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Nassauische

Allgemeine Zeittmg.

^N LL» Freitag den 9» Februar L8LS

Zweite Ausgabe.

Uebersicht.

Zeitungsscliau.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag. Erkrankung des Reichsver­wesers). Herfort (Wahlergebnisse). Magdeburg (Desgleichen).

Aus Preußen (Die Wahlen). Wien (Neue Kundmachungen. Prorogation der Universitätsstudien. Geschärfte Militärmaßregeln. Die

Handwerksgesellen. Strafurtheile)

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Z e i t « n g s sch a «.

In einem leitenden Artikel der Deutschen Zeitung lesen wir: Die Deutsche Zeitung wurde jüngst, so viel wir uns er­innern, in der Allg. Zeitung, als naiv bezeichnet, weil sie von der Voraussetzung ausging, es würden bei der zweiten Lesung der Verfassung die Oesterreicher nicht mehr an der Abstimmung über die Oberhauptsfrage Theil nehmen und folglich die Erb­lichkeit eine ansehnliche Mehrheit erhalten. Dennoch scheint die A. Z. der Ansicht zu seyn, daß die Oesterreicher, auch wenn sie aus dem engeren Kreis des Bundesstaates ausgeschieden sind (und darauf deuten ja alle Erklärungen unumwunden hin), dennoch das Recht behalten, über die wichtigste Angelegenheit jenes Bundesstaats milzuberathen und durch die Stimmen zu entscheiden. DaS ist doch eine bemerkenswertste Naivetät bei einem Blatte, das bereits sein halbhundertjähriges publizisti­sches Jubiläum feiern kann, und beweist nur, in welche Sack­gasse die politische Logik gerathen kann, wenn sie sich einmal entwöhnt hat, von festen Grundsätzen und Voraussetzungen auszugehn. Naiv sind wir deßhalb nicht, weil wir eine Be­hauptung aufstellen, die so wenig eines Beweises bedarf, als der alte Satz, daß zweimal zwei vier ist; naiv sind nur die andern, die daran zweifeln und aus zweimal zwei fünf zusam­menrechnen möchten. Naiv sind jene Staatsmänner, die in offener Fcldschlacht geschlagen, die Hoffnung aussprechen, durch die Kunst des Temporisirens und Zuwartens die erlittene Nie­derlage reichlich gut zu machen, oder jene hartköpfigen Anhän­ger der Vereinbarung, die schließlich von einer Oktroyirung der Regierungen ihr Heil erwarten, oder jene Patrioten, die uns ans ausweichende Antworten von Ollmütz und einen Schub neuer österreichischer Deputirten Hinweisen. Naiv sind jene Redner, die sich aussen Standpunkt deutscher Größe und Ein­heit stellen und dann Deutschland den Hohn in's Angesicht werfen, es habe keine Geschichte; oder die mit einem unge­heuren Anlauf patriotischer Eloquenz beginnen und dann mit einem begeisterten Panegyrikus auf baierische Größe und Herr­lichkeit enden. Naiv "sind jene lustigen Sprecher, die eine Stunde lang a la Abraham a St. Clara gegen die erbliche Monarchie sprechen und dann am Ende erklären, sie würden für die erbliche Monarchie stimmen, wenn sie nur wüßten; daß Franz Joseph, und nicht Friedrich Wilhelm, der Auserwählte

wäre. Naiv finden wir jene Demokraten, die, wie dies in der Abstimmung vom 23. Januar geschah, nach ihrer eigenen Er­klärung dem sechsjährigen Oberhaupt zustimmen, weil sie darin wenigstens ein Theil republikanischer Ohnmacht und Zerfahren­heit wiederfinven, aber nicht minder naiv jene Royalisten, welche sich dazu hergaben, diese naive demokratische Minorilät um ein Beträchtliches zu verstärken. UeberauS naiv ist auch die Freude und der laute stürmische Beifall der rothen Mützen über den Sukkurs, der ihnen durch die Kaputzen zu Theil wird. Was soll man von Republikanern denken, gleichviel, ob Republikanern der Gegenwart oder der Zukunft, welche da­mit enden, sich von den Politikern zu Ollmütz in's Schlepptau nehmen zu lassen? Sie scheinen es denn doch nachgerade zu fühlen, daß die Gemeinschaft mit den Gönnern des Belage­rungszustandes ihnen ebenso wenig Vortheil als Ehre bringen kann und ihr Zusammengehn an die Reise erinnert, welche der Topf von Thon mit dem Topf von Eisen unternahm. So viel Politik, um nicht zu sagen, soviel Patriotismus, trauen wir ihnen zu, daß sie einsehen, nicht sie, sondern Oesterreich und die alte Fürstenpolitik würden die Früchte einer allgemeinen Verwirrung ernten.

DieKöln, Ztg." schreibt: Die Wahlen für unsere zweite Kammer sind nun zu Ende, und von allen Seiten tönt uns demokratischer Siegesruf entgegen. Noch acht Tage und viel­leicht werden eben so die Preußen-Vereinemit Gott für König und Vaterland" jubeln, daß ihr Losungswort in der ersten Kammer ein so mächtiges Echo gefunden hat. Diese Nationalversammlung soll die letzte Hand an den Ausbau eines konstitutionell-monarchischen Staates legen, und doch wer zweifelt noch daran, daß die Einen in ihr den Bau unter­graben werden, weil sie nicht mehr monarchisch, die Andern, weil sie noch absolutistisch, aber nicht konstitutionell geworden sind, Beide, weil sie eben nicht konstitutionell-monarchisch sind? Von entgegen gesetzten Polen werden dann die Stürme wehen, eine abgethane Vergangenheit wird mit einer fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft streiten, und wer weiß, ob darüber nicht die Gegenwart verloren wird!

Zur Bezeichnung des denunziatorischen Charakters eines Theiles der österreichischen Tagespresse schreibt ein Bericht­erstatter der Köln. Ztg.: DerOesterreichische Korrespondent" z. B. dürfte füglich sein Motto:Besonnen, aber entschieden vorwärts," mit den Worten Osmin's aus Mozart'sEntfüh­rung" vertauschen, die da lauten:

Ha, wie will ich triumphiren,

Wenn sie Euch zum Richtplatz führen Und die Hälse schnüren zu!