Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^U 12. Montag den IS. Januar L8LS
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitmigsschau.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag. Der Antrag zu Gunsten des Ministeriums wird zum Beschluß erhoben). — Kassel (Anleihe). — Leip js g (Silbertransport nach Berlin). — Hannover (Erklärung der Hannoverschen Zeitung). — Mecklenburg (Erklärung des Landtages zu Gunsten der preußischen Hegemonie). — Berlin (Ersatz für die Konduitenlisten). — Wien (Dreizehntes Armeebülletin aus Ungarn. Die ehemaligen Sympathien für Koffuth. Die Lagunen Benedigâ zuge- sroren). — Kremsier (Der Reichstag und das Ministerium).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Italien. Lombardei (Kriegerische Aussichten. — Florenz (Diplomatische Posten )
3 eitrrngsschau
Der „Bresl. Ztg." wird von der russischen Gränze dd.
2. Jan. geschrieben! „Die Nachrichten aus Rußland lauten halb und halb kriegerisch, und zwar zeugt nicht blos die Ernennung des russischen Kriegsministers Fürsten Tschernitschew zum Präsidenten des Reichsraths und des Ministerkomite's von kriegerischen Gelüsten. Man begegnet jetzt in russischen Zeitungen gar oft panslavistischen Bestrebungen, jede Gelegenheit wird vom Zaune gebrochen, um die Nothwendigkeit einer Einigung aller slavischen Stämme darzuthun; und mit besonderer Vorliebe wird hervorgehoben, daß die österreichische Trias, Windisch-Grätz, Radetzky und Jellachich slavischen Ursprungs sind. Auch ist eine Annäherung an Frankreich zu bemerken, und besonders wird der Kaiser Napoleon, so oft eS sich nur thun läßt, in den Himmel gehoben."
militärische Bewegungen dürften an den schweizerischen Gränzen stattfinden. Ungarn einmal besiegt, werden Oesterreich und die übrigen deutschen Kabinete über Italien und die Schweiz her- fallen, welche sie als den Heerd aller Verschwörungen betrachten. (?) Sie werden die Neutralität des schweizerischen Gebiets achten, aber das Bundestagspersonal wechseln und den Sonderbundshäuptern sowie dem unermüdlichen Berner Patriziat die Zügel der helvetischen Zentralgewalt wieder in die Hände spielen. Der Radikalismus, jetzt an der Regierung, zeigt sich zwar sehr demüthig und^willfährig, wofür wir nur an sein Verfahren gegen die politischen Flüchtlinge (deutsche und italienische) erinnern; aber das genügt nicht und die deutschen Kabin , werden nicht eher ruhen als bis sie ein Resultat (!) errungen. Wir hören jetzt schon von einer sehr präzisen Note reden, in welcher das Potsdamer Kabinet, auf die Wiener Verträge von 1815 gestützt, wegen Neufchatel reklamirt und von Rußland hiebei stark unterstützt wird , daS sich - als Schutzwächter jener Verträge betrachtet. General Dufour kommt also nach Paris, um zu erfahren, was Frankreich thun werde, tveiui im nächsten Frühjahre 1. Tessin von Radetzky besetzt würde und 2. deutsche" Reichstruppen nach Neufchatel drängen, um später bis Piemont vörzumarschiren? Wir glauben, Frankreich darf den Oesterreichern und preussischdeutschen Reichstruppen den Uebergang über die Brücke in Basel und der Pas-de-Suze nicht gestatten."
Dasselbe Blatt fragt in seiner vorigen Nummer: „Ist Hr. v. Gagern*) nicht derselbe Diplomat, welcher, irren wir nicht, im Jahre 1815 im Namen des Herzogs von Nassau in der berühmten Note vom 4. Septbr. 1815" darauf antrug, daß Frankreich Elsaß und Lothringen wieder verlöre, indem, er sich auf den Grundsatz stützte: „Que a que la Conquéte aurait donne', la conquètc pouvait l'enrever."
Die „Neue Münchener Zeitung" schreibt unterm 9. Januar: „In unserm gestrigen Artikel aus München haben wir mit Entschiedenheit und Entrüstung, lediglich unserm eigenen Gefühle folgend, die Anschuldigungen undeutscher Gesin- nungs- und Handlungsweise zurückgewiesen, welche von mehr als einer Seite her gegen die bayerische Regierung erhoben worden waren. Wir sind heute in den Stand gesetzt, diese Angaben als böswillige Verleumdungen auf das bestimmteste zu bezeichnen. Der in nächster Woche schon beginnende Landtag wird der bayerischen Regierung willkommene Gelegenheit bieten, sich über ihre gesummte Politik offen auSzuspycchen, von ihrem Thun und Lassen Rechenschaft zu geben."
Die Pariser „Assemblee" sagt: „D n so u r's Besuch im Elysee- National hat keineswegs bloß zum Zwecke, seinem ehemaligen Berner Artillerieschüler Glückwünsche zu seiner Besteigung des Präsidentenstuhlsdarzubringen. Wir glauben, diese Reise habe eine andere Wichtigkeit. Die schweiz. Zentralgewalt, die nicht an diplomatischer Kurzsichtigkeit leidet, hält sich überzeugt, daß im nächsten Frühjahre ein allgemeiner Krieg loSbreche. Große
Deutschland.
Frankfurt. (D. Z.) (Reichstag. — Schluß.) Jordan von Berlin: Deutschland ist ein blühender fruchttragender Baum, am Rheine wurzelnd und aufstrebend mit doppelter Krone auf doppeltem Stamme. Ein jeder dieser Wipfel ist stark genug, sich selbst anzugehören. Dennoch muthet man dem einen zu, sich an das Verfassungsspalier des andern binden zu lassen. Der Redner verbreitet sich dann ausführlich über die geschichtlichen Verhältnisse Oesterreichs, über seine Lage und natürliche Bestimmung. Die Unruhe der Versammlung wächst jedoch so sehr von der linken Seite des HauseS her, daß Hr. Jordan dem Präsidenten selber kaum noch verständlich bleibt. Nur unter wiederholten Unterbrechungen und Pausen find wir im Stande, an einzelnen zusammenhängenden Sätzen mit unserem Gehöre anzuknüpfen. Der Redner zeigt, daß eS Oesterreich nicht einmal Ernst sey, auch nur mit der Erfüllung der zugesagten Bundespflichten. Aber nicht diese Unterlassung wolle er Oesterreich vorwerfen — nur ein Idealist könne von ihm
*) Jedem deutschen Leser wird es sogleich beifallen, daß hier Heinrich v. Gagern mit seinem Vater verwechselt ist. Die Red.