Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 62 Mittwoch den LL März 1849.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme deS Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationSpreiS ist in Wiesbaden S ft., für den Umfang des Herzogtums Nassau, des GroßherzogtbumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fnrstlich 'Thurn-und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Jnsera tc werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
U e b e r s i ch t.
Wie sich die Linke in der Paulskirche über den Welcker'schen Antrag ärgert.
Deutschland. Wiesbaden Landtag. Der deutsche Verein. Abmarsch einer Artillerieabteilung., Die Armen). — Frankfurt (Der dänische Krieg. Hr. v. Schmerling. Der Eindruck der Welcker'schen Rede). — Lübe ck (Blokade der Küste). — Wien (Verhaftung von Er-Deputirten.
Die Nachrichten aus Siebenbürgen. Die Aufnahme der oktrohirten Verfassung).
Ungarn. Pesth (Vom Kriegsschauplätze).
* Wie sich die Linke in der Paulskirche über den Welcker'schen Antrag ärgert.
Von den linken Fraktionen des Reichstags wird eine litho- graphirte Korrespondenz eifrig verbreitet und selbst einem Blatt, wie das unsrige, das man doch sehr wenig links nennen dürfte, fortlaufend unverlangt zugesendet. Es scheint sich also hierbei um eine sehr umfassende Propaganda der Ideen der Linken zu handeln. Die heute einlaufende Nummer dieser Korrespondenz verdient aber auch in unsere Spalten einen Abdruck, denn sie enthält das Urtheil über den Welcker'schen Antrag , welcher nach allen Berichten von so niederschmetternder Wirkung gewesen ist. Wie die Leser ersehen werden, ärgert sich jedoch die Linke nicht blos , sondern sie hat auch sofort einen neuen Plan zur Hand, nämlich, Oesterreich zu re- Volutioniren, wahrscheinlich, damit das Volk zu ihren Gunsten entscheiden möge, während die Regierung in Ollmütz wider Willen zu Gunsten der preußischen Erbkaiserpartei entschieden hat. Kundige Männer sind jedoch der Ansicht, daß sich die Linke gewaltigen Täuschungen hingegeben über die Stimmung des österreichischen Volkes in der deutschen Frage. Die Zukunft wird lehren, wer Recht hatte. Vernehmen wir einstweilen die Stimme von der linken Seite der Paulskirche:
Frankfurt, 12. März. Die Dahlmann'sche Theorie des Anlehnens an den Mächtigen ist mittelst der oktroyirten Verfassung Oesterreichs auch in Hrn. Welcker eingedrungen. Sein Antrag, der im Wesentlichen darauf hinausläuft, den Vetfas- sungsèntwurf in Bausch und Bogen anzunehmen, und den König von Preußen als erblichen Kaiser an die Spitze zu stellen, fuhr wie ein Blitz in die reichsgerichtlich träumende Versammlung. Welcker? Welcker? Kein Mensch wollte cs glauben. Es ist unmöglich, aber doch wahr! rief ein alter Freund Welckers, der kopfschüttelnd sich beim Präsidenten über die Richtigkeit der Person überzeugte. Die Versammlung ließ die Begründung zu, bei deren banalen Phrasen, daß das Vaterland in Gefahr sey, und durch den König von Preußen gerettet werden müsse, Herr von Beckerath sich die feuchten Augen wischte. Die Diskussion des Reichsgerichts wurde versucht, aber vergebens — man vertagte sich in großer Aufregung.
ES ist nicht zu lâugnen, daß Alles auf den preußischen Erbkaiser hinaussteuert, und daß die österreichische Verfassung
ihm die Krone aufsetzt. Aber ist dies nicht die traurige Folge des Verhaltens der Nationalversammlung in der österreichischen Frage selbst? Wenn Gagern jetzt lriumphirend ausrufen kann: Seht Ihr, ich hatte Recht, Oestreich kann nicht einrreten, wenn Welcker sagt: spät, aber dennoch überzeuge ich mich, daß Gagern Recht hatte — wird ihnen und der Majorität die Geschichte nicht antworten, daß diese Männer und ihre Anhänger selbst die Schuld dieser Resultate tragen? Wer unterstützte diese absolutistische Regierung, die endlich die konstitutionelle Maske abwirft? Was gab ihr die Kraft wieder, über die Völker Oestreichs zu gebieten, statt daß diese selbst ihr Schicksal bestimmen sollten? Wer drückte dieser Regierung das Schwert in die Hände, und wer sah ruhig zu, wie die Druschen Sym- Pathieen in Oestreich gemordet wurden? Wer versagte die Hand, als Deutschöstreich bei Deutschland, bei der Nationalversammlung um Hülfe schrie? War es nicht dieselbe Majorität, die Gagern und Schmerling stützte und Welcker nach Ollmütz schickte.
Die Fehler in der Politik sind nicht gut zu machen — sie können nur gerächt werden. Aber kann dies nicht geschehen? Weiß man so sicher, daß Oesterreichs deutsche Völker diese ok- troyirte Verfassung annehmen werden mit Dankbarkeit und Unterwürfigkeit, wie Preußens Volk die seinige? Wir glauben dies nichts?). Der Raub, den die österreichische Regierung an den erkämpften Freiheiten begeht, wird eine furchtbare Aufregung in Lande erzeugen, und wenn nur die mindeste Aussicht auf Erfolg ist, so wird das österreichische Volk dem Mi, nisterium Stadion eine ähnliche Antwort geben, wie die vom 6. Oktober (?).
Wenn je, so liegt es im Interesse Deutschlands, jetzt das Signal zum Kampfe in Oesterreich zu geben, voranzugehen gegen ein freiheitsmörderisches Ministerium. Die Nationalversammlung kann das thun, das Reichsministerium kann es thun — beide werden die deutschen Sympathieen in Oesterreich finden, und so des Sieges gewiß seyn können.(Aber ein preußischer Erbkaiser kann dies nicht thun — jeder Schritt von ihm gegen Oesterreich, gegen das Ministerium des Hauses Habsburg würde den Schein der Eroberungsgelüste an sich tragen, und von den Bewohnern der deutsch, österreichischen Lande mit Indignation zurückgewiesen werden.
Wir sind durch die Erfahrung belehrt worden, daß Deutsch- Oesterreich zu schwach ist, um allein gegen den Absolutismus anzukämpfen. Sollen wir es nun verlassen in der Stunde der Gefahr und als Feiglinge unter dem Schutze preußischer Ba, yonnetle zusehen, wie die kaum errungene Freiheit in Oesterreich wieder vernichtet und auch unsere deutschen Brüder dort der absoluten Herrfchast wieder geopfert werden? Nimmermehr!
So ist denn der Welckcr'sche Antrag ein Schrei der Verzweiflung — aber er streckt seine Hände nach dem falschen Mittel aus. Dies Mittel ist nicht das preußische Erbkaiser- thum in Deutschland, es ist vielmehr die Revolution in Deutsch-Oesterreich.
Hier möge sich das Parlament (!) an die Spitze stellen — thut cs dies nicht, so rettet es auch das Vaterland nicht durch einen Erbkaiser.
Gagern läugnete heute die Eristenz einer russischen Note