Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â SL. Freitag den 9» Februar L8LN
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in WieSbaven S fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt ® fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes Sfl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitteile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellende rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Erklärung mehrerer nassauischen Abgeordneten.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Wetzlar (Abneigung gegen das Institut der Bürgerwehr). — Köln (Ein Ausspruch Raveaur's). — Erfurt (Wahlen). — München (Adressedebatte). — Berlin (Verfügung der Generalintendantur der königl. Schauspiele. Der Sitzungssaal der ersten Kammer stürzt ein. Die Wahlen. — Wien (Die militärischen Anlagen um die Stadt. Neue BülletinS aus Ungarn).
Frankreich. Paris (Nationalversammlung).
Erklärung mehrerer naffauischen Abgeordneten.
Gegen mehrere Landesabgeordnete aus dem Gewerbe- und Bauernstande wurden.. in neuester Zeit durch die Zeilungspresse (stehe „Freie Zeitung" Nr. 29 und 30) so mannigfaltige Verdrehungen und Verdächtigungen auSgestreut, daß wir es nunmehr an der Zeit halten, im Namen der Angegriffenen Folgendes zu erklären:
Eine der ersten Aufgaben eines Landesabgeordneten ist es, die bürgerliche Wohlfahrt aller Staatsangehörigen möglichst sicher zu stellen, und wer uns dazu ein Mittel bietet, von dessen Zweckmäßigkeit wir überzeugt sind, (denn nur nach freier Ueberzeugung soll ja, Kraft seines Eides, der Abgeordnete handeln,) dem treten wir bei, ohne zu fragen, kommt es von der rechten oder der linken Seite, oder von Seite der Regierung ? Durch eitle Scheingründe nach sogenannter Volkögunst zu Haschen, oder uns um die besondere Gunst einer Partei oder der Regierung zu bewerben, liegt uns gleich ferne; ungleich ferner liegt es uns, was wohl zuweilen auch geschieht, um die besondere Gnade eines Zeitungsschreibers zu buhlen, denn dies liegt tief unter der Würde eines Abgeordneten. Wer uns aber beweisen kann, daß Alles, was von der Regierung ausgeht, total schlecht und verwerflich ist, dem wollen wir auch gerne zugeben, daß Alles, was von der sogenannten Oppositionspartei ausgeht, vollkommen gut und frei von allen Nebenabsichten sey.
Diese Erklärung wird hinreichen, um die Behauptung in Nr. 29 der „Freien Zeitung", -als wollten wir unsere Wähler weiß machen, wir gehörten zur Linken, vollkommen zu widerlegen. Wir sind weder sogenannte Wühler noch Reaktionäre, sondern huldigen einem vernünftigen, zeitgemäßen Fortschritte, da wir nur auf diesem Wege die wahre Freiheit und das Wohl des Volkes begründen zu können glauben. Wir legen deswegen auch gar keinen Werth darauf, ob der Verfasser zu uns sagt — ihr gehört nicht zur Linken, oder, ihr gehört zur Linken — und er hätte darum gar nicht so mit uns zu zanken brauchen! Doch das können wir nicht unberührt lassen, daß wir unter der sogenannten Linken Männer von ausgezeichneter Tüchtigkeit besitzen, welche das Wohl des Staates im Auge
haben, und welche wir deswegen hoch achten. Wer aber unter dem Scheine des Liberalismus selbstsüchtige Zwecke verfolgt, von dem wenden wir uns mit Entrüstung ab. Und daß es solche Leute gibt — wer will das bestreiten?
Wir erkennen ferner recht gut, daß die denkwürdigen Märztage uns vor der Hand keine materielle Vortheile, b. h. keine solche Vortheile bringen werden, wel-che man in Beutel und Tasche fühlt und es thut uns nur leid, daß der Verfasser des Aufsatzes in Nro. 29 der Freien Zeitung blos wegen uns seinen ungeheuren Scharfsinn bei Erfindung des neuen Wortes „Schollen- und Karstliberalismus" so arg hat abnutzen müssen. Einen Vortheil sehen wir aber doch, trotz unserer Unwissenheit, und der ist unverkennbar und unbezahlbar, nämlich den Vortheil, daß das Volk im Allgemeinen auf eine höhere Stufe der politischen Bildung gekommen ist und dereinst, so hoffen wir, die Höhe derselben ersteigen wird. Aus diesem politischen Vortheile, welcher uns um keinen Preis seil ist, entspringt dann zuletzt der materielle.
Daß man uns mit Unrecht den Vorwurf macht, wir wären nur bis zur Erledigung der Zehntfrage freisinnig ge, wesen, wird der Verlauf der Zeit und unsere fernere Handlungsweise lehren.
Wir kommen nunmehr zum letzten Satze des Artikels, worin der Abgeordnete Schmidt persönlich angegriffen wird. Es i|t recht löblich, daß der Verfasser dem Herrn Schmidt da ein Kompliment macht indem er ihn nicht zu der Klaffe der oben bezeichneten Abgeordneten gezählt haben will; müssen aber aufrichtig bedauern, daß Ersterer seine Tinte abermals vergebens verbraucht hat, denn der Abgeordnete Schmidt selbst will keine solche Ausschließung, davon sind wir genau unterrichtet, sondern er ist vielmehr stolz darauf unter die vom Verfasser Beschriebenen gezählt zu werden, weil er überzeugt ist, daß dieselben gerade von dem, wie sie der Verfasser zu bezeichnen sich erlaubt, das Gegentheil sind.
Weiter sagt der Verfasser jenes Artikels „die neuesten Verhandlungen des Landtages haben unsere gute Meinung von ihm sehr erschüttert, denn er hat gegen die direkten Wahlen der Kreisräthe, er hat für das Uebergewicht des Krcisamtmannes über die Kreisräthe, er hat für die Befugniß des Ministeriums, alle Beschlüsse der Kreisräthe auf Rekurs aufzuhebcn gestimmt, wodurch die Kreisamtsleute wieder Selbstherrscher und Pascha's werden."
Hierbei können wir nur bedauern, daß sich der Verfasser außer den direkten Wahlen so allgemein gehalten und die Fälle, wie sie bei den Abstimmungen wirklich vorkommen, nicht näher bezeichnet hat, wodurch uns eine gründliche Widerlegung unmöglich ist und wir uns genöthigt sehen, das Ganze als eine böswillige Verdächtigung gegen Hrn. Schmidt zurückweisen zu müssen. Was die direkten und indirekten Wahlen betrifft, so wied uns jeder Wahrheitliebende zugeben, daß man darüber verschiedener Ansicht seyn kann, ohne nicht einem vernünftigen Fortschritt huldigen zu wollen.
So weit unsere Entgegnung auf den ersten Artikel und wir kommen nunmehr zu jenem in No. 30 der Freien Zeitung, welcher mit zwei gekreuzten Schwerdtern bezeichnet ist, hinter welchen wir den Abgeordneten Raht zu finden glauben.