Neigung gegen das Institut der Gerichtsvollzieher kund, und schon soll es zu ernsthaften Demonstrationen gekommen seyn. Das sind wiederum die Früchte jener mißverstandenen Selbstregierungstheorie , womit unsre politischen Marktschreier sich und ihre Anhänger bethoren, während cs dem, der die neue Gemeindevcrfaffung ihrem Geiste nach begriffen, nicht zweifelhaft seyn wird, daß das Geschäft des Gerichtsvollziehers mit dem Amt des gewählten Bürgermeisters im Interesse der Gemeindeverwaltung selbst ein- für allemal unvereinbar ist. Mögen also für dieseömal die Volksführer sich bemühen, den Unverstand zu belehren, und ihm begreiflich zu machen, daß es außer dem Kreise der Gemeindeverwaltung liege, Hierüberetwas bestimmen zu wollen.
Aber leider vermißten wir auch andrerseits die nöthige Umsicht, welche bei der Wahl der Individuen nothwendig schien. Man hat sie ausschließlich den Beamten heimgegeben und diese haben in ihrem Schlendrian zuletzt daran gedacht, was noth thue, die gerichtliche Hülfsvvllstrcckung nach dem Geiste des Gesetzes ins Leben zu rufen.
Die Blattern, welche seit einiger Zeit hier ausbrachen, greifen immer mehr um sich, doch sind sic nicht bösartiger Natur. Thatsache ist es, daß bis jetzt nur Mitglieder deö Volks- vercins davon befallen wurden, und es erklärt sich dieses dadurch, daß der Herbergsvater, Chr. Künstler, die Krankheit zuerst von einer demokratischen Missionsreise aus dem Amt Runkel mitbrachte.
Auch Herr Snell zu Langenbach, der Agitator von der Weil, wurde von einem kleinen Unfall getroffen. Er wollte Raben schießen, und schoß — sich selbst. 'Unpraktisch, wie in seiner Politik, beobachtete er nicht die einem Schützen nöthige Vorsicht. Die Flinte zersprang und zwei Finger der linken Hand wurden um die Hälfte kürzer.
Dr. Gerau, der von hier soll ausgewiesen werden, hat als Schiffsknecht des Chr. Künstler sich einschreiben lassen. Wir meinen, daß man hiermit die Maßregel des Ausweisens kassiren müsse, um so mehr, als wir sein politisches Wirken für ganz unschädlich halten. Seine durchlöcherte Umsturztheorie wird nur noch in den niedrigsten Kreisen ihre Anhänger finden, und weder sein äußeres Auftreten, noch seine Lebensgeschichte oder seine Befähigung als politischer Schriftsteller werden ihm jemals ein beachtungswerthes Publikum gewinnen.
Frankfurt, 22. Jan. (D. 3D Reichstag. — Schluß. Rümelin aus Nürtingen (Würtemberg): Ich habe um das Wort gebeten, weil ich einer der wenigen Süddeutschen bin, die entschieden mit dieser (nach der Rechten deutend) Seite gehen, bereit, sich keines Opfers zu entschlagen, welches für die Einheit Deutschlands zu bringen ist. Die Idee eines preußischen Erbkaiserthums, ich weiß, Daß sie in meinem engeren Vaterlande Hindernisse finden würde, aber diese Hindernisse sind nicht unübersteiglich. Wir aus Südwcstdeutschland haben das größte Interesse an der Einheit Deutschlands, wenn auch gerade wir eine Scheidung von Oesterreich am schmerzlichsten empfinden würden. Aber ausgesetzt jedem ersten Angriffe des Feindes, ist es uns schon darum Ernst mit dem Gedanken einer festen Vereinigung Deutschlands. Dann betrachtet der Redner die materielle Lage der Bevölkerung seiner Heimath. Diese fordere allerdings Schutz für die vaterländische Industrie, aber Diesen Schutz werde eine Versammlung des Volks dem Volke nicht versagen. In dem Zusammenhänge mit einem starken Norddeurschland erblickt Herr Rümelin ferner auch den gewissen strategischen Schutz gegen feindliche Eingriffe. Bleiben zwei Großmächte im deutschen Bundesstaate, so behalten wir auch 30 kleine Mächte. (Beifall.) Es gibt dann wieder ein Oesterreich, ein Preußen, aber kein Deutschland. Daö Parlament? ruft man mir zu. Das Parlament würde ohnmächtig seyn einer solchen Zusammensetzung des Bundesstaats gegenüber. Ich fühle den ganzen Schmerz der Klage: das ganze Deutschland soll es seyn ! Allein ich habe auch die Kraft, mich zu entscheiden, wenn ich erkennen muß, daß uns zwar die Gegner alles mögliche Böse von dem sogenannten preußischen Kaiserthume zu sagen wissen, daß sie aber weit entfernt sind, mit einem festen Plane hervorzutreten, um den mißliebigen Gedanken durch eine andere mögliche Gestaltung zu ersten. Der Redner weist alsdann die Bezeichnung „Kleindeutschland" zurück, und die Befürchtung, daß wir anstatt einer Union mit Oesterreich den Bürgerkrieg von dorther zu erwarten hätten. Für die Erblichkeit will ich nur einen Grund anführen. Wir wollen einen preußischen Erbkaiser, damit wir nicht preußisch werden. Wir wollen uns ganz hingeben, damit Preußen in
den Stand gesetzt werde, sich auch uns ganz hinzugeben. (Lebhafter Beifall.) Man beruft sich auf die Unklarheit der österreichischen Verhältnisse. So spreche man denn ein deutliches Wort nach dieser Richtung aus und die Klarheit wird kommen. Unser Ministerium soll unterhandeln und hat die Grundlagen der Verfassung nicht, auf die hin es unterhandeln soll. Freilich, wenn Sie feint« Bundesstaat errichten, so kann Oesterreich eintreten, wenn Sie aber das entscheidende Wort sprechen, ist die Frage von ihrer Seite gelöst und das Weitere wird folgen. Ich gebe zu, die Erblichkeir ist ein großer und kühner Gevanke (links Lachen), es ist ein kühner Griff, etwas hinzustellen, was den Ausgang zum Zielpunkt der künftigen Geschichte Deutschlands machen wird. Denn alles Andere, was Sie der Erblichkeit gegenüberstellen, sind Provisoria. (Sehr wahr! sehr gut!) Bei allem Anderen, was Sie beschließen, schieben Sie die Entscheidung der Zukunft zu. Das deutsche Volk hat uns berufen, daß wir ihm eine Verfassung geben. Um unseres Namens in der Geschichte willen möchte ich, daß wir das Werk vollenden. Ihr (zur Linken) Wahlspruch ist: die Zukunft wird es machen. Unser Wahlspruch ist umgekehrt: nicht die Zukunft soll die Verfassung Deutschlands, sondern die Verfassung die deutsche Zukunft machen. (Lebhafter Beifall von der Mehrheit des Hauses).
