Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M L. Samstag den 6. Januar 18LN
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einma^täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prâdume- rationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großberzogthums uns Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Heffen-Honiburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarissch-n Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen berg' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
W
Uebersicht.
Oesterreichs neueste Erklärung an das deutsche Reich. Deutschland. Wiesbaden (Rothschild übernimmmt die nassauische Anleihe. Auszeichnung des Soldaten Werner.) — Frankfurt (Rundschreiben des Märzvereins. Reichstag. Der König von Preußen und die Kaiserwürde. Statistische Notizen über die Stellung Oesterreichs zur Zentralgewalt). — H anau (Feier der Einführung der Grundrechte). — — Mannheim (Ronge über die Denkschrift der deutschen Bisäèfe).
— Leipzig (Verschiedene Ansichten). — Hamburg (Die finanzielle Ohnmacht Dänemarks). — W ien (Die Minister. Neue Seuche in Galizien). — Von der preußisch - russt schen Gränze (Die russischen Mysterien).
Spanien. Madrid (Aufstandsversuch in Sevilla).
C. V. Oesterreichs neueste Erklärung an das deutsche Reich *)
Untergeben soll der großartige Aufschwung des deutschen Volkes in einem politischen Gaukelspiel , ähnlich dem unheilvollen Wiener Kongresse; und Karlsbader Beschlüsse werden bald folgen, um der Nationalselbstständigkeit und Freiheit den letzten Todesstoß zu geben, denn Oesterreich hat das in der Verwirrung entwischte Gängelband, woran es in Deutschland Groß und Klein seit Jahren herumgezerrt hat, wieder aufge- griffen. Gewaltig haben sich die Zeiten und die Sprache geändert in den letzten Monaten. Denn während früher unser Parlament darüber verhandelte, ob und wie Oesterreich in den deutschen Bundesstaat aufzunehmen sey, erklärt nun dasselbe Oesterreich, es werte sogar eine deutsche Verfassung nicht anerkennen, wenn sie ohne 'eine Zustimmung zu Stande komme. Möge diese Deutschland stets und von jeher feindliche Politik der österreichischen Kamarilla, und „das nichts vergessen und nichts lernen" ja nicht ein unveräußerlicher Erbtheil des Hauses Lothringen seyn, welchen es vom Hofe der Bourbonen mit auf den deutschen Thron der Habsburger gebracht hat. Möchten die Opfer, welche unser Jahrhumert verlangt, nicht gewaltsam abgerungen werden müssen. Wir wünschen es wahrlich nicht, aber mit uns wird jeder Deutsche gegen solche Sprache sich empören, die, wenn sie willfähriges Gehör findet, die deutsche Einheit vernichtet und uns zum Gespötte von ganz Europa machen muß. Jetzt oder niemals wird Deutschland eine Wahrheit werden, jetzt gilt es, darauf zu bestehen, was wir wollen, und die abzuweisen, welche nicht mit uns, sondern nur durch uns ihr Bestehen zu sichern trachten.
Man ist gewohnt zu sagen, Polen ist noch nicht verloren, aber sich beständig vorzusprechen, Metternich lebt und wirkt »och, das hat man vergessen.
*) Wir theilen diesen Artikel mit, weil er eine beachtungSwerthe Auffassung der österreichischen Frage, obwohl im Ertrem, ausspricht. Er ist von einem Patrioten geschrieben, doch vielleicht nicht — von einem Politiker? Die Rev.
Die 40,000 jährliche russischen Dukaten, für welche dieser Diplomatenfürst halb Europa lahm gemacht hatte, müssen ferner auch abvervienl werden, und so ist denn in der Verbannung diese neue Auslage seiner Politik erschienen, deren erstes Kapitel zur Aufschrift hat: „Ohne Anerkennung von Seiten Oesterreichs kein Deutschland!" Ist vielleicht Ungarn schon besiegt und für immer gebändigt!, -sind die Czech n und übrigen Slaven schon befriedigt, und Italien im blühenden Frie- benSzustande, die Donau frei und im kaiserlichen Staatsschätze Ueberfluß, oder ein Heer zur unumschränkten Verfügung, um nöthigenfalls auch diesem Ausspruche Nachdruck zu verleihen? Wir sehen von allem diesem durchaus nichts, vielmehr das Gegentheil. Wir erblicken eine faktisch aufgehobene Sanktion, in Frage gestellte alte Verträge und schwierige Nationalitäten, nirgends aber den guten Willen und die nöthige Kraft, welche eine feste neue Stütze dem morschen Gebäude schaffen könnte, nur veraltete und allerschwache Ansprüche dem jungen Deutschland gegenüber.
Alles, was Billigkeit und Klugheit verlangt, hat dieses Deutschland Oesterreich gegenüber nachgegeben. Fast durchgehends einig darüber, daß Oesterreich, wie cs war, sich selbstständig befestigen und ordnen sollte, und entschlossen zum festen Freundschaftsbunde mit dem Kaiserstaate in Krieg und Frieden , wird dasselbe Deutschland jetzt, in dem Augenblicke, wo es auch seine Unabhängigkeit begründen will, wo es sich nach einem Lenker und Führer der Gesammtheit umschaut, von Oesterreich unter Vormundschaft zu setzen und als Kammergut in Anspruch zu nehmen gesucht. Weniger sehen wir darin eine Eifersucht des Hauses Loihringen Habsburg gegen die Hohen- zollern, noch einen Kampf des Ultramonlanismus gegen die Reformation, als hauptsächlich die Ränke einer ausländischen der deutschen Einheit feindlichen Politik gegen unsere nationale Erstrebung.
Wir sind freilich nicht blind, denn wir sehen Und wissen dieses Alles nur zu gut, aber grenzenlos verblendet sind wir, denn in einem Augenblicke, wo nur Einheit und Einigkeit allein vom Untergänge retten kann, zerfleischen sich die Parteien in wahnsinniger Lust, und schlagen für die Feinde Schlachten, welche den Sieger selbst wieder auf die Schlachtbank liefern werden. Wenn das Vaterland ruft, muß der Einzelne sich beugen, und wenn Deutschland in Gefahr ist, darf es nur Deutsche geben.
Angesichts Europa's, wie es Frankreich gethan, erkennen wir kühn unser Vaterland, unsere Verfassung und unser Oberhaupt an, und Deutschland wird zu Stande kommen, auch ohne Oesterreich's Anerkennung. —
Deutschland.
$ Wiesbaden, 5. Jan. Wie man vernimmt, Has das Bankhaus Rothschild in Frankfurt a. M. sich bereit finden lassen, auf die von Nassau zu konlrahircnde Anleihe von 1,200,000 fl. als Darleiher einzugehen.