Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M LS Dienstag den 27. Februar 18LS
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Die progressive Einkommensteuer.
Der Staat und der Religionsunterricht.
Deutschland. Wiesbaden (Die Macht des deutschen Reiches). —
Frankfurt (Reichstag). — Berlin (Wunderkuren). — Schleswig
(Einfall der Dänen).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Die progressive Einkommensteuer.
In der Oberpostamtszeitung finden wir einen, von der Lahn datirten Artikel über die progessive Einkommensteuer, welcher dem Vernehmen nach von Professor Schmitthenner in Gießen herrühren -soll nnd so vortrefflich die ganze Sachlage erörtert, daß wir uns nicht enthalten können, ihn, trotz der langen Auseinandersetzungen, die in Betreff dieses Themas bereits stattgefunden, vollständig hier einzurücken:
»ES ist gar nichts Neues und für den Geschäftskundigen Auffallendes, daß in Zeiten großartiger, selbst organischer und heilsamer Umgestaltungen des religiösen und politischen Lebens, bei der fieberhaften Aufregung, Spannung und oft Verwirrung der Gemüther , welche dieselben naturgemäß begleiten, Grundsätze Anhang finden und um Lehren sich ein Schwarm bildet, die eben so zufällig wie jene wesentlich bedingt, und eben so verwerflich wie jene gerechtfertigt sind. Wer kennt nicht die heillosen Lehren eines Johann von Leiden oder eines Thomas Münzer, die neben der Reformation hergingen, die lächerlichen und traurigen Verirrungen, welche die Revolution in England begleiteten, wo bekanntlich das ganze Parlament zuletzt in einen so bedenklichen Geisteszustand gerathen war, daß es das mosaische Gesetz einführen wollte?
Gewiß darf es daher nicht befremden, wenn in unseren Tagen, wo die Gesellschaft bis sin ihre Grundfesten erschüttert ist und aus allen Fugen zu brechen droht, selbst unter den sonst besonnenen deutschen Lehren Prediger und Anhänger finden, die in Zeiten, wo die Strömung der Geschichte klar und ruhig ist, nur Paradoxie und Unsinn verspottet würden. Cha, rakteristisch, wenn auch erklärbar, lst es nur, daß die Schwär, merci sich von den himmlischen Dingen abgewendet hat und in daS Gebiet der Nationalökonomie, also in das Reich der kühlen Betrachtung und nüchternen Berechnung gerathen ist. Es beurkundet und ehrt den sittlichen Geist der Deutschen, daß sonst so appetitliche Lehren, wie die von der Gemeinschaft der Weiber und irdischen Güter, gar keinen, oder nur leisen Anklang gefunden haben; es bezeugt dagegen aber auch, wie wenig das tiefere Studium der ökonomischen Verhältnisse unter uns verbreitet ist, daß entweder Triviales oder, Thörichtes sagende Phrasen, wie Organisaftion der Arbeit, pro, gr essive Ei nko mmensteu er u. dgl. Kurs hatten oder noch haben und als Zauberformeln für die Linderung der Volksnoth ausgerufen werden. Belehrung hilft nichts; denn
die der Belehrung Fähigen sind durch den Schiller der Wahr, heit nicht bethört und die Bethörten sind der Belehrung nicht fähig. Das einzige sichere Mittel, den Zauber zu lösen, ist das Experiment.
Was hätt' es geholfen, wenn man den armen Bauern, denen Thomas Münzer bei Frankenhausen weiß machte, sie seyen kugelfest, vorgetragen hätte, eine solche Kugelfestigkeit wider, streite allen Gesetzen der Physik? Man hätte für einen Fürsten, knecht gegolten und wäre den unangenehmsten Berührungen ausgesetzt gewesen. DaS Experiment der Schlacht, wo die Armen rings blutend niederfielen, löste schnell den Zauber der Täuschung. Was hat es geholfen, daß noch im Frühjahr vergangenen Jahres, wo man in Frankreich, einzeln auch in Deutschland, den brodlosen Arbeitern durch Organisation der Arbeit zu helfen versprach, dort wie hier sachkundige Männer nachwiesen, eine Organisation der Arbeit zur Verbesserung des Schicksals der Arbeiter im Sinne 3. Bleue s könne nur ihr Gegentheil zur Folge haben, nämlich die Arbeit der Organi« sation, Demoralisation und größere Noth der wirklich arbeitenden Klassen. Sie wurden in Deutschland als Reaktio- näre verschrien und in Paris kam sogar Herr Chevalier um seinen Lehrstuhl. Erst durch den Schaden des Experiments ist man klug geworden, und die pompöse Phrase hat allen Zauber verloren.
Eine ganz ähnliche Phrase, die gegenwärtig unendlich oft verkündigt wird, und von der man allerlei schöne Sachen, wie Entlastung der arbeitenden Klassen, Zersetzung der großen Kapitalien und bedeutende Erträge für die Staatskasse erwartet, ist die progressive Einkommensteuer. Wir wissen, wie ausgeführt ist, daß Belehrung nicht hilft, wir maßen uns das Recht nicht an, Solche, die vom Volke einen Beruf, aber von Gottes Gnaden und durch Studium keinen haben, über verwickelte Fragen der Staatswirthschaft zu urtheilen, auS den Hallen der Wissenschaft, wie der Herr die Wechsler aus dem Tempel, auszutreiben; aber wir halten uns für berechtigt, damit man der deutschen Wissenschaft nicht vorwerfen kann, sie habe zu all' den Experimenten geschwiegen, den ganzen Trug der Phrase zu enthüllen. Dies soll in wenigen scharfgezogenen Strichen geschehen. , m
Der ganze Zauber der Phrase für das große Publikum beruht darauf, daß sie wirklich den Schein der Wahrheit trägt. Als die Finanzwissenschaft, um einen berühmt geworbenen parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen, noch in der Wiege lag, mußte schon jedem A-b c-schütz in derselben einleuchten, daß periodische Abgaben, wenn nicht Kassenbefckte entstehen sollen, nur aus dem laufenden Einkommen bestritten werden können, und daß die Gerechtigkeit verlangt, der Reiche müsse in dem Maße, als seine Kräfte größer sind, mehr beitragen als der Arme. Wenn der Ausdruck „progressive Einkommensteuer" diese Wahrheiten bedeuten soll, so ist die Entdeckung derselben nicht viel jünger als die heilsame Erfindung des Schlafs, die Sancho Pansa mit Recht einem sehr einsichtsvollen Mann zuschreibt. In der That finden wir seit den ältesten Zeiten eigentliche Staatsabgaben, im Unterschiede von grundherrlichen und bloß theokratischen, darnach regulirt, freilich mit Ausnahmen, wie z. B. bei den nordischen Völkern ein auf die Nasen verlangter