Uhland aus Stuttgart: Nachdem der Beschluß gefaßt ist, daß nur regierende Fürsten zur Oberhauptswürde deS Reichs zu berufen sind, bleibt mir nur noch gegen die Erblichkeit zu sprechen. Ich will die Verdienste der konstitutionellen Staats- sorm nicht herabsetzen, aber eine Schattenseite muß ich hervorheben. Das ist die Unverantwortlichkeit des erblichen Monarchen, die ihn zugleich in vielen Fällen in die Unmöglichkeit der Selbstbestimmung versetzt. Der neue Geist Deutschlands fordert auch neue Staatsformen. Ich war daher schon der Widersacher des doktrinären Erbkaisers, als er noch in der Wiege lag bei den Siebzehnern. Denn cs ist ein Jüngling in grauen Haaren. Der Ausschluß Oesterreich endlich — als wir Schleswig eroberten, wer hätte gedacht, daß wir Oesterreich verlören! Als die österreichischen Abgeordneten mit den deutschen Bändern geschmückt in Frankfurt einzogen, wer hätte gedacht, daß sie ohne Sang und Klang ans der Paulskirche, scheiden würden! Dieß ist eine stümperhafte Einheit, die ein Dritthcil ausschließt. Wenn ich einen Österreicher reden hörte, und war's auch nicht nach meinem Sinne, so schien mir es doch immer, als hörte ich eine Stimme von den Tyroler Bergen, oder als hörte ich das adriatische Meer rauschen. Unser Werk wird nicht gelobt werden, wenn wir ohne Oesterreich nach Hause kommen. Ich werde mit meinem Landsmanne, der vor mir gesprochen, keinen Bürgerkrieg beginnen. Aber ich weiß, daß auch meine Anschauungen nicht in der Luft stehen^ Der Thurm Preußen am deutschen Dome ragt hoch auf. Lassen Sie Platz für den Thurm Oesterreich. Verwerfen Sie die Erblichkeit, schaffen Sie keinen herrschenden Einzelstaat, stoßen Sie Oesterreich nicht ab, retten Sie das Wahlrecht, das letzte Wahrzeichen des Geistes, der uns hierhergerufen. „Es wird kein Haupt über Deutschland herrschen, DaS nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Oels gesalbt ist."
Dahlmann: Meine Herren! Ich werde darnach trachten, mich der ernsten und würdigen Haltung meiner beiten letzten Vorredner anzuschließen, keineswegs aber dem wieder lebendig gewordenen Pater a Santa Clara nacheifern (Beifall), welcher von diesem Platze einen tiefen ernsten Gegenstand mit mannigfaltigen Späßen überschüttet hat. Sie haben in Ihrer letzten Abstimmung die Würde des Reichsoberhauptes einem der regierenden deutschen Fürsten übertragen und eben damit die Grenze bezeichnet, in welcher sich die heutige Diskussion zu halten hätte, wiewohl zu meinem Bedauern sich mehrere der Herren Vorredner keineswegs innerhalb dieser Grenzen gehalten haben. Ich habe mit meinen Gesinnungsgenossen im Verfassungsausschuß ein Minderheitserachten aufgestellt, welches also lautet: „Diese Würde ist erblich in dem Hause des Fürsten, dem sie übertragen wird."
Dies Minderheitserachten zu vertheidigen bin ich hieher getreten, wiewohl ich Ihnen gestehe, daß das Geschäft, welches ich übernommen habe, mir nicht unähnlich dem Geschäfte zu seyn scheint, als hätte ich es übernommen, eine Lobrede für das Einmaleins zu halte«. (Links Hoho!) Denn gerade wie es mit dem Einmaleins beschaffen ist, daß sich ihm gar nichts besonderes Scharfsinniges oder gar Liebenswürdiges nachsagen ließe, sondern immer nur einfach so viel: es sey richtig damit, es lasse sich dem nicht widersprechen, es sey ohne dem gar nicht auszukommen in Haus nnd Hof ohne das Ein-