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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^Z 31» Dienstag den 6 Februar 1849»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Präuume- rationspreis ist in Wiesbaden 3 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Sfl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Allgemeiner oder konfessioneller Religionsunterricht?

Zur neuen Berwaltungsorganisation. Bauverwaltung.

Deutschland. Hadamar (Widerstand gegen die Erekutivgewalt)

Weilburg (Spaltung unter den Demokraten). Mannheim (Be­strafung eines Soldaten). Karlsruhe (Außerordentliche Vermö­genssteuer). Freiburg (Der Prozeß gegen Struve und Blind). Berlin (Ausweisung des Ministers Nodbertus). Wien (Die Ab­schaffung der Todesstrafe in Kremster beschlossen).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Großbritannien. London (Eröffnung des Parlaments).

Sprechsaal für Stadt und Land.

xs Allgemeiner oder konfessioneller

Neligionsnnterricht ?

Von einem Protestanten.

Sowie kein Mensch als Einzelwesen zum wirklichen Da­seyn kommen kann, ohne zugleich durch dieselbe That auch in eine Well, in eine bestimmte Ordnung der Dinge und unter einzelne Gegenstände versetzt zu werden: so kann auch ein reli­giöser Mensch zu seinem Einzelleben nicht gelangen, er wohne denn durch dieselbe Handlung sich auch ein in ein Gemeinleben, also in irgend eine bestimmte Form der Religion.

Erinnert euch, was die Dichter von einem Zustand der Seelen vor der Geburt reden, wenn sich eine solche gewaltsam wehren wollte, in die Welt zu kommen, wie sie eben nicht diese oder jm seyn möchte, sondern ein Mensch überhaupt: i diese Polemik gegen das Leben ist die Polemik der natürlichen; Religion gegen die positive und dies ist der permanente Zu- | stand ihrer Bekenner." Schleiermacher, über die Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, fünfte Rede, pag. 269 u. 274.

Die Frage: öb allgemeiner oder konfessioneller Religions­unterricht? ist neulich sin diesen Blättern angeregt worden. Wir.entscheiden uns für den konfessionellen', und zwar aus dem einfachen Grunde , weil ein allgemeiner Religionsunterricht zumal ein allgemeiner, der zugleich auch ein christlicher wäre, gar nicht im Reiche des Möglichen liegt, also ein Unding ist. Was man allgemeine Religion nennt, ist gar keine Reli­gion. Wer die Religion nur als allgemeine will, der will sie eigentlich gar nicht, und wer außerhalb aller konfessionellen Gemeinschaft meint religiöses Leben haben, erhalten, mitthei- lcn zu können, der weiß nicht, was religiöses Leben ist. Wir eilen, diese Behauptungen zu begründen. Ein Blick in die Vergangenheit wird uns den Weg bahnen.

Etwa in der Mitte des vorigen Jahrhunderts fing man an, alles geschichtlich Geworbene als ein Zufälliges, Irrationa­les zu betrachten, das man über Bord werfen müsse, um die Menschheit auf ihrer Fahrt nach dem Hafen der Glückseligkeit (ein Wort aus jener Zeit) von diesem Ballaste zu befreien. Vaterland, Stand, Konfession, Kirche, Race sogar, kurz Alles,

was dem Menschenleben konkreten Inhalt und individuelle Ge­stalt gibt, sollte abgethan werden zu Gunsten des reinen Menschen, der nicht mehr ein Deutscher seyn wollte, sondern ein Weltbürger schlechthin; nicht mehr ein Katholik oder Prote­stant, sondern einReligiöser überhaupt. Aber was wardieFolge? Den Weltbürger kümmerte sein Vaterland, sein Volk wenig; es kam ihm nicht in den Sinn, sich ihnen mit allen seinen Kräften und mit seinem ganzen Herzen zu widmen. Herz und Geist gehörten nach seiner Meinung der Menschheit; dem Vaterland blieb nur bas Phlegma, ver Philister, ber in Den vorhandenen Gleisen weiter geht, wenn sie auch noch so aus­getreten sinv. Der Weltbürger merkte nicht, daß er nur für sein Volk und Vaterland handle, für die Menschheit aber bloß schwärmen könne. In leeren Schwärmereien vergeu­dete er Geist- und Herzenskraft und ließ das Vaterland inne­ren u-w äußeren Feinden zur Beute werden. Der Anhänger der allgemeinen Religion machte es nicht besser. Von seiner Kirche, der er durch Taufe und Konfirmation angehörte, wandte er sich ab, als sey er ihr nichts schuldig, als müsse sie es ihm noch danken, daß er nur dulde, ihr dem Namen nach anzugehören. War sie verderbt, er that nichts, sie zu bessern; war sie unverbesserlich, er that auch nichts, eine neue bessere zu gründen; aber Alles that er, sie um Achtung und Ver­trauen zu bringen, das Gefäß zu zerschlagen, welches das religiöse Leben seines Volkes beschloß und den köstlichen Inhalt zu verschütten.*)

Es ist hier nicht der Ort diese so verderbliche Entzweiung des Geistes mit Den geschichtlichen Lebensformen bis in ihren Ursprung zu verfolgen; so viel ist gewiß, der Kosmopolitis­mus und die allgemeine Religion sind nicht Aeußerungen eines gesunden, sondern eines schwer erkrankten nationalen und kirchlichen Lebens, sie sind Schmarotzerpflanzen, gewachsen auf den erkrankten Stämmen des Staats und der Kirche, und nur dazu geeignet, denselben die letzte Lebenskraft auszusaugen. So wenig aber die Schmarotzerpflanze die Eigenschaften der­jenigen besitzt, auf welcher sie wächst; so wenig hat auch die sogenannte allgemeine Religion die Eigenschaften der Religion überhaupt und dcö Christenthums insbesondere, nur aus Miß- verstgnv kann sie dafür gehalten werden.

Wir wissen, daß chir mit dieser Behauptung bei Vielen hart anstoßen. Damit sie nicht etwa meinen, sie sey was ganz Neues und Unerhörtes, wollen wir noch einmal Schleiermachern hören: Er äußert (Seite 271 des obgenannten Werkes) den Verdacht, als sey die natürliche Religion ganz vorzüglich von jenem Uebel einer Vermischung ja gar einer Verwandlung in Metaphysik unD Moral befallen" und fährt dann auf. der fol­genden Seite so fort:DaS Wenige, was ihre (der Verehrer der natürlichen oder allgcmeinenReligion) magre und dünne Reli­gion enthält, steht für sich in unbestimmter Vieldeutigkeit da; sie haben eine Vorsehung überhaupt, eine göttliche Erziehung überhaupt, und alles dies erscheint ihnen gegeneinander bald in dieser, bald in jener Perspektive und Verkürzung und jedeS

*) Wir haben auch jetzt noch nur zu viele von dieser Sorte, und daS ist ein Beweis, daß cs mit der Kirche viel schlimmer auSfieht als mit dem Staate, daß wir eher auf eine wahre Wiedergeburt des letzter» als der erster» rechnen dürfen. Der Derf.