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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

J£ 48. Montag den 28 Februar 18419»

Zweite Ausgabe.

Uebersicht.

Der Staat und der Religionsunterricht.

Deutschland. Aus dem Amte Langen schwalbach' (Die Gesetz­losigkeiten). Diez (Die Mensfelder Volksversammlung). Weil­burg (Der konstitutionelle Verein und der Volksverein. Vermischtes).

Frankfurt (Zusammentritt der Regierungâbevollmächtigten und Ab­gabe ihrer Erklärungen. Das Erbkaiserthum). Gießen (Die Feier des Jahrestages der französischen Revolution). Mannheim (Ehe­malige Reaktionäre). Koblenz (Kanonen auf der Sahner-Hütte ge­gossen). Mecklenburg-Schwerin (Die demokratische Bewegung).

Berlin (Die Verhandlungen mit Anhalt. Prinz Waldemar. Die Landtagsabgeordeten. Neue Minister). Stettin (Rob. Prutz). Wien (Armeebulletin).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Z Der Staat und der Religionsunterricht.

Der Korrespondent in Nro. 32 ladet uns zu fortge­setzten Erörterungen deS Einzelnen undzu geordnetem Kampfe" ein. Wir bedauern, da wir zu gar keinemKampfe" ausge, zogen sind, sondern nur einige Gesichtspunkte der Verständigung für Denkende geben wollten, solcher Einladung, wie ehrlich und ehrenvoll immer, nicht folgen zu können in diesen politi­schen Blättern, welche wir nicht ganz dazu geeignet halten, Begriffe der Metaphysik, wie Gut, Bös, Diesseits, Jenseits u. s. w. zu erörtern. Der Verfasser thut Recht daran, daß er glaubt, wir hätten sic, wie sehr natürlich und nothwendig, alle in denGottesbegriff" und dieWeltanschauung" schon ein­geschloffen. Dazu reichte das allumfassende erste Wort allein hin, und nur zur Verdeutlichung fügten wir das zweite hinzu, um jedes Mißvcrständniß zu vermeiden.

Aber der Verfasser irrt, wenn er glaubt, wir wollten den allgemeinen Religionsunterricht auf's Neue zur Einführung bevorworten; er irrt, wenn er meint, wir ständen allein auf dem Standpunkte der nassauischen Schulorganisation von 18t7; wir stehen, wie aus Allem deutlichst erhellet und wie es jetzt gar nicht anders denkbar ist, auch auf dem Standpunkte deS modernen Staates vom Jahre 1849 und der Grundrechte des deutschen Volkes. Daher richteten wir eben früher schon an den Verfasser die Bitte, er möchte die Staaten, die sich jetzt in einem neuen Dilemma wegen des verschiedenartigen Reli­gionsunterrichtes in den StaatSschulen befinden, durch Mit­theilung der neuen und sicheren Vorschläge, die er etwa hätte, davon befreien. Darüber schweigt der Verfasser ganz, und doch knüpften wir eigentlich an die Erfüllung dieser Bedingung jede weitere Aeußerung in der Sache. Wir müssen also unsere Bitte einfach, aber um so dringender wiederholen. Bis dat, qui cito dat.

Eben so will der Verfasser ganz andere Motiveder nass säuischen Regierung vom Jahre 1817 für denallgemeinen christlichen Religionsunterricht" gefunden haben, als wir an­gaben und dieselbenim tiefsten Grunde genau beleuchten."

Wir bedauern aufrichtig, daß dieß nicht sogleich geschehen ist, weil diese Rückblicke am Ende für die Leser interessanter und fruchtbringender sind, als unsere, auf Kosten der Leser bisher gepflogenen religiös-philosophischen Zwiegespräche über Dinge, welche die Kirchen- und Dogmengeschichte, sowie die Geschichte der Philosophie Jedem hinreichend erörtert, so daß man in Gefahr kommt, nur Bekanntes zu wiederholen.

So hat kürzlich ein Protestant, wie er selbst sagte- in diesen Blättern, unter Anführung Sch leie rmacher'S, ge­zeigt, daßallgemeine Religion" überhaupt gar nicht eristire. Aber das hören jetzt die Schulknaben schon in den naturwis­senschaftlichen Lektionen, daß das Allgemeine nirgends in der Sphäre des Geistes und der Natur an und für sich eristirt, sondern nur durch Abstraktion hervorgebracht wird, daß daS allgemeine Thier, die allgemeine Pflanze nur der Wesenbegriff ist, welcher von den Gattungen und ihren lebendigen Indivi­duen mittelst denkender Beobachtung abgezogen wird. Besser wäre es gewesen, wenn wir am Schlüsse, wo wir uns getäuscht fanden, bestimmte Vorschläge zu dem Religionsunterrichte in den Schulen nach den Ansichten des Verfassers gehört hätten, wie ihn die durch vielfache neue Freiheiten bedrängte Gegen- wart gestattet oder fordert.

Wenn also der Korrespondent vonZugeständnissen" von unserer Seite spricht, so finden wir diesen Ausdruck nicht geeignet, indem wir gar keine Disputation beabsichtiget oder geführt haben, am wenigsten über Dinge, welche in der Wis­senschaft jetzt gar keinem Zweifel mehr unterliegen können. Ebendeßhalb würden auch Weiterungen über die Substanz des allgemein-christlichen Religionsunterrichtes, der nur gelegentlich durch eine Geld frage im Landtage zur Sprache kam, jetzt fast zwecklos seyn, indem weder die Regierung die Wiederher­stellung beabsichtiget, noch sonst ein Protestant ihn wünschen kann, und die Katholiken ihn vorzugsweise perhorreszirten. Dem Verfasser werden, auch ohne unsere Anführung, die Schriften und namhaften literarischen Versuchechristlicher Wesenlehren" ic. bekannt seyn , welche man dafür auf beiden Seiten gemacht hat, ohne weiteren Anklang zu finden. Der Verfasser wird auch die Ursache kennen, nämlich daß seit dreißig Jahren unter den Christen die Wissenschaft und sogar, leider! daS Leben eifrigst weit mehr wieder darauf gerichtet war, er­loschene Differenzen und Zerklüftungen zu pflegen und herzu­stellen, als alte Gemeinsamkeiten zu suchen und neue zu stif­ten, zum aufrichtigsten Bedauern aller wahren Menschenfreunde, welche vor den Folgen erschrecken müssen, wenn solche Dinge, wie zu Zeiten der Arianischen Streitigkeiten im Christen- thume, (wovor unS Gott in Gnaden behüten möge 1) auf eine Spitze getrieben werden, die unser zivilifirtes Jahrhundert und seine Bildung eben, eher allmâhlig abzustumpfen den Beruf haben möchte. Wer daS Prinzip der Divergenzen und die Menschennatur kennt, der wird, zur Verhütung der Wiederkehr ähnlicher Gewaltthätigkeiten, eben nur im modernen Staate und seiner religiösen individuellen Freiheit die Möglichkeit er­blicken, jedem solchen Konflikte durch Ventile vorzubeugen, zu­mal bei der uralten und jetzt neu wieder hervortretenden zen­trifugalen Eigenthümlichkeit der deutschen Volksstämme. Lassen wir also das, was hinter uns liegt, nur zu historischen Rück-