Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N L. Freitag dett S Januar 18LN
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prännme- rativiispreis ist in Wiesbaven 8 fl., für den Umfang des Her^ogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfurstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr.. in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit S> fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der 8. Schellenberg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Zur inneren Entwickelungsgeschichte der deutschen Revolution.
Deutschland. Frankfurt (Neujahrsgratulationen beim Reichsverweser.
Reichstag. Verwirklichung der Grundrechte in der Lesegesellschaft). — Koblenz (TrnppendiSlozirungp — B o n n (Gottschalk. Die Nahrungs- lostgkeit). — München (Minister Beisler). — Berlin (Die Jung- Vmkesche Duellangelegeiiheit, Wahlagitation der demokratischen Partei. Theilnahme für das Schicksal des Pabstesj. — Hamburg (Anleihe für Dänemark). — Schleswig (Aufschlusse von Koppenbagener Blättern über die Truppensenduiig nach Alsen). — O l I in ü § (Großfürst Konstantiu).
Niederlande. Haag (Urlaubsbewilliguuqen für Offiziere).
Belgien. (Der diplomatische Kongreß zu Brüssel).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
* Zur inr ereu GntwickelungsgefchLchte der deutschen Revolution
Erster Artikel.
Die Kunde von dem Sturz der französischen Juli-Dynastie fand zuerst in der badischen Kammer ihren Widerhall. Allein selbst Hecker wagt» es damals noch nicht, den Gedanken einer „Revolution" für Deutschland auszusprechen. Die 12 Forderungen, welche man am 2. und 3. März in die badische Kammer brachte, und welche mehr oder minder maßgebend für die Forderungen von ganz Deutschland wurden, liefen nur auf die vollständige Verwirklichung und Ausbesserung der alten badischen Verfassung hinaus. Selbst mit der Wiederherstellung des alten Preßgesetzes (in welchem Kautionen und dgl. vorkommen) war man im Augenblicke zufrieden.
Am Vorabend der Offenburger Versammlung, als das Ministerium Bekk zu mancherlei Konzessionen genöthigt wurde, worunter einige, die sich mit dem strengen Rechisboden nicht mehr vertrugen und auf die revolutionäre Basis hinüberdeuten, nahm Hecker sogar einen konservativen Ton an und sprach im Sinne einer Unterstützung des hartbedrängten Ministeriums. Hätte man ihn damals, wie Manche Vorschlägen, zum Justizminister ernannt, so würde er wahrscheinlich jetzt im Reichstag auf derselben Seite sitzen, wo seine alten Freunde, Bassermann, Welcker und Mathy ihre Plätze genommen haben. Auf dem Offenburger Feste suchte Hecker sogar mit Jtzstein und Kapp das Verdrängen des republikanischen Gedankens zurückzuhalten. Hätten diese Männer geglaubt, inmitten einer wirklichen Revolution zu stehen, so würden sie schwerlich mit dem Auspflanzen des republikanischen Banners gezögert haben.
Auch im Volke war der ideale Begriff einer Revolution nichts weniger als vorhanden. Im Gegentheile benahm sich z. B. ein großer Theil des oberdeutschen Volkes im ersten Augenblicke völlig ko ntrer evolutionär, indem man aus Aer- fler über die Errungenschaft der Judenemanzipation die Juden verfolgte und ihre Häuser demolirte! Anderseits zeigte sich unter den Bauern freilich ein sehr gewaltiges Anstürmen gegen das Bestehende, indem sie an vielen Orten Südveulschlanbs
die Hypothekenbücher verbrannten, anderwärts die Wälder verwüsteten , das lästige Wild zusammenschossen ic. Man wird aber diesen Kundgebungen gewiß keine politische Motive unterlegen wollen, so wenig wie die Lohnkutscher um politischer Prinzipien willen hier und da die Eisenbahn zerstört haben. Es war vielmehr ein einfaches Abwerfen materieller Beschwerden, und nachdem dieß geschehen, zeigten sich die Leute ganz zufrieden.
/Wir müssen hier überhaupt im Voraus bemerken, daß der Begriff einer eigentlichen Revolution im Volke erst dann sich zu bilden begann, als die großen Städte mit ihren untern Bevvlkerungsschichten in die Bewegung hineingezogen wurden/ So sah man z. B. in den Märztagen in Wiesbaden allerdings Leute, welche die nassauische Fahne beschimpfen wollten und republikanische Ideen unter das versammelte Volk zu streuen suchten, aber gerade diese waren als Sukkursmannschaft aus den benachbarten größeren Städten gekommen, während die Einheimischen keineswegs an eine Revolution dachten. Kein Mensch wird auch in den „Forderungen der Nassauer" etwas anderes sinken, als die ganze Erfüllung dessen, was in seinen Grundzügen längst in unserer Verfassung ausgesprochen, leider aber immer nicht durchgeführt worden war.
Erst als der Kampf in Berlin und Wien ausbrach, gestaltete sich das reformatorische Andringen zur eigentlichen R r v o l u r i o ii, erst mit dem Sturze Metternich's konnte man überhaupt sagen, daß ein neues Prinzip in die Entwickelung Deutschlands eingetreten sey. Denn in den kleineren Ländern hatte man in der That nur die definitive Verwilligung längst verheißener Dinge abgerungen; mit dem Sturze Metternich s dagegen stürzte die Bundes Politik und eine neue deutsche Politik konnte nun erst Wurzel fassen. Preußen stand ja seit dem 7. Februar 1847 schon mit halbem Fuße auf konstitutionellem Boden, die übrigen Länder noch weit mehr, aber dem Vorschreiten dieser Staaten hielt die Stabilität in Wien zum mindesten die Wage. In Preußen und den kleineren Staaten war nichts zu revolutioniren, nur zu reformiren, in Wien wurde die deutsche Revolution gemacht; in Wien — so seltsam dies jetzt klingt — wurde das deutsche Parlament zuerst eine Möglichkeit, eine Realität.
Darum siegte nachgehcnds auch in Wien allein die Ge- genreDolutio.it. In den andern Ländern konnte sie nicht liegen, weil überhaupt eine Revolution nicht vorhanden gewesen war. In „Deutschland" ist ein neues Prinzip in's Leben getreten: die Reichspolitik statt der Politik des Bundestages; in Wien ein neues Prinzip: das konstitutionelle Kaiser- thum statt des absoluten. Im klebrigen ist im ganzen Jahre 1848 bei uns nichts wesentlich Neues entstanden; man hat nur ausgebaut. Selbst die Idee des nationalen Fortschrittes und der Einigung war in den letzten Jahren den kleineren Regierungen wie dem Könige von Preußen nicht fremd geblieben.
Als einzige positive revolutionäre Schöpfung aus den Kämpfen des Jahres 1848 ist daher für Deutschland blonder Reichstag hervorgegangen mit dem, was sich daran knüpft, der R e i ch s g c w alt. Soll daher — beiläufig gesagt — die Frage, ob Einer Reaktionär sey oder nicht, überhaupt einen