; Nassauische
Allgemeine Zeitung,
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! M 16. Freitag den LS Januar L8âS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntag«. — Der vierteljährige Pränume- rationweis ist in Wiesbaden " fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzoMums und Kurfürstenthums Hessen,'der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. :r«b fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr.
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' Ein Mißperstandniß.
' Dentschlapd. Wiesbaden (Landtag. Die Wahlkandidatur des kom- munistischen Pfarrers Snell. Adjunkt Wehchardt). — Hachenburg (Die Gemeinderathswahlen). — Frank fu r t (Reichstagsverhandlungen).
— Mannheim (Eilwagen-Unfall). — Aus Würtemberg (Wider- s legung. Eine Stimme für ein österreichisches Oberhaupt in Deutsch- : land). — München (Otsterreichische Pläne). — Berlin (Erklärung des Königs an die Urwähler in Ressin). — AuS Schlesien (Cholera, t Wachsende Demoralisation). — Lüb eck. (Die Grundrechte). — Wien (Grâuelthaten in Siebenbürgen. Attentate).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
4 @t« M iHversèân d n iH.
Bürgermeister, umgeben von Gemeinderath und Bürgerausschuß, nur sehr konstitutionell regieren können, d. h. — sehr wenig.
Es ist aber ein trauriges Zeichen ter politischen Unmündigkeit, die noch einen großen Theil unseres Volkes gefangen hält, daß cs sogenannte Demokraten gibt, die da glauben, wenn etwa in Wiesbaden ein demokratischer Bürgermeisterkandidat die Stimmenmehrheit erhalten, dann hätte die Demokratie dermaßen gesiegt, daß jeder Andersdenkende nunmehr unmöglich sey. Hub in derselben Zeit wird die Demokratie in Ungarn aus ihrer letzten angreifenden Stellung geschlagen und die Reaktion zieht in der That mit klingendem Spiel in allen Ländern ein! Doch was thut das? Unser politischer Horizont fängt auf dem Gipfel des Heidenberges an und umfaßt das ganze Salzbachthal. Was kümmert es uns da, wenn hinten in der Türkei der Jellachich den Kossuth zum Teufel jagt?
Der bilduugslose Theil der Demokraten, also namentlich das demokratische Proletariat hegt jetzt eben so große Irrthümer in Betreff der neuen Gemeindeordnung, wie er sie früher in Betreff des gestimmten politischen Umschwungs hegte. Dies ist auch ganz natürlich. Man verkündet den armen Leuten täglich, daß ihnen geholfen sey, daß ihnen heute, morgen, übermorgen das Heil kommen werde. Sie aber fasten das Heil natürlich nur in der Art, daß ihre materielle Bedrângniß ein Ente finde. Dieses hofften sie bereits den ganzen Sommer hindurch von dc,m politischen Aufschwung, dessen höhere Tendenzen ihnen schwerlich sonderlich warm gemacht haben werden. Statt der erwarten Besserung verschlechterte sich aber ihre materielle Lage noch bedeutend durch die allgemeine Erwerblosigkeit.
Nun wird aller Orten — und mit vollem Rechte — die neue freie Gemeindeordnung als die wichtigste und beste Errungenschaft, die uns neuerdings zu Theil ward, gepriesen. Das demokratische Proletariat hört dies, legt sich die Trefflichkeit der neuen Gemeindeordnung in seiner Weise zurecht, und sucht darin abermals die plötzliche und wunderbare Errettung aus seinen materiellen Bedrängnissen. Es be- henkt nicht, daß diese, an eine historische, urdeutsche Basis gelehnte freie Gemeindeordnung jene Macht des Proletariats, welche unser früheres unfreies Gemeindewesen so verderblich aufwuchern ließ, brechen wird; es bedenkt nicht, daß diese trete Gemeindeordnung doch eigentlich auch sehr konservative Tendenzen in sich schließt.
Nun glaubten die Demokraten, wenn sie Gemeinderath, Bürgerausschuß, Bürgermeister in ihrer Farbe durchsetzten, dann würde ihnen plötzlich geholfen seyn. Sie werden sich in Kurzem arg enttäuscht sehen. Denn wenn die Männer irgend einer Parteifarbe in der Gemeindeverwaltung auch ihre Freunde bevorzugen wollten, so würden sie es nicht einmal können, eben darum, weil die Gemeindeordnung so freisinnig ist, d. h. der Willkür keinen Spielraum läßt. Mit viel mehr Recht hätte man so sanguinische Parteihoffnungen auf die alten Schultheisen werfen können. Diese hatten allerdings eine ziemlich absolutistische Macht in Händen, während unsere neuen
D e » t s ch l a n d.
* Wiesbaden, 18. Januar. (Ständeversammlung.) Vorsitzender : Gergens. Fortsetzung der Berathung über den Gesetzentwurf über die Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung. Auf Anregen des Abg. Müller II. als Berichterstatter wiederholt der Abg. Schmitt sein Amendement zu §. 2. Hiergegen erhebt der Abg. Bertram Bedenken, und beantragt, vorläufig noch nicht definitiv darüber abzustimmen. Nach längeren Debatten, wohin der Sitz des Kreisamtes für die Aemter Limburg, Diez und Runkel verlegt werden soll, entscheidet sich die Mehrheit mit 22 Stimmen für Sim bitrst. Ferner werden folgende Orte zu Sitzen der Kreis am ter durch überwiegende Stimmenmehrheit erwählt: Herborn (31 Stimmen gegen 2), Hachenburg, Hada- mar, Nassau (gegen 5 Stimmen), Schwalbach (gegen 2 Stimmen), Idstein (gegen 6 St. —Bei der Debatte über Idstein sprechen die Abgeordneten Justi und Keim mit besonderem Interesse für diesen Ort), Rüdesheim (gegen 5 St.), Höchst (gegen 2 St.), Wiesbaden (gegen 8 St.). Es erfolgt die Berathung über die folgenden Paragraphen.
(Schluß folgt.)
f * Wiesbaden, 18. Januar. Dem äußeren Vernehmen nach beabsichtigt ein großer Theil der Wahlmänner der Kur- und Residenzstadt Wiesbaden den kommunistischen Pfarrherrn von der Weil zum Deputirten für den Landtag zu wählen. Da sich unter den gegenwärtigen Zeitläuften so Manches begibt, was der gemeine Verstand für unmöglich gehalten hätte, so wird am Ende dieser Kandidat Sieger seyn und in die Ständeversammlung einrücken *). Derselbe wird dort lange Predigten über die Aufhebung aller Vermögensunterschiede halten, und wenn auch seine Theorien an der Macht der Umstände schei-
*) Es ist dies sogar unser aufrichtiger Wunsch, da wir der festen Ueberzeugung sind, daß politisch Unmündige ebenso wie andere Kinder nur durch Schaden klug gemacht werden können.