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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^U 9. Donnerstag den LL Januar L8LS.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden 8 f!., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 ft. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Pctitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden'in der L. Schellen- berg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

U e b e r s i ch r.

Die Wühler unter den Staatsbeamtari.

Deutschland Mainz (Die Rüstungen. Der Karneval. Das Theater.

Das preußische Militär). München (Kamarilla und Reaktion).

Gotha (Die Thüringische Einheit). Hannover (Die neuen Rechte und die alten Sitten). Dortmund (Kongreß der konstitutionellen Vereine). Berlin (Kontrolle über die einpasstrenden Fremden). Wien (Nachrichten aus dem ungarischen Hauptquartier. Die Cholera. Zehntes Armeebülettin).

Frankreich. Straßburg (Der Wunsch nach Auflösung der National­versammlung. Entschiedenes Ankämpfen gegen die Republik).'Paris Tagesbericht).

Die Wühler unter den Staatsbeamten.

*0* Vom Main. In Folge der allgemeinen politischen GestältUP^iff zwar in dem potriischeuTreiben auch unsers Herzogthüins eine sehr bedeutende Windstille eingetreten, gleich­wohl sind wir noch weit davon entfernt, uns eines geregelten Rechtszustandes in allen Theilen des Landes zu erfreuen. Fragt man nach der Ursache, so Hörr man allenthalben dieselbe Ant­wort: Es ist daran Niemand Schuld, als dieAngestell­ten"; die, diesen Namen verdienenden Bürger undBauern sind des Treibens allenthalben über die Maßen satt, denn die Bauern haben ihren Zweck (Zehnten) so ziemlich erreicht, und der gewerb treibeube Bürgerstand sieht bei fortgesetzter Unruhe seinen Ruin voraus!

Jene, auf den ersten Blick auffallende, jedoch unzwei­felhaft richtige Thatsache dürfte ihre Erläuterung leicht finden, wenn man sowohl die gegenwärtige, als auch die frü­here Stellung der Staatsbeamten etwas näher in's Auge faßt.

Ein nicht geringer Theil derselben, jedes Aufschwungs zu einer höheren Idee unfähig, ohne allen moralischen Halt, ohne Charakter, von jeher bereit zur sofortigen Ergreifung jedes Mit­tels, sich Geltung, Einfluß, Beförderung, Gratifikationen re. zu verschaffen, war bei, wie es scheint, nicht allzugroßer politischer Voraussicht schnell zu der Ueberzeugung gelangt, der Strom der Gnaden fließe fortan nicht mehr von Oben, sondern quelle von Unten. Was war also natürlicher, als daß diese Leute sich ohne alles Bedenken der vermutheten neuen Gnadensonne zuwandten, und mit derselben Jämmerlichkeit und Feigheit, wie früher dem Hof- und vornehmen Beam, ten-Pöbel, so jetzt dem Volkspöbel ihre Huldigungen darbrachten, daß also die früher nach Oben servilsten, nach Un­ten despotischsten Beamten sich plötzlich, wie die wüthendsten Demokraten gebärdeten, den Mund nicht mehr öffneten, als um die Massen zu versichern, daß sie von jeher wenn auch frü­her nur sehr innerlich für daö Volkswohl geglüht, jedem schmutzigen Blousenmann den Hof machten re. re.

Das Benehmen dieser gemeinen Seelen, die nicht ihre Natur, sondern nur ihren Herrn gewechselt haben, kann also kein sonderliches Erstaunen erregen!

Ein zweiter, und leider der zahlreichste Theil der nassaui­schen Staatsbeamten ist bei redlichem Willen und ehrenhafter Gesinnung demnach den mächtigen Anforderungen der Zeit durchaus nicht gewachsen, eines Theils wegen Mangels gründ­licher politischer Bildung, andern Theils wegen totaler Entnervung in Folge des wegen auch nicht sehr langjäh­rigen doch jeder lebenskräftigen Geschäftsbehandlung feindlich entgegengetrctenen Bureau- resp. Amtsstubendienstes.

Diese Leute befinden sich in gegenwärtiger Zeit, in der nur Entschiedenheit und frisches kräftiges Handeln gilt, in einer ähnlichen Lage, wie der Fisch auf dem Trocknen, indem die bisherigen bureaukratischen Universalmittel das Protokolliren, Dekretiren, Reskribiren re. nicht mehr die frühere Wirkung thun, sie aber aller andern Mittel völlig entblößt sind, weil sie eben, durchdrungen von der Unfehlbarkeit ihrer Aktenherrlich- keit sich weder zu einer höheren wissenschaftlichen Weltanschau­ung versteigen noch sich in das praktische Leben hcrablaffen möchten.

Dieje Klasse von Staatsbeamten wähnen nun, in natür­licher not hu "diger Folge ihrer Mattherzigkeif, in der gegen­wärtigen wildbewegten Zeit noch ihre Stellung behaupten zu können, durch ein politisches Schaukelsystem, durch Allerwelts- freundlichkeit, buhlen um Popularität; sie bestreben sich durch äußere Höflichkeit die Gunst der Proletarier zu gewinnen, füh­len fich hochbeglückt, wenn sie mit den entschiedensten Anarchi­sten aus einem leidlichen oder gar freundschaftlichen Fuße stehen, fürchten nichts mehr als öffentliche Mißliebigkeitsdemon- strationen, bestreben sich auch die gröbsten Erzesse und Verbre­chen des, souveränen Pöbels möglichst zu verdecken, zu bemän­teln, mit der allgemeinen politischen Aufregung und dergleichen Redensarten zu entschuldigen.

x . Diese Kurzsichtigen erkennen nicht, daß sie auf die sicherste Weife an ihrem eigenen Sturze arbeiten, indem sie durch ihr unzuverlässiges Benehmen sich ebensowohl allen Par­teien als der Regierung selbst verdächtig machen müssen.

Von den sich auch Demokraten nennenden Anar­chisten können sie auch überzeugt seyn, daß sie von denselben im Grunde ihres Herzens verlacht und verachtet werden, in­dem diese Partei mit siebenfacher Blindheit geschlagen seyn mußte, wenn sie nicht begriffen, daß die Herablassung und Freundlichkeit des Herrn N.N. doch nur eine erzwungene, durch die Umstände gebotene, also eine erheuchelte ist.

Die Ordnung und Recht liebenden und bedürfenden Bürger aber werden vor einem solchen Manne ebenfalls, seiner zu Tage liegenden Feigheit wegen, nicht nur keine Achtung haben können, sondern sehr bald in ihm ihren Feind, und einen Bun­desgenossen der Anarchisten argwöhnen, weil ein solcher Staats­beamter im Zweifel aus Furcht seine Popularität einzu­büßen regelmäßig die ungemeffenen Ansprüche des Prole­tariats den Besitzenden, und darum bei der Erhaltung von Recht und Ordnung interessirten Klaffen gegenüber unterstützen, wenigstens denselben sicher nicht in der Weise entgegentreten wird, wie es Ehre und Pflicht von ihm erheischen. Die Re­gierung endlich wird aus den Folgen, wenn auch oft zu spät, erkennen, daß nichts geeigneter ist, allen Rechtszustand zu un­tergraben und jeden Rest von obrigkeitlicher Autorität zu zer-