Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JS â8. Sonntag -en 2S. Februar 18^9»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntag». — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariâschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Findet die Revolution ihre Rechtfertigung in dem Christenthum?
Minister Stüve.
Deutschland. Aus dem Amte Langenschwalbach (Anfrage an die Regierung). — Fr ankfurt (Die preußische Note und die Erklärungen einzelner Regierungen. Reichstruppen in den Taunusorten). — Berlin (Das Ministerium. Die Kammern. Die Thronrede. Eine Hellseherin. Aeußerung des General Wrangel). — Wien (Gerüchte).
— Aus Oesterreich (Aussicht auf eine große Schlacht in Ungarn).
Frankreich. Paris (Die Interpellation Cavaignacs). Großbritannien. London (Unfall im Theater zu Glasgow).
Italien. Rom (Beschluß über die Güter in todter Hand).
Sprechsaal für Stadt und Land.
: Findet die Revolution ihre Rechtfertigung in dem Christenthum?
(Von einem Geistlichen.)
Das Vorwort zum vierten Jahrgang (1849) der Zeitschrift für die unirte evangelische Kirche verbreitet sich über die Vorgänge des vorigen Jahres in einer Weise, die höchst anziehend und beherzigenswerlh ist. Wir theilen daraus ein Bruchstück mit, das gerade einen Gegenstand berührt, der in der neuesten Zeit öfter zur Sprache gebracht worden ist, und hoffen, daß es den Lesern dieser Blätter nicht unwillkommen seyn wird.
„Die Revolution d. h. gewaltsame Empörung gegen zu Recht bestehendes Gesetz und Obrigkeit findet noch immer Lob- redner auch unter Gliedern der christlichen Kirche. Sie beziehen sich sogar auf das Christenthum und Christum. Christus sey der rechte Revolutionär, der bis zum Tode der Obrigkeit widerstanden; und in treuer Nachfolge ihres Meisters haben die Apostel gelehrt „man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen," und haben der Obrigkeit nicht gehorcht, und das Christenthum habe überall die alten Formen zerbrochen, und im Streite gegen heidnische Obrigkeiten und darnach gegen Pabst und Konzilien die unveräußerlichen Menschenrechte, Wahrheit, Freiheit, Gleichheit, durchgesetzt. Ja, das hat das Christenthum gethan; dennoch hat es nie Revolution gemacht noch gebilligt. Das Christenthum hat gelehrt und mußte lehren „man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Es wäre sonst nicht in der Welt. Der hohe Rath wollte nicht, daß Christus lehre; Christus hat doch gelehrt. Die Apostel sollten schweigen von dem Namen Jesu, so lautete das Gebot der Obrigkeit; was wüßten wir von Christo, wenn sie gehorcht hätten? Der Kaiser forderte Auslieferung der heiligen Schriften, wie möchte cs bestellt seyn um die christliche Kirche, wenn die Christen nicht widerstanden? Und wo wäre Reformation und evangelische Kirche ohne jenen Grundsatz, nach welchem auch Luther sprach: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen." Ist jemals Revolution dadurch entstan
den? Mit Nichten. Den unberechtigten und gottloses fordernden Geboten einer irregeleiteten Obrigkeit, dem Mißbrauche der Gesetze kräftig widerstehend, haben Christus und die Christen Obrigkeit und Gesetz selbst heilig gehalten und geehrt. Indem sie thaten, was sie nach Gottes Gebot nicht unterlassen durften, und unterließen, was sie nach Gottes Gebot nicht thun durften: trugen sie zugleich willig und ohne Murren die Strafe, welche die menschliche Ordnung durch die bestehende Obrigkeit über sie verhängte. Sie widersprachen, aber sie re- volutionirten nicht; sie legten ihr Zeugniß ein, aber niemals nahmen sie die Waffen zur Hand. So lehrte der Herr und — starb am Kreuze, er revolutionirte nicht. So predigten die Apostel, nach dem Verbot wie vorher; sie revolutionirten nicht, sie ließen sich geißeln und tödten. So streuten die Christen der ersten Jahrhunderte nichr Weihrauch den Bildern der Imperatoren, und verleugneten nicht den Nameu Christi; aber sie revolutionirten nicht, sie ließen sich lieber verbrennen und den wiioen Bestien vorwerfen. Diese heilige Achtung haben die Christen zu allen Zeiten nicht blos der Staatsordnung bewiesen, sondern sie haben alle bestehende Ordnung geehrt, und keine mit Gewalt durchbrochen. Als das Christenthum in die Welt kam, fand es die Sklaverei in derselben vor. Wenn irgend eine, war dies eine Mißordnung, die schreiendste, dem natürlichen Rechte, wie den Forverungen des Christenthums widerstreitende Unterdrückung der Persönlichkeit. Das Christenthum hat diese Mißordnung gesprengt, ohne Gewalt. Paulus schickt einen entlaufenen Sklaven, den er bekehrt hat, seinem Herrn zurück; Petrus lehrt: „ihr Knechte seyd Unterthan auch dem wunderlichen Herrn." Das Christenthum löst die Bande der Sklaverei durch die Macht der Ueberzeugung, indem es Achtung wirkt vor der menschlichen Persönlichkeit als einem Ebenbilve Gottes. Nicht anders haben die Christen sich zur kirchlichen Ordnung gestellt. Wer mehr als Luther hat der kirchlichen Revolution widerstanden, als sie in Karlstadt auftrat? „Neue Gewissen" wollte er zuerst gemacht haben, vor denen die alten Formen von selber fallen mußten; und nicht von außen dieselben niederreißen, wo die Ueberzeugung noch an ihnen haftete; am wenigsten wollte er reformiren durch das Schwert von Hutten und Sickiiigcn. So ist eS zu allen Zeiten unter lebendigen Christen Lehre und Sitte gewesen, aller menschlichen Ordnung in Familie, in Staat und Kirche nach dem Vorbilde des Herrn Unterthan zu seyn; und wo sie durch Gottes Gebot genöthigt waren, das von menschlicher Ordnung Gebotene zu unterlassen oder Verbotene zu thun, die menschliche Ordnung durch williges Leiden der Strafe zu ehren. Wahre Christen haben selbst gegen gottlose Obrigkeiten wohl ihre Stimme zur Ueberzeugung, aber ihre Hand nie anders erhoben als zum Gebete: „der Herr erleuchte und segne sie."
Mt i n i st e r Stüve.
(Ein politisches Charakterbild.)
Ueber diesen merkwürdigen Mann berichtet uns ein hannoverscher Korrespondent der Deutschen Zeitung Folgendes: