Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M LS Donnerstag den 18» Januar 18LS
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Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Deutschland. Hadamar (Die Kreisamtseintheilung). — Montabaur (Bürgelmeisterwahl). — Frankfurt (Reichstag. Die Bewohner von Homburg gegen den Spielbankbeschluß. Die Sammlung für Auerswald, Die Posener Frage. Die Stimmung in der Oberhaupts- frage). — Mannheim (Die Festung Rastatt). — Köln (Das RheineiS. Befreiung eines Verhafteten). — Nürnberg und Bamberg (Großes Wasser). — 8 iegnitz (Erzesse). — Wien (Der Reichstag zu Kremsier),
Frankreich. Paris (Tagesbericht. Sozialistische Weihnachten).
Z e i t tt n g s s ch a u.
Zur Charakteristik der gegenwärtigen Pariamenlsverhand- lungen theilen wir nachstehenden Absatz aus der Oberpostamtszeitung mit:
Wir stehen im Beginn der wichtigsten von allen bisherigen parlamentarischen Debatten, an der Frage über das künftig e d e u tsch e O b erh aup t. So gewiß cs ist, daß sich während der Verhandlungen darüber die Geister erhitzen und die Parteien scharf einander messen werden, so auffällig ist andererseits die Stimmung, mit welcher diesem Kampfe entgegen gegangen wird; während sonst bei dem Herannahen einer besonders wichtigen Verhandlung über allen Parteien eine wahre Gewitterschwüle herrscht, alles Lose vor dem kommenden Sturme gefestigt wird, alle Blicke nach der heran- ziehenden Wolke gerichtet sind und gleichgesinnte Männer fester zusammentreten — beherrscht jetzt das ganze Haus noch eine Stimmung, wie nach einem Gewitter, dessen Spannung sich in dem Beschlusse über das Ministerialprogramm entladen hat; die Blicke sind nach dem abziehenden Phänomen gerichtet.
Zu den signifikantesten Erscheinungen gehört ein von der Mehrzahl der österreichischen Abgeordneten unterzeichneter und zu Protokoll abgegebener Protest, welcher Verwahrung gegen künftig vielleicht ihr oder Oesterreichs Interesse zu fassende Beschlüsse einlegt und die Gültigkeit derselben im Voraus negirt; schwerlich hätten diese Herren ihre Stellung in der Reichsver- sammlung mehr kompromittiren können, als durch diesen Protest; was soll man von dieser ihrer Stellung, waS von ihrer Berechtigung, mitzusagen und vollgültig mitzubeschließen denken, wenn sie schon jetzt im Voraus bestreiten, daß gewisse künftig vielleicht zu fassende Beschlüsse deS Hauses, wenn sie nicht nach ihren Wünschen auSfahen, für sie bindende Kraft haben könnten.
Bei der vorgestrigen Abstimmung stimmten gegen daS Ministerium 87 Oesterreicher mit Ausnahme von Graf Dcym, Rößler, Pretis und Schreiner, welche sich der Abstimmung enthielten und p. Schmerling, welcher während der Abstimmung nicht anwesend war; auch Laube, der in Böhmen gewählt ist, gab seine Stimme nicht ab: 115 der gegen das Ministerium abgegebenen Stimmen gehörten der Linken mit Einschluß des
Württemberger Hofes an; 22 in gleichem Sinne abgegebene Stimmen gehörten baierischen Abgeordneten und einzelnen anderen Mitgliedern der Rechten an. Schon aus diesen Stimmenverhältnissen ergibt sich, daß mehrere der bisherigen parlamentarischen Parteien von einer Auflösung in landsmannschaftlichem Sinne bedroht sind: auch dieser Umstand erhält in denselben eine gewisse unsichere Gährung und läßt die auf die Ministerialfrage so unmittelbar folgende Diskussion über das Reichsobcrhaupt allerdings etwas verfrüht erscheinen; viele Schwierigkeiten würden sich viel leichter besiegen und eine den Wünschen der Majorität des deutschen Volkes entsprechende Abstimmung leichter sichern lassen, wenn man der Stimmung des Volkes und der Regierungen noch einige Zeit Raum gelassen hätte, sich noch vielfältiger auszusprechen, als es bisher schon geschehen ist, daß die Majorität des Volkes, wie die Mehrheit der deutschen Regierungen ein erblich.es Kaiserthum will, ist nicht nur eine unleugbare Thatsache, sondern auch ein erfreuliches Zeugniß der viel größeren politischen Reife, zu welcher sich das Volk im Lichte der neuen Zeit entwickelt. Ein ernstlicher Zweifel daran, daß sich die deutsche Reichsversammlung endgiltig für dasselbe entscheiden werde, kann nicht aufkommen; bei der jetzigen ersten Lesung werden dieser Entscheidung noch manche Stimmen durch den gegenwärtigen Stand der österreichischen Angelegenheiten entzogen werden,, die ihr zufallen werden, sobald sich das Verhältniß zu Oesterreich durch die anzuknüpfenden Unterhandlungen klarer entwickelt haben wird.
Die „Karlsruher Zeitung" sagt: „In der würtembergi- schen Abgeordnetenkammer hat Staatsrath Römer (nach dem Schwäbischen Merkur vom 10.) von der Ministerbank ausgesagt: Würtemberg habe viel zu leiden gehabt, weil eS „Baden hüten müsse." Ist diese Behauptung, genau besehen, nicht vielleicht eben so richtig, als fie freundnachbarlich ist? Könnte man hier nicht etwa umgekehrt sagen: Baden hat viel für Andere zu leiden; cs hat die ganze südwestliche deutsche Rëichsgränze dem republikanischen Auslande gegenüber zu hüten und Würtemberg und die rückwärts liegenden Staaten zu decken? Ist es nicht in der Ordnung , daß uns Würtemberg in der Form von Reichstruppen dabei unterstütze? Hat Würtemberg nicht sein Kontingent an Freischaaren (Führer und Gemeine) und an inneren Helfershelfern und Gesinnungsgenossen reichlich genug gestellt, um auch für sich selbst ein Kontingent des Schutzes schuldig zu seyn? Und ist Würtemberg in der That in dem naiven Glauben, daß es so wohlfeilen Kaufes weggekommen wäre, wenn seine Heerde, wo cs zu brennen drohte oder brannte, so dicht an der Auslandsgrenzc wären gelegen gewesen? Sollte es in seinem Innern sich nicht zuweilen sagen, daß es der „schwachen badischen Regierung" manchen Dank schuldig ist, daß sie durch wahre Freisinnigkeit, Mäßigung und Energie die ersten gewaltigen Stöße der Welterschütterung zunächst und auch für Andere ausgehalten hat? Dieses Thema ließe sich wohl recht gut auömalcn; doch nein 1 — wann werden wir Deutsche doch einmal anfangen, billig gegen einander zu seyn; wann den alten Familienncid und Familienzwist von uns werfen, uns