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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 36» Sonntag den LL Februar L8âS

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Präuume- ratisnspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherchgthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl. 30 Er., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder deren Raum mit td fr. berechne!. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

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Uebersicht.

Hat die Regierung ein System?

Ueber Gründung und Einrichtung von Gewerbeschulen im Herzogthum Nassau.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Von der Lahn (Der Zen­tralkirchenfonds). Fra nkfurt (Reichstag. Truppenwechsel. Oesterreich erkennt das allgemeine deutsche Wechselrecht an. Unterschied zwischen, der preußischen und der österreichischen Note). Berlin (Der König von Hannover über die preußische Zirkularnote). Wien (Neue Attentate).

Ungarn. Pesth (Vom Kriegsschauplätze).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Sprechsaal für Stadt und Land.

:: Hat die Regierung ein System?

Man sagt über Rath - und Thatlosigkeit der Regierung; man wirft ihr vor, sie lasse sich erst durch die Stände, oder doch nur von 'zufälligen, äußeren Anstößen zum Handeln be­wegen; sie habe kein System.

Es ist wahr, daß die Abwesenheit des verantwortlichen Ministcrialpräsidcnten von seinem Posten durch einen großen Theil des verflossenen Jahres aus die Führung der Geschäfte,, wie auf die Haltung der Regierung, nur höchst ungünstig ein­wirken konnte. Wir haben dieses getheilte Wesen aufrichtig, im Interesse deS Landes und seiner Entwicklung beklagt, und können den Vorstand des Ministeriums nicht ganz gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, daß er über den allgemeinen deut­schen Verfassungsangelegenheiten der so höchst dringenden Reor­ganisation seines engern Vaterlandes nicht alle seine Kräfte gewidmet habe.

Indeß dies begründet oder rechtfertigt noch lange nicht die Anklage, die man gegen das Ministerium vorgebracht hat, daß dasselbe kein System habe, kein System befolge.

Das System des Ministeriums ist eben so einfach, als es aufrichtig und wahr ist. Es besteht in der redlichen, rückhalt­losen Erfüllung aller Zusagen, die der Herzog im März vori­gen Jahres aus die Forderungen der Nassauer ertheilt hat.

Wie die Aufstellung dieser Forderungen und die Durch­führung derselben hauptsächlich das Verdienst des Prokura­tors Hcrgenhahn gewesen ist, so ist die Verwirklichung und Ausbildung der in ihnen ausgesprochenen Institutionen bekannt­lich die Veranlassung geworden, daß ihn der Herzog an die Spitze der Regierung berufen hat. Daß der Ministerprä­sident Hergenhahn in diesen Forderungen sein ganzes System vorgezeichnet finden mußte, ist eben so unläugbar, als daß jeder Unparteiische zugeben muß, daß derselbe zur Verwirklichung desselben treu und aufrichtig, im Sinne der wahren Freiheit, vorangeschritten ist.

Freilich gibt es Menschen, denen die Grundrechte des

deutschen Volkes, die denn doch alle nur erdenklichen Freiheiten enthalten, wie sie in dieser Fülle kaum je bei einer Nation an« getroffen worden sind, nur als ein armseliges Minimum er­scheinen, d. h. die die Freiheit nur in gänzlicher Schranken­losigkeit erblicken ein Zustand, den die Sprache bezeichnend genug mit dem Worte Zügellosigkeit benennt, und damit schon andeutet, daß er nicht der Zustand vernünftiger Wesen seyn könne, sondern nur der Thierheit angehöre.

Diese Menschen nun werfen dem Ministerialpräfidenten Systemlosigkeit vor, weil derselbe, statt die Anarchie zu verewi­gen, die erschütterte Staatsgesellschaft von neuem zu einem freien Gemeinwesen zu konsolidiren und ihr alle jene, die ausgedehn­teste, politische Freiheit tragenden und schirmenden Institutio­nen redlich zu verschaffen bestrebt ist, die das Volk selber in seinen Forderungen als wünschenswerth und nöthig bezeich- uer hat.

Daß diese Institutionen, die den tiefst eingreifenden Ein­fluß auf die ganze Staalsgesellschaft auSüben, und zum Theil mit Allen brechen müssen, waS durch eine lange, hundertjährige Lebenögewohnheil auf das Innigste mit allen unsern Zustän­den verwachsen ist, nicht in einem Tage geschaffen, nicht, wie man sagt, über daS Knie gebrochen werden können, daß zu ihrem Ausbau Jahre gehören welchem Manne von nur ganz ordinärem Menschenverstände sollte man dieß erst noch voezudcmonstriren nöthig haben?

Und ebenso natürlich ist cs, daß man bei neuen Schöpfun­gen, die die Träger der Zukunft und zwar.einer bessern Zu­kunft werden sollen, nicht leichtsinnig vorangeht, daß man die Lehren der Geschichte, die Winke und Warnungen der Erfah­rung, die ewigen Grundlagen der Menschennatur, die durch keinen noch so lang andauernden FieberparorismuS weg eskamo- tirt werden können, mit in Rechnung zieht, und sich von dem Geschrei jener Weltverbesserer nicht beirren läßt, denen ihre Weisheit über Nacht erst oder bei zuchtlosen Orgien gekommen seyn muß, die aber, eben weil sie so unendlich hohl und leer sind, auch nur in ganz inhaltlosen, luftigen Gebilden ihres Aberwitzes die menschliche Bestimmung vorgezeichnct wähnen, und nicht inne werden, daß sie aus dem Ebenbilde Gottes einen Wechselbalg zu machen auf dem Wege sind, dessen Prototypus nur dem verstandlosen, blinden Ungefähr im wüsten Räusche sein Daseyn zu verdanken haben könnte.

Wir unserer Seils leben der Ueberzeugung, daß das Mi­nisterium Hergenhahn bei allen noch vorliegenden Gesetzent­würfen sich, nach wie vor, aufrichtig an das ihm vorgezeichnete System halten werde, und hoffen, daß dasselbe in möglichstem Anschlusse an das bei politisch schon gebildeteren, deutschen Stämmen längst Erprobte unsere neuen Institutionen entwerfen und durchführen möge, damit auch von dieser Seite der Ein­heit Deutschlands kräftig vorgearbeitet werde, ohne welche unser Vaterland nie zu einer dauerhaften Macht und Größe gelan­gen dürfte.