Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 2L» Montag den 29. Januar L8LS
Zweite Ausgabe.
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Uebersicht.
Zeitungsschau.
Das landesherrliche Bestätigungsrecht und die Beschlüsse der evangelischen Synode».
Deutschland. Frankfurt (Eine Erklärung Camphausens. Das Fran- furter Journal wird Organ der Linken). — Köln (Die Uebertreibung ■ in den he,motrÄischen Wahlberichten). — Leipzig (Kammerverhand- Lungen). — Dresden (Abdankung sämmtlicher Minister). — Berlin (Die Wahlen). — Posen (Desgleichen). — Schleswig (Einfall dänischer Freischäaren). — W le n (Ueberschwemmungen. Neue Hinrichtungen). — Prag (Veränderte Stellung der Slaven).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Großbritannien. London (Kalifornien).
Z e i t sr n g s sch a r»
Der bekannte Held aus Berlin schreibt in der Vossischcn Zeitung: Der Ausfall der Wahlmänner-Wahleu soll — wie man vielfach hört — mehr demokratisch als konservativ seyn. Dieser Ausspruch beruht indeß auf jener Unklarheit der politischen Begriffe, die der Volkspartei zu deren eignem Unheile so sehr eigen ist. Da nennt man kurzweg und ohne nur ein wenig nachzudenken Jeden demokratisch, der an der Krone, dem Ministerium und der Verfassung uur irgend eine Kleinigkeit auszusetzen findet oder der in irgend einer Art 'unzufrieden ist, ebenso wie man Jtden kurzweg einen Reaktionär nennt, dessen Ansichten mit der Handlungsweise des Gouvernements oder mit der Verfassung in irgend einem Punkte zusammentreffen. Auf eine Untersuchung der Prinzipien, nach denen die demokratische und konservative Partei zu scheiden sind, läßt man sich um so weniger ein, als zu dergleichen Untersuchungen die Mühe und Fähigkeit des Denkens erforderlich sind, zwei Dinge, welche dem gewöhnlichen Volke weit unbehaglicher erscheinen als das papageiartige Nachplappern.
Wir behaupten deßhalb , daß die Wahlen der Wahlmänner durchweg konstitutivnnell, und also — da die bestehende Verfassung eine konstitutionnelle ist — konservativ ausgefallen sind. — Denn eine ganz entschiedene Majorität der Wahlmänner — gewiß neun Zehntel derselben — erkennt die durch die Verfassung ausgestellte Staatsform, nämlich die konstitutiv» nelle Monarchie mit zwei Kammern, vollkommen an, und verlangt nur eine Vereinbarung der konstitutionellen Gewalten über den Inhalt der Verfassung, also genau genommen gar nichts Anderes als die in Aussicht stehende Revision. — Wer wirklich Demokrat seyn wollte, der müßte die Absicht haben, für Preußen die absolute Demokratie (ungeteilte Volksherrschaft) als Staatsform aufzustellen, d. h. er müßte der Gesammtheit des Volkes die Staatsgewalt (Souveränetät) zusprechen, also die Königliche Souveränetät vollständig vernichten, keine erste Kammer gelten lassen, und alle Staatsgewalt in einer einzigen Nationalrepräsentation vereinigen. — Da dies natürlich nicht ohne eine neue Revolution möglich ist, so fra
gen wir: der wievielste Theil der Wahlmänner ist denn nun eigentlich demokratisch? Der wievielste Theil der Wahlmänner will denn den Umsturz des konstitutionellen Prinzips, die Auf- stellung der absoluten Demokratie und den zu diesem Zwecke nothwendigen Eintritt einer Revolution? —«Wir haben sehr hoch gerechnet, wenn wir annehmen, der zehnte Theil. Und wenn wir fragen: wer würde zur Erreichung jenes Zieles Gut und Blut einsetzen? so bleibt uns nur der zehnte Theil jenes Zehntels übrig; und wir haben also gewiß sehr Recht, wenn roirjagten: Die Wahl der Wahlmänner sey nicht demokratisch ausgefallen.
Man schreibt der Allgem. D. Zeitung aus Stuttgart. Unsere äußerste Opposition hat allerdings ihre Bekämpfung des Ministeriums aufgegeben und sucht sich nun, als die eigentlich ministerielle Partei darzustellen, während sie bisher Alles gethan, um jede Regierung unmöglich zu machen. Der Führer der bisherigen Opposition, Abg. Stavtdirektor Seeger, gab ausdrücklich gegen den Minister Römer die Erklärung ab, daß die Opposition keineswegs den Sturz des Ministeriums bezwecke. Die Opposition hat eingesehen, daß das Volk, das, was in Wahrheit Volk ist, sich mit dem jetzigen Ministerium begnügt und ehrgeizige Bekämpfung desselben abweist; ferner daß, wenn das jetzige Ministerium fiele, voraussichtlich nicht mit den Radikalen, sondern mit vormärzlichen Bestandtheilen ein neuer Versuch gemacht würde. Der Versuch des hiesigen Bürgerwehrclubs, alle Bürgerwehren des Landes in demokratische Clubs zu verwandeln, hat wenig Aussicht auf Erfolg.— Unser Oppositionsblatt, der „Beobachter," soll mit dem Neujahr 800 Abonnenten verloren haben.
Der „Revue de beut Mondes" vont 1. Januar, Seite 78, entnehmen wir, daß Metternich bei Jet Nachricht von der Februarrevolution in Frankreich den Franzosen das linke Rheinufer angeboten hat, um sie dadurch von der Sntnoeution zu Gunsten der Lombardei abzuhalten. (Eine neue Species von Zeitungsente).
Die bedeutenderen Pariser Journale enthalten die Mittheilung des von der Frankfurter Nationalversammlung gefaßten Beschlusses, nach welchem die Reichsgewalt einem der regierenden deutschen Fürsten übertragen werden soll. Der „Constirutionnel" meint in Bezug auf diesen Beschluß, daß Preußen, gebunden durch die bestehenden Verträge, die ihm zugedachte Kaiserkrone aus Rücksicht für Oesterreich, das diese Verträge aufrecht erhalten wissen will, nicht annehmen werde. In der That, bemerkt das Organ Thiers noch dazu, gestattete man der Frankfurter Versammlung eine solche Modifikation der Verträge von 1815, so müßte man dasselbe Recht jeder andern Versammlung zuerkennen, z. B. auch einer Bundesversammlung der italienischen Staaten. Welche gewichtigen Folgen