Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jfë 21 Donnerstag den 23. Januar 18^9.
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Der Religionsunterricht in den Staatsschulcu.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Frankfurt (Note der kurhessischen Regierung. 'Frankfurter Zeitung) — Mannheim (Erklärung des Vaterländischen Vereins). — Heidelberg (Allgemeine Arbeiterversammlung). — Karlsruhe (Die Oberhauptsfrage). — Aus Tbü- ringen (Die Einheitsbestrebungen). — Berlin (Arnold Ruge. Zwei epochemachende Bücher). — Wien (Einberufung des lombardisch - Venetianischen Landtages nach Wien). Frankreich. Paris (Tagesbericht).
DaS ist die rechte, würdige, heilsame und deutsche Nachahmung, nicht Nachäffung eines französischen Beispiels.
Während in Frankreich das Präsidium in die Kaiserherrschaft überzugehen strebt, kann und wird in Deutschland die Kaiserwürde durch die Verhältnisse immer etwas von dem Charakter eines Präsidiums erhalten.
Dort wird der kaiserlichePräsident herrschen.
Hier soll der präsidirende Kaiser regieren.
Wer das nicht will in Deutschland, der will die Uneinigkeit und Zwietracht, die Schwäche und die Machrlosigkeit, der will daS Zerfallen und den Untergang des theuren Vaterlands neben dem in Einigkeit und Macht mit neuen Kräften sich aufraffenden drohenden Frankreich.
Und wer daS will, ist kein guter Deutscher und kein braver Preuße."
Zeitungsschau.
Die „Flugblätter", eine in Neuwied erscheinende Volks, zeitung, enthalten seit Kurzem gelegentliche Mittheilungen, de- nen man leicht die Feder des in jener friedlichen Stadt rastenden Staatsmannes, des Freiherrn v. Arnim, ansieht. Eben kommt mir eine ältere Nummer derselben vor's Gesicht, in welcher eine Hinweisung auf unser westliches Nachbarland benutzt wird, um die uns Alle beschäftigende Kaiserfrage mit treffenden Worten zu beleuchten. Den Anlaß bieten ihm Auszüge aus einer kleinen Schrift des bekannten Aler. Weill in Paris, welcher sich ton gewissen Thevrieen und Verbindungen von der Zeit vor dem Februar lossagt — ein bekehrter Republikaner. — Man freut sich, unsern edlen Freiherrn in so ganz volksthümlichcm Tone mit seinen Lesern reden zu hören, üüd sucht sich (wie man cö in seinen größeren Schriften gewöhnt ist) manch hübsches Goldkörnchen heraus. „Nur zu oft," heißt es darin, „haben wir uns üble Vorbilder aus Frankreich zur Nachahmung gewählt; nehmen wir nun auch einmal die guten Vorgänge bei unseren Nachbarn zur Nachfolge.
Der neueste Vorgang dieser Art im Großen ist die Wahl des Präsidenten von Frankreich in der Person von Ludwig Bonaparte. Was auch die Wahl im Emzeln'en für die-Parteien , die dabei zusammengewirkt haben, bedeuten mag, im Ganzen und für die große Mehrzahl der fünf Millionen, welche für diese Wahl stimmten, bedeutet sie: „Einheit und Macht im Innern und nach Außen, Aufhören der Anarchie, Wiederbele, bung des Wohlstandes, Ordnung."
Alles das können wir auch brauchen, ja haben wir eben so dringend nöthig als Frankreich. Nehmen wir uns also ein Beispiel an Frankreich, und nachdem wir seine, Revolution nachgeahmt haben, ergreifen wir jetzt auch mutatis mutandis dieselben Mittel, um gleich ihm wieder zur Ordnung und zu allem, was daran hängt, zu gelangen.
Frankreich hat sich einen Präsidenten gegeben, in welchem eS eine kaiserliche Zukunft der Einheit im Innern und der Macht nach Außen steht.
Deutschland antworte ihm darauf durch die Kaiserwahl des Einen und des Mächtigsten, welcher allein im Stande, seinen Geschicken im Kriege und Frieden zu präsidiren.
Der Voss. Ztg. wird auS Paris geschrieben: Ein sehr erbitterter Feind Deutschlands ist seit einiger Zeit hier thätig, der Schweizer Held Dufour; so daß man jetzt, obwohl die Stimmung in Frankreich nicht sehr kriegerisch ist, dennoch an die Möglichkeit eines Kampfes am Rhein denkt. Dufour, ein Soldat aus der Schule Napoleons, ein edler Mensch, vielleicht ein wahrer Republikaner, in der besten Bedeutung des Worts, Feind aller Reaktion, so wie aller Anarchie, war im höchsten Grade erbittert, als im vergangenen Jahre die Metternichische Politik sich "mit Ludwig Philipp verband, um sich in die innern Angelegenheiten der Schweiz zu mischen, welche damals unter dem Vorwande des religiösen Sonderbundes nichts anderes war, als der Kampf der Aristokratie gegen die Demokratie. Damals war von den Schweizer Radikalen die Rede in Deutschland , als wenn die in der besten Ordnung verwalteten blühenden Kantone Zürich und Bern sich in den Händen von Leuten wie Hecker und Struve befänden. Leider hatte damals das preußische Ministerium Veranlassung, wegen Neuschatcl die Partei der Aristokratie zu nehmen, wo die Verwaltung des Landes in den Händen einiger vornehmen Familien war. Die Folgen sind bekannt. Weniger bekannt aber, daß daS Odium der Schweizer hauptsächlich auf die Preußen gefallen ist, und daß grade Dufour der Träger dieses Hasses ist. Er war Lehrer des jetzigen Präsidenten Napoleon in der Militär-Schule zu Thun ,‘ und dieser sein Zögling hat sich mit solchem Eiser den Militär-Wissenschaften gewidmet, daß die Schweizer Eidgenossenschaft denselben zum Stabs-Offizier im General-Stabe beförderte. Eine solche Beförderung hat einen um so bedeutenderen Werth, weil in der Schweizer Armee der Sohn des Gastwirths mit demselben Rechte Offizier wird, wie der des Reichsten und Vornehmsten; 'so daß also der jetzige Präsident seinen militärischen Grad sich selbst, und nicht seiner Geburt zu danken hat. AuS diesem Hasse Dufours gegen Deutschland wollen daher Manche jetzt auf eine größere Möglichkeit eines Krieges gegen Deutschland schließen, als es sonst der Fall wäre.