Nassauische
Allgemeine Zeitung.
) «M LL Donnerstag den 8. Februar L8LS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationSpreiS ist in Wiesbaden 8 ft., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. SO ft., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Berwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellente rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die steigende Entsittlichung.
Deutschland. Wiesbaden. (Landtag). — V o IN Taunus (Die Maturitätsprüfungen). — Hadamar (Unordnungen). — Frankfurt (Reichstag. Delegraphenlinie nach Berlin). — Augsburg (Eigenthümliche Ansicht über die Grundrechte). — Berlin (Die Hansemann'sche Zeitung). — Prag (Stratomirovich gefangen). — Wien (Düstere Stimmung und strenge Maßregeln. Der Rei^stag in Kremsier spricht sich für Freizügigkeit aus).
Ungarn. Pesth (Die Lage der Dinge in Ungarn. Standrecht. Leichenfeier für Lamberg).
* Die steigende Entsittlichung.
Bekanntlich häufen sich Raub und Diebstähle seit einiger Zeit in auffallender Weise. Ein Theil derselben ist unstreitig der Noth zuzuschreiben, die den niederen Gewerbestand bedrückt, der zunehmenden Arbeitslosigkeit. Allein ein anderer Theil ist von Umständen begleitet, die auch noch auf andere Motive, als des Elendes und der Verzweiflung zurückweisen. Wir meinen jene jetzt aller Orten so häufigen Diebstähle, die mit muthwilliger, boshafter Zerstörung verbunden sind, hervorgegangen aus offenbarem Groll nicht sowohl gegen den einzelnen Besitzer als gegen den Besitz überhaupt. Wir glauben, daß sich solche Diebstähle trotz der herannahenden besseren Jahreszeit noch mehren und steigern werden.
Wer diesem eigenthümlichen Verbrechen einen politischen Gesichtspunkt unterschieben wollte, der würde sehr irren, wir können wenigstens nur einen rein kriminalistischen in denselben finden.
Diese krankhafte soziale Erscheinung wurzelt darin, daß die Bewegung des vorigen Jahres von der untersten Schichte der Gesellschaft nicht als eine politische erfaßt wurde. Während bei dem intelligenteren Theil eine edle politische Leidenschaft sich entfesselte, brachen andererseits auch grundschlechte Leidenschaften durch und in dem ersten Aufgähren konnte man in diesem wunderbaren Gemisch frei gewordener Stoffe nicht unterscheiden, was gut und bös sey.
Während die Arbeiter sich der Arbeitsfrage bemächtigten, fingen auch die Faullenzer an, von der Arbeit zu phantasiren; fie verstanden aber unter der Arbeit — Nichtsthun bei gutem Leben. Und wer im Laufe des vorigen Sommers wagte, auf diese Scheidung des ehrenwerthen Ärbeiterstandes aufmerksam zu machen, der konnte sich tüchtiger Schmähungen gewärtigen.
Die Arbeiterfrage ist von der vorschreitenden Zeit nicht in dem Sinne gelöst worden, wie es die Faullenzer wähnten und hofften, darum versuchen sie lueselbe jetzt in ihrer Weise zu lösen; sie machen den Diebstahl zur Arbeit — die „heilig" ist.
Wie gesagt, von Politik ist nichts hierbei zu spüren, desto mehr aber von Egoismus. Die Enttäuschung hat in den
untersten Schichten der Gesellschaft eine Krankheit erzeugt, wie sie es seit den dreißiger Jahren bis zur Februarrevolution auch in den gebildetsten Theilen der Nation gethan hatte. Damals war es jene lebenssatte Blasirtheit, die sich in einem überfirnißten ästhetischen Vagabundenthum darstellte, jetzt ist es ein massives und wirkliches Vagabundenthum mit Raub und Verwüstung. Die enttäuschte Hoffnung auf einen plötzlich und mühelos zu gewinnenden Besitz ist umgeschlagen in den Haß gegen den Besitz überhaupt.
Wir sehen in dieser Krankheitserscheinung eine gerechte Züchtigung. /Der „B e sitz" ist ein unendlich schwer wiegendes Wort in der Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft.' Der Besitz macht den Menschen erst persönlich, gliedert die Gesellschaft — nicht abstrakt, kastenhast, wie etwa die Fiktionen von Rang, Stand und Titel — sondern organisch. Ohne diese Gliederung wäre die Gesellschaft ein chaotischer Brei. Es scheint darum, daß die gegenwärtig obwaltende Gefä hrdung des Besitzes recht eigentlich dazu dienen soll, uns die Heiligkeit des Besitzes recht nachdrücklich in die Seele zu schreiben.
In der Epoche von den Befreiungskriegen an beging man gerade fortwährend den Grundfehler, daß man den Besitz zu gering anschlug, wodurch man nicht nur ein Proletariat von wirklichen armen Teufeln, sondern, was noch viel schlimmer war, ein vornehmes und gebildetes Proletariat ausbrütete, den Gewcrbstand, als dem wahrhaftesten Repräsentanten des in Ehren erworbenen Besitzes feindselig entgegen trat, und statt eines gediegenen Nationalwohlstandes einen Scheinwohlstand erzeugte, der sich jetzt in seiner fürchterlichen Nichtigkeit enthüllt. Gegen diese eingerosteten Uebel bedurften wir einer heroischen Kur, und diese ist uns geworden in der steigenden Gefährdung des Besitzes.
Die Lehrsätze von allgemeiner Theilung, vom „Bourgeois"- und „Krämergeiste" aller Derer, die etwas erworben haben und erhalten wollen, werden schließlich als Karrikatur der Wahrheit nur zur allgemeinen Anerkennung derselben dienen.
Faktisch ist es bereits, daß die Lehre von der Nichtsnutzigkeit des Eigenthums, die man von allen Dächern predigte, bei der ungebildeten Klasse jene große Entsittlichung erzeugt hat, deren Wachsen wir täglich mehr gewärtigen müssen. Schärft es dem rohen und gedrückten Menschen nur recht nachdrücklich ein, daß das Eigenthum der Diebstahl sey, und Ihr werdet bald genug einen ausgezeichneten Dieb aus ihm gemacht haben, einen Dieb, der mit Bewußtseyn, der mit Prinzip stiehlt, der es Euch dankt, daß Ihr ihm sein Handwerk ehrlich gemacht habt.
Solche Erscheinungen, die nur dazu dienen, einen Schatten auf den neu errungenen Aufschwung der Nation zu werfen, müssen um der Ehre unserer Freiheit willen bekämpft werden. Dies geschieht aber nur, wenn wir den Besitzlosen zum ehrlichen sauern Erwerb des Besitzes antreibcn, wenn wir ihm das wahrhaft Edle und Menschenwürdige des ehrlich erworbenen Besitzes barthun, statt ihm den Haß gegen den Besitz zu predigen. Nur auf diese Weise wird man dem wachsenden Geist der Entsittlichung steuern.