Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 11» Samstag den LL Januar 1849.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Präuume- rationsvreis ist in Wiesbaden S sl., für den Umfang des Her^ogthumS Nassau, des Großberzogthums und Kurfurstenthnms Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebieles 8 fl. 40 fr. __Juserate werden die dreispaltige Petit;eile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Scheil ende rg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Die neue Knechtschaft der evangelischen Kirche.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Herborn (Bürgermeisterwahl). — Frankfurt (Reichstag. Die Parteistellungen in der Frage über das Ministerialvrogramm. Der Großherzog von Hessen spricht sich für ein erbliches deutsches Oberhaupt aus). -- Köln (Verhaftungen),
— Dresden (Die gehofften Auiklârungea über die Hinrichtung Blums).
— Berlin (Weitläufigkeiten auf Anlaß der deutschen Vielstaaterei). — Oldenburg (Der Großherzog für die preußische Hegemonie).
Niederlande. Aus dem Haag (Der Prinz von Oranien. Die Universität Utrecht).;
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Dänemark. Kopenhagen (Der Reichstag über den Krieg mitDeutsch- land.
ö Die neue Knechtschaft der evangelischen Kirche.
In der Freien Zeitung (Ro. 233) findet sich ein Vorschlag zur Erlangung kirchlicher Freiheit, der auch den Beifall der Nassauischen Zeitung erlangt hat und von derselben im Auszüge mitgetheilt ist". Leider verbürgen aber mehrere Punkte : dieses Vorschlags so wenig, was sie versprachen, daß er viel- : mehr gerade daS Gegentheil herbeiführen würde, wenn man ihn ausführte, daß er die evangelische Kirche in die schmach- ; vollste Knechtschaft versetzte. Es kann uns dies nicht wundern, denn der Vorschlag kommt von der Weil, wo eben bekanntlich die tollsten Vorschläge im deutschen Vaterlande gemacht werden. Ob die Verbesserungsvorschläge von der Weil alle aus einer Quelle kommen, thut nichts zur Sache, aber eine merkwürdige Uebereinstimmung haben sie darin, daß sie den Eigennutz immer zu ihren Bundesgenossen machen. Der Verfasser des oben genannten Vorschlags zeigt sich aber als ein wahrer Priester des Eigennutzes, indem er nicht die Macht der Ueberzeugung zu seinem Bundesgenossen wählt, sondern blos an die Gier des Volkes appellirt. Dadurch beabsichtigt er einen Terrorismus in der Kirche hcrbeiznführen, der die allerschmachvollste Knechtschaft herbeiführen müßte.
Der Reformator von der Weil projektirt unter anderen: „Theilung des Kirchen- und Pfarrvermögens im Fall des Austritts eines Theils der Gemeinde aus der Kirche, nach Derhültniß der auStretenden Mitglieder." Ist damit nicht die Minorität, welche sich den Beschlüssen der Majorität nicht ügen will, geradezu aufgefordert, auS der Kirche auszutreten, hren Antheil vom Vermögen zu fordern und damit den Befand, der Kirche zu untergraben? Ist damit nicht die Habgier irreligiöser Menschen angeregt, welche sich der Hoffnung hingeben müssen, sie könnten den herausgegebenen Theil des Kirchenvermögens zu selbstsüchtigen Zwecken verwenden, da es am Ende doch unmöglich ist, das Vermögen der unendlichen Zahl kleiner Sekten zu koutrolliren? Und wahrlich, man sollte doch glauben, daß eine Kirchengemeinde eben so gut eine Korporation wäre, als eine bürgerliche Gemeinde, so daß also an
eine Vermögenstheilung nimmermehr gedacht werden kann, wenn ein Theil austritt.
Sodann kommt ein anderes Projekt: „Verweigerung der Steuern zum Zentralfonds gegenüber den Unternehmungen der Kirchenregierung gegen die evangel. Freiheit." Man müßte wahrlich den Eigennutz der Menschen schlecht kennen, wenn man hoffte nach der Annahme dieses Vorschlages von der Mehrzahl überhaupt je etwas für den Zentralfonds zu erhalten. Ein jeder schlechter Bezahlet' würde alle Maßnahmen des Zen- tralfonds, selbst wenn sie auch von der freigewählten General- synode beschlossen wären, für Unternehmungen gegen die kirchliche Freiheit erklären. Unser Volk (ich spreche von der Mehrzahl) sieht nicht ein, weßhalb man Dekane hat, weßhalb es einen Bischof gibt, weshalb eine Generalsynode erforderlich ist. Ja, es gibt nicht wenige, die selbst auch die Pfarrer noch für überflüssig halten und sie gern durch Pfarrvikarien ersetzen möchten. Diesen Eigennutz der großen Mehrzahl kannte der Reformator von der Weil wohl auch. Als kluger Volksmann segelt er aber lieber mit dem Winde, als daß er sich auf das gefahrvollere Unternehmen einließe, dem ungünstigen Winde entgegen zu arbeiten.
DaS letzte Projekt setzt aber seinen Maßnahmen zum Heike der Kirche die Krone auf: „Das Recht der Gemeinden, ihrem Pfarrer zu kündigen, wenn seine Lehre mit dem Glaubensbewußtsein der Gemeinde im Widerspruch . steht." Noch nie ist wohl der evangelischen Kirche eine größere Schmach angesonnen worden, als mit diesem Vorschläge. Denn würden nicht dadurch die Pfarrer zu elenden Schwätzern erniedrigt, die einem jeden Recht geben müßten, die es gleichgültig mit ansehen müßten, wenn man sich in allen Sünden herumwälzte? Ein sündhaftes Leben gehört freilich nicht zum Glaubensbewußtseyn, aber der große Haufen setzt die Freiheit in ein zügelloses Leben. Bei dieser Sachlage sollte sich derjenige, dem die Förderung des Reiches Gottes am Herzen liegt, darüber freuen, wenn die Geistlichen mit allen Waffen des Evangeliums in die Schranken träten und gegen den jetzigen Unglauben und die maßlose Liederlichkeit ankämpften, und nicht die Stellung des Geistlichen so precär machen, daß die Bosheit sich sogleich dessen entledigen kann, der sie tadelt. Man braucht ja nur die Ausrede zu neh men, ein anderes Glaubensbewußtscin zu haben.
Wir glauben daher nicht zu viel zu sagen, wenn wir von dem Referenten von der Weil behaupten, daß er die Kirche zur Magv seiner politischen Schwärmereien mache. Nach seinen Worten kann man nicht anders glauben, als daß es ihm ganz gleich sey, wenn auch die ganze evangelische Kirche zu Gründe gehe, vorausgesetzt, daß noch einige Brettlein übrig bleiben, an die er sich bei dem allgemeinen Schiffbruche anklammern kann, um sich in den Hafen der Volksgunst zu retten.
Deutschland.
* Wiesbaden, 12. Jan. (Ständeversammlung.) Reg.- Komm. Werren übergibt die von den Lokalbeamten einge- gangenen Materialien wegen Einführung der Einkommensteuer.