Nassauische ;
Allgemeine Zeitung.
J£ 1. Montag den L Januar I84N.
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Die Nass. Al!g. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich. mit Ausnahme deck Sonntags. — Der vierteljährige Prâuume- rativnspreis ist in Wiesbaden 8 ft., für den Umfang deâ HerzvgthumS Stassau, des Großberzogthums und KurfurUenthumS Hessen. der èandgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl 30 fr., in den übrigen Ländern des finülich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 f, 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Peiitzrile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Rückblick auf Nassaus politische Lage im £ abr 1848.
Deutschland. Vom Tanun s (Die Wahl der Gemeindevorsteher in Idstein). — Limburg (Gemeinderathswahl), — Frankfurt (Vorschlag des Verfaffungsausschusses über daS Re>chsoberhaupt. Oesterreich lehnt es ab, die deutschen Grundrechte einzufuhren). — Karlsruhe (Die rothen Republikaner). — A n s Süddeutschland (Die Spannung zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg). — Berlin (General Wrangel. Russische Kürriere nach Italien. Der Fürst von Hohenzol- lern Sigmaringen). — Wien (Graf Stadion und seine Beamten. Die ungarischen Gefangenen. Die Beziehungen zu Rußland. Die Untersuchung gegen die Mörder Latours).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Ungar». Preßburg (Die ungarische Armee).
Großbritannien. London (Die Cholera).
Italien. Pavia (Zur Charakteristik der politischen Stimmung).
* Rückblikck auf Nassaus politische Lage im Jahr ISIS.
Die politische Erhebung des Jahres 1848 hatte in Nassau einen großartigen Anlauf.genommen; das kleine Land und sein Volk, bisher kaum irgendwie Theil nehmend an höhere» politischen Strebungen, schien mit Einemmale der ganzen deutschen Nation voranleuchten zu wollen. Die ersten Tage der gewaltigen Bewegling waren von keinerlei Ausschweifungen entstellt; Fürst und Volk gingen einträchtig. Es war eine kurze Glanz- -~tfp6e.
Doch nahm die Sache rasch eine andere Wendung. Ehr- (izige Demagogen, lüstern, nach Frankfurt oder Wiesbaden iwâM zu werden, enlweiheten die politische Begeisterung: «dem sie den Landleuten die politischen Errungenschaften in D verlockenden Gewände eines Geldgewinnstes darstellten, ja durch ward der erste Grund zur Temokratisirung unseres -n Haus aus so konservativen, kernhaften Bauernstandes gest. In den Tagen des Vorparlamentes erfuhren die Ras uer plötzlich, zumeist durch auSwäitige Sendlinge, daß wir es inmitten einer Revolution befänden, daß die Märzerrun- ' nschaften keineswegs für das Ziel, sondern nur erst für einen einen Anfang gelten dürften. f Während unmittelbar vorher och kipmürhige Begeisterung für die volksihümlichc Haltung itè Fürsten geherrscht hatte, erstand plötzlich eine republikarische Partei. Der politischen Bildung baar, in ihrem Ziel- äiiMè unsicher, irrlichtelirte sie im Lande umher; allein in der Pahl ihre- Mittel unverzagt und in der Ausführung ent# chlossen, brächte sie wenigstens das zu Wege, daß ihre Mil- ieber, meist selber gehörige Wirrköpfe', auch die Kopie im 'and ^gehörig in Verwirrung setzten. Die Partei wuchs bis ,egen M: Juli hin; die gemäßigte Gegenpartei, an Zahl und Meliigenz unzweifelhaft überlegen, zeigte sich schwankend, un# scher, bequem. Hätte nicht der gänzliche Ilmschwung der deut- chen und europäische» Politik maßgebend eingewirkt, so wür- eu wahrscheinlich die entschlossenen Republikaner in Nassau Sieger geblieben seyn. !
