigstens wurde ferneres gemeinschaftliches politisches Wirken mit unseren Freunden, sofern dieselben meine Ansicht nicht theilen, unmöglich, wenn ich mich nicht ebensowohl mit unserem gemeinschaftlichen Programm wie mit meinen stets offen ausgesprochenen politischen Grundsätzen im Widerspruch befinden wollte.
Die „Einheit und Macht des deutschen Gesammt- staates" und, so weit möglich, die „Einheit deö gesummten deutschen Vaterlandes und aller seiner Bestandtheile auf der Grundlage freisinniger Institutionen im Bundesstaat zu vereinigen": dieses erklärte unser Programm als die Aufgabe der verfassunggebenden Reichsversammlung und unseres KlubbS. Ich aber erklärte stets privatim und seit dem Beginne unseres Parlaments und noch neuerlich, namentlich in der Verhandlung über die Oberhauptsfrage, auch öffentlich, daß ich, sobald Oesterreich in unsern Bundesstaat nicht ein- trete (wenn mithin ein preußisches Erbkaiserthum solche Erklärung nicht verschulde), den Ersatz für die verlorene Kraft und Sicherheit des Vaterlandes in stärkerer Einheit suchen, und mit Entschiedenheit für daS preußische Erbkaiserthum stimmen würde, „wenn Oesterreich ausscheidet."
Dieses waren in jener Rede von der Tribune meine Worte (vergl. Stenogr. Ber. S. 4764 und 4771): „wenn Oesterreich ausscheidet, sage ich mit vollem Herzen: eö lebe der preußische Kaiser hoch!"
Dieser Fall, wo ich, um mir selbst treu zu bleiben, Wort halten muß, ist jetzt unbestreitbar vorhanden.
Die neue österreichische Verfassung, die neueste und die vorletzte österreichische Note, sowie auch die in Ihrer Gegen
wart erstatteten Berichte unserer Abgesandten nach Wien stimmen darin überein, daß die österreichische Regierung unser ganzes seit zehn Monaten geschaffenes Verfassungswerk, jede Idee eines wahren Bundesstaates und eines Nationalparlaments, namentlich ein Volkshaus, entschieden verworfen hat.
Von den unter gemeinschaftlichem Erbfürsten und durch gemeinschaftliches VoikshauS geeinigten großentheilS undeutschen 38 Millionen Oesterreichs sollen bei einer Staatenvertretung nach Volkszahl die 31 Millionen Deutschen ohne gemeinschaftliches Oberhaupt und ohne gemeinschaftliches Volkshaus und ohne das Recht der Vertretung nach Außen, deS Kriegs und Friedens und der Vereinigung für sie und für Zoll- und Handelsverhältnisse, in wahrer Löwengesellschast abhängig werden.
Nachdrücklich will das österreichische Kabinet, welches mit Unwillen den Gagern'schen weiteren und engeren Bund verwirft, unsere 31 Millionen verhindern, durch unsere Bundes- slaatsverfassung und ein Oberhaupt uns so zu einigen, daß wir wenigstens einigermaßen gleich dem zentralisirten Oesterreich gegenüberstehen und den angebotenen Schutz- und Handelsbund eingehen könnten.
Es beruft sich dazu auf die Fortdauer des alten deutschen Bundes und deren Garantie durch die europäischen Mächte. Es hat aber mit seiner definitiven Verfassung das Recht die- jeS Bundes, die Oberherrschaft seiner Gesetze und Einrichtungen über die deutsch-österreichischen Lande durch deren Unterordnung unter die souveräne meist nichtdeutsche Parlamentsgesetzgebung ausgehoben und die mit den deutschen jetzt verschmolzenen außerdeutschen Lande dem Bunde und seiner Garantie ebenso verfassungswidrig aufgedrängt.
Können nun wohl deutsche Männer, können edeldenkende .Oesterreicher zur Unterstützung dieser ungerechtesten KabinetS- politik durch ihre Abstimmung uns gleiche Schmach zufügen oder werden Sie es so wie Herr v. Würth mit ihrer Ehre vereinbar halten, uns diejenige Einigung unmöglich zu machen, die sie selbst erhielten, und durch solche Ehrenhaftigkeit die Möglichkeit einer Wiedervereinigung erleichtern? Mir aber, als ich solche, der Ehre und Selbstständigkeit der deutschen Nation hohnsprechende Anmaßungen auch noch neben der neuen österreichischen Verfassung Montag Morgens durch vertrauliche Mittheilungen erfuhr, stand augenblicklich die Ueberzeugung fest, daß nur kühnes und schnelles Handeln der deutschen Nationalversammlung sie selbst und das Vaterland retten könnte.
Diese mir klar vor der Seele stehende Ueberzeugung mußte ich meinerseits durch rüstiges Handeln in meinem durch keines Menschen Mitwissenschaft oder Mitberathung verzögerten oder geschwächten dringlichen Antrag bethätigen.
So habe ich nach bestem Wissen das Meinige gethan. Mögen auch Sie und die Freunde das Ihrige thun! Wir stehen in dieser Entscheidungszeit vor Gott, vor dem Vaterland und seiner Geschichte! Mit u. s. w. Ihr
Frankfurt, 15. März 1849. K. Welcker.