Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JS SL. Montag den S März L8â
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Politische Rundschau-
Die Taunus-Eisenbahn, insbesondere die Biebricher Zweigbahn, deren Einrichtung und Betrieb.
Deutschland. W iesbaden (Die Feier des 4. März).— Ems (Brand).
— Vom Elbbache (Die Boiksversammlung in Neunkirchen). — Mainz (Der neue Bischof). — Frankfurt (Zum Schutz der nationalen Arbeit. Abänderungsvorschläge der vereinigten Regierungen). — Stutt- gart (Die Kammer der Standesherrn). — Wien (Zivilehe. Die Mörder Latour's)
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Politische AunSschau.
(Aus der Deutschen Reform.)
Wir stehen mitten in der verhängnißvollen Krisis. Die nächsten Wochen müssen die Dinge zur Entscheidung bringen. So straff ist der Bogen, daß die Sehne diese Spannung nicht länger auszuhalten vermag. Vielleicht bricht sic, und das Schwirren wird ganz Europa in Verwirrung bringen.
Blicken wir um uns. Vom Skagerrack, das von den Stürmen der Nordsee gepeitscht wird, bis dorthin, wo die, Donau ihre Fluthen durch das eiserne Thor wälzt, ist Alles in einen Knäuel zusammengeballt, den zu lösen die Diplomaten sich vergeblich abmühen. Läßt sich der Krieg mit Dänemark vermeiden? Dieses kleine Land suhlt die Schauer der bevorstehenden Vernichtung; es begreift, daß sein Ende naht. Ohne die wohlhabenden überelbischen H erzogthümer, welche es ausbeutete, und die ihm tödtlichen Haß und Krieg bis zum Messer geschworen haben, ist es verloren. Es wird die Her- zogthümer einbüßen, und in dem Kampfe, welchen eS führen will, um ihnen ein Zwangöjoch aufzulegen, wird es selber untergehen. Ohne sie kann cs, mit den bisherigen Ansprüchen, nicht bestehen. Rußland schürt, England möchte ausgleichen, aber Deutschland kann seine treuesten Söhne nicht im Stiche lassen und wird ihnen Hülfe gewähren. Schweden hat sich thörigterweise auf Dänemarks Seite gestellt, statt in Deutschland einen aufrichtigen und uneigennützigen Bundesgenossen zu suchen. Vor Ablauf eines Monats wird entschieden seyn, was der Sommer bringt. Auch eine Verlängerung des Waffenstillstandes wäre nur ein Aufschub. Jenseits der Elbe liegt die erste Handhabe zu einem europäischen Kriege.
Eine zweite bietet Italien dar. Von Genua bis über die Meerenge von Messina lodert der wilde Brand. Savoyen ist unmuthig, Piemont in revolutionärem Fieber und in halber, schiefer Stellung. Radetzky mit einem siegesmuthigen Heere verfügt über 160,000 Mann ; der Sieger von Custozza brennt vor Begierde, sich mit neuen kriegerischen Lorbeeren zu bedecken, und den Frieden in Turin zu diktiren. Die Lombardei knirscht in ihre Ketten, die Lagunenstadt Venedig leistet noch immer tapfern Widerstand. In Toskana, das der Großherzog verlassen hat, herrscht völlige Anarchie, und in
9i o m hat man eine Republik ausgerufen, deren Dauer sich höchstens nach Wochen, kaum nach Monaten, gewiß nicht nach einem Jahre berechnen wird. In Neapel schwankt Alles im Ungewissen, hinter dem Könige aus dem Hause Bourbon, der Alles, was Revolution heißt, verflucht hat, steht der Czaar aus dem Hause Romanoff-Holstein, der seine Lebensaufgabe darin findet, die Revolutionäre zu Paaren zu treiben. Die sizilische Frage ist eben so wenig gelöst, wie die schleswig- holsteinische, und die englische Politik in Betreff Italiens ist nicht minder zweideutig wie in Betreff unserer nordalbingischen Lande. Sie wartet zu, sucht in die Länge zu ziehen, und erregt bald hier bald da Hoffnungen und Erwartungen, welche sie in den wenigsten Fällen erfüllt oder befriedigt. Sizilien möchte sie möglichst unabhängig von Neapel machen, weil die vereinzelte Insel ihrem Protektorate anheimfallen, somit ihren ohnehin schon überwiegenden Einfluß im Mittelmeere noch verstärken müßte. Dagegen lehnt sich, von seinem Standpunkte mit vollem Rechte, Frankreich auf; es läßt für Sizilien die revolutionäre Politik der Sympathien und der Propaganda fallen, um eine Politik der Interessen zu befolgen, welche ihm gebietet, England im Mittelmeer nicht noch mächtiger werden zu lassen.
Die Brüsseler Konferenz über Italien gilt uns lediglich für eine Phantasmagorie. Es fehlt für diese Konferenz an allen erforderlichen Ingredienzen, Oesterreich will und braucht keine Vermittelung mehr. Von einer Trennung seiner Provinzen jenseits der Alpen, von einem Abtreten der Lombardei, welche es im vorigen Sommer selbst anbot, ist keine Rede mehr; die Verhältnisse haben sich völlig geändert. Sein Feldherr wird die Piemontesen auf's Haupt schlagen, die Lombarden weiter züchtigen und dann unter Rußlands Beifall und mit Hülfe Neapels die alten Zustände in Rom und Toscana wiederherstellen. Gewinnt Frankreich inzwischen mehr Ruhe, wird es der Rothen völlig Herr, so mag es vielleicht sein Heer über die Alpen rücken lassen, und interveniren. Doch das hängt nicht von dem guten Willen der Machthaber in Paris, sondern von den Umständen ab. Sind diese halbwegs günstig, so wird man, trotz aller finanziellen Schwierigkeiten, den Gährungöstoff nach Außen werfen und an die kriegerische Neigung und die Ruhmsucht der Franzosen appelliren. Das wäre abermals eine Handhabe zu einem europäischen Kriege.
Und weiter: Die ottomanische Pforte ist schwach. Der heillose Adrianopeler Friede hat die Türkei auf Gnade und Ungnade dem russischen Kabinette überantwortet. Wir Reiben es oft gesagt: Oesterreich hätte eher den letzten Kreuzer und den letzten Mann opfern müssen, als zugeben dürfen, daß dieser Friede geschloffen wurde, welcher die Rußen zu Herren der Donaufürstcnthümer und der Donaumündungen machte. Die Folgen liegen zu Tage. Es gab eine Zeit, in welchen der Sultan mißliebigen Unterthanen bte seidene Schnur zusandte, damit sie sich selber erwürgten. Eine solche Schnur ist der Adrianopeler Friede und die Politik des Fürsten Metternich hat dazu beigetragen, die Schleife zu knüpfen, welche dem Nachfolger des Propheten so vcrhängnißvoll geworden ist. Man sehe nur, wie die in ihrer Art bewunderungswürdige r u s s i s ch e P o l i t i k mit Planmäßigkeit, Nachdruck und Sicher-