Es war eine naturgemäße Konsequenz, die man nur in 'kaffnu nicht begreifen wollte, daß derselbe Mann, welcher die
sieghafte Freiheilsbegeisterung hauptsächlich mit entfacht hatte, der aber auch in den ersten Tagen schon ihren Uebergrif- fen kraftvoll en tg e g eng e t r eten war, berufen wurde, um die neue Gestaltung der Dinge, theilweise ja sein eigen Werk, nunmehr auch organisiren zu helfen. In jedem politisch- reiferen Staate würbe man darum in dem Ministerium Hergenhahn nich.s weiter erblickt haben, als die nächstliegende ans der politischen Bewegung selber geflossene Nothwendigkeit. Das Haupt einer sieghaften Opposition wird nach konstitutionellem Brauche fast immer der Chef der neuen Verwaltung. So krystallistrt sich gleichsam das bisher blos bewegende und verneinende Prinzip auch persönlich zum feststehenden und bejahenden. Es ist kies ein politisches Naturgesetz, dess.n Miß- achlung endloses Foristürzen Hervorrufen, und dem Staate niemals feste Bildungen gestalten würde. Weil aber der neue Minister die Revolution — wenn es nun doch einmal eine Revolution hat seyn sollen — schloß, grollten ihm die Männer einer endlosen Bewegung; wil er sie hatte h rvo-rusen helfen, die Männer des alten Systems. So steht Hegen, atzn ganz in derselben Stellung, in welcher sich G.gern, W lcker, Bassermann, Jordan befinden und ganz ans den gleichen ©innren. Doch ist das Opfer flüchtiger Popularität ein sehr kleines, angesichts der hohen Aufgabe, als Revolutionsmann oie R.vo- lution zu schließen.
/â>en wichtigsten Platz in dem zweiten Z ilabschnitt dieses JahreS, als nämlich die Aufgabe begann, die neugewonnenen Verhältnisse festzustellen und zu organisiren, nimmt der inue Landtag ein. Seine Stellung war von denfang an eine etwas zweifelhafte; denn im Ständesaal selber wußte man eigentlich nicht recht, ob inan gekommen sey, um zu vereinbaren, od>r zu dikliren. Erst die Einwirkungen der allgemeinen Reichspolitik verhalfen dem Landtag auf den bescheideneren Gedanken, daß er zur Vereinbarung gekommen sey. Aus sehr verschiedenen Bestandtheilen zusammengesetzt, die gropemheils der p li- tischen Bildung und Reife entbehrten, lernte der Landtag eigentlich erst, indem er Gesetze machte, sie ©innere# gellt der G e s e tz g e b u n g S ku nst, und leider hat er noch immer nicht ausgelernt. So geschah es, daß unsere Stände im vollen Wonsinn mit dem Staatswesen d i lett a n i i r te n, wodurch der praktischen Resultate gar wenig gewonnen wur- en, allerlei Verkehrtheiten aber in reichem Maße neben ab, fielen. Im Anfang, als die Regierung sich noch sehr schwach zeigte, und eie Frage, ob derselben überhaupt. eine Einsprache gegen die Beschlüsse des Landtages zuskbhe, noch in der Schwebe war, drohte dieser Dilettantismus Or unsere ganze Zukunft sehr gefährlich zu werden. MchMmbs hat sich kiese Gefahr etwas gemildert. Ganz beseitig rannte sie nur werden, wen« entweder die 2 estimmuug in dckWrsassu^ Aufnahme findet, daß bei Gesetzgebungsnagen Mindestens eine Majorität von erforderlich ist, unfrei iini Kammrrbeschluß zu erzielen, oder wenn ein v e t nünftig e S Zweikammersystem geschähen wird!
Die revolutionären Krämpfe und Nachwehcn, welche uit# sei deutsches Vaterland im Lau je des eemmcre und Herbstes noch vielfach sdurchzuckien, übten keinen MWlicheN Einfluß aus Nassau. Die Farbe, welche eie Wiesbadener Republikaner im