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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^ SS» Freitag den 9» März 1849»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch ellcn- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Rede Hergenhahns im Deutschen Verein.

Deutschland. Hattersheim (Das Militär). Frankfurt (Die russische Zirkularnote). Heidelberg (Mordanfall). Karlsruhe (Preßbestimmungen. Preußische Truppen). Berlin (Die Kammer. Präsidentenwahl). Altona (Lord Palmerston und der Frieden).

Ungarn. Pesth (Bestätigung des Siegesberichtes aus Ungarn).

Sprechsaal für Stadt und Land.

* Die Rede Hergenhahns im Deutschen Verein.

(am 4. März 1849.)

Wir hatten ursprünglich die Absicht, sämmtliche in der öffentlichen Sitzung desDeutschen Vereines" am 4. März gehaltenen Reden nach einer stenographischen Auszeichnung in einer außerordentlichen Beilage abzudrucken. Allein da wir eine solche Aufzeichnung leider nur von den 5 oder 6 zuerst­gesprochenen Reden erhalten konnten, die zuletzt aber, nament­lich von Ricsser, Raveaur und Schoder gesprochenen, vorzugs­weise ein allgemeineres Interesse beanspruchten, so unterließen wir jene fragmentarische Mittheilung. Dagegen wollen wir aus den erwähnten stenographischen Aufzeichnungen nachfolgend die Rede des Ministerpräsidenten Hergenhahn vollständig wieder­geben, weil dieselbe, schon um des Redners willen, im ganzen Lande Aufmerksamkeit erregen dürfte. Sie knüpfte sich unmittel­bar an ein dem Redner ausgebrachtes Hoch und lautet:

Meine Herren! Diese Ihre Anerkennung, welche so manche trübe Erfahrung verwischen wird, freut mich sehr; ich danke Ihnen von ganzem Herzen!

Meine Herren! Die Redner vor mir haben auf den 4. März des vorigen Jahres zurückgedeutet. Sie haben auch un­sere Hoffnungen, die wir damals hatten, verglichen mit dem Zustande, wie wir ihn jetzt haben, und ich kann Ihnen nicht Unrecht geben, manche Hoffnung ist nicht erfüllt. Aber noch scheint die Sonne so freundlich, wie damals, und wieder blü­hen die Knospen des Frühlings; nur die Menschen, sie haben sich geändert. Demungeachtet bleibt die Erinnerung an den vierten März des vorigen Jahres immer eine erhebende, denn sie erinnert an die Hingebung der Bürger dieser Stadt für eine gerechte Sache, sie erinnert uns an die Eintracht, die damals unter uns herrschte, sie erinnert uns daran, wie wir mit dem Muthe Besonnenheit und Mäßigung verbanden. Diese drei Dinge verschafften uns damals den Sieg. O, daß nie vergessen worden wäre der Muth, die Eintracht, die unter uns herrschten, damals in dem Momente, als die Forderungen der Nassauer ; ugestanden wurden, wie die Gefühle ineinander schlugen und jedes Herz hoch klopfte!

Von einer Seite, das muß ich gestehen, ist diese Treue bewahrt worden. Wenn ich alle die Forderungen, die damals

gestellt wurden und die ich mitstellte, nochmals in mein Ge, dächtniß zurückrufe, so weiß ich keine, die nicht erfüllt worden wäre, oder deren Erfüllung nicht wenigstens so weit vorberei­tet ist, wie es die Zeit und die menschlichen Kräfte zuließen. Man hat das von vielen Seiten nicht anerkennen wollen, man hat die Autorität der Regierung heruntergezogen, vcrläugnet auf jede Weise. Ich habe cs mit Ruhe, und ich glaube sagen zu können mit Würde ertragen, weil ich mir bewußt war in meinem tiefsten Herzen, daß ich das, was ich damals haben wollte, noch will, und daß ich es wollen werde, so lange ich lebe. Es ist leicht zu errathen, worauf eS beruht, daß man dies nicht anerkennen will von mancher Seite, das Ge­heimniß besteht darin, daß eine Partei in unserem Lande ist, die selbst glaubt over die das Volk glauben machen will, Alles rnhe auf einer Regierungsform, die nach fremdem Muster hierher in unser Land verpflanzt werden soll, sie vergessen aber, Biese Männer, daß solche Formen nicht willkürlich auf ganz andere Verhältnisse übertragen werden können, daß sie in dem Charakter, in den äußeren Zuständen des Volks begrün­det seyn müssen, und wenn sie das nicht find, dann sind sic vergleichbar mit einer Hütte von grünen Reisern, die nur wenige Tage die lebendige Natur nachahmen, dann aber, faulen, denn sie haben keine Wurzeln im Boden. Ich verwechselte niemals Form mit dem Wesen. Wer die Geschichte kennt, der weiß, daß unter der republi­kanischen Regierungsform so viele Unfreiheit, so viel Elend seyn können, als in einer Monarchie. Nicht auf die Form kommt es an, sondern darauf kommt cs an, ob das Gesetz herrscht und ob weise und gute Gesetze herrschen und die Garantien für weise und gute Gesetze liegen nicht in der Re­gierungsform, sondern sie liegen im Volke selbst. Ein Volk, welches auf sein Recht hält, aber auch nur auf sein Recht, das wird auch unter der monarchischen Regierungsform die Garan­tie für seine Freiheiten in sich selbst finden, wenn es aber mit gierigen Händen weiter greift, wenn es Recht und Gesetze selbst nicht mehr achtet, dann kommt der Rächer und die Frei­heit fällt irgend einem gewaltigen Menschen zur Beute. Un­geachtet dieser Lehre der Geschichte vcrläugnet eine Partei, die Sie Alle kennen, Gesetz und Ordnung, würdigt jede Autöritât herab, strebt nach einem vollständigen Chaos, nach einer ta­bula rasa, wie sie sich ausdrücken, um darauf ihr Gebäude zu gründen, hetzt Bürger gegen Bürger, hetzt die Besitzlosen gegen die Besitzenden. Sie hât dadurch einen Zustand herbei­geführt, der in der That jeden ächten Vaterlandsfrcunv mit Wehmuth und Besorgniß erfüllt. So hier in unserer Stadt, so in unsrer Heimath, so in unserm großen Vaterlande. Schon pochen die wilden Schaaren der Russen an unserer Ostgrenze, es droht der kampfeslustige Franzose unser schönstes Stück vom Vaterland wegzureißen und in unserem Innern selbst wüthen die Parthcien/ Das ist ein trostloses Bild und mir wird es bange, wenn ich denke, daß wir noch nicht so weit sind, um einen festen, soliden Zustand erlangt zu haben, wo jedes Glied des großen Vaterlandes sich zusammenreiht zu einem kräftigen Ganzen, das stets wie Ein Mann sein Recht vertheidigt gegen Alle, die sie ihm anfeinden. Das deutsche Parlament in Frank­furt, es sollte der Grundstein werden für die deutsche Freiheit