Dickhäutigkeit noch fortbesteht, will jetzt wirklich eine Reichs- Verfassung und einen deutschen Kaiser als etwas Bleibendes und Dauerndes hinstellen? Noch ehe dieses Jahr 1848 abläuft, das den ältesten Thron der Christenheit fallen und alle anderen Throne bis in ihre tiefsten Grundlagen wanken sah, soll der neue deutsche Kaiserthron aufgeschlagen werden und soll Bestand haben? Geht, ihr Herren! Noch ist Fastnacht nicht gekommen, und nur in Mainz oder Köln, wenn ringS umher der Hanswurst Pritschenschläge vertheilt und seine lustig tönenden Schellen schüttelt, können wir solchen Unsinn anhören."
Ueber die verderblichen Folgen, welche sich nothwendig an Aufstellung eines schwachen Reichsoberhauptes knüpfen müß- ten, spricht sich die Deutsche Zeitung folgendermaßen aus:
Dem Partikularismus wird binnen sehr kurzer Zeit die Gelegenheit werden, seine Stärke zu erproben. Nicht nur die Bestellung eines definitiven Reichspberhaupts, jondern »uch die , Anerkennung und Einführung der Grundrechte wird die unvermeidliche Probe dafür werden, wie weit es mit den Versicherungen der Einheitsgesinnungen und mit den Ableugnungen jedes Sondergelüstes seine Richtigkeit hat. Auch hier ist Yie Bestellung des Reichsoberhauptes von entscheidendem Einfluß.
Wird eine schwache monarchische Spitze geschaffen oder in der politischen Dreifaltigkeit, die man vorschlägt, der politische Zwiespalt in der deutschen Reichsgewalt verewigt, so wird es mit der Durchführung der Grundrechte gute Weile haben; manches kostbare Recht kann mit der Zeit das Schicksal des unglücklichen dreizehnten Artikels der Bundesakte theilen.
Wird aber jenes restaurirte Oe st erreich, das weder die Reichsgesetze noch die Grundrechte anerkennen will, an die Spitze des neuen Reichs gestellt, so begibt man sich vornherein des Anspruchs, jene Rechte vom Papier in die Wirklichkeit übertragen zu sehen; man begräbt sie, wie man auf dem Wiener Kongresse und später den Rest der Errungenschaften aus dem Befreiungskämpfe an Oesterreich -— zur Beerdigung über- grbrn^hätl
--Da wären wir also wieder bei unserem praeterea censco angelangt: die Uebertragung der Reichsgewalt an denjenigen deutschen Staat/der den meisten äußern und innern Beruf dazu hat (Preußen). Wir geben Namen und Titel für die oberste Reichswürde gern preis, wir fühlen weder für die feudale Kaiserherrlichkeit noch für den byzantinischen Antiquitätenkram der goldenen Bulle irgend eine Schwachheit, wir würden im Gegentheil an dem gesunden Sinne unsrer Staatsmänner radikal verzweifeln, wenn sie daran denken würden, uns die alte Puppe eines Wahlkaisers sammt Kurfürsten und andern Appertinenzien aus der Rumpelkammer historischer Reminiszenzen hervorzuholen, aber eins möchten wir um keinen Preis hingeben: die Macht und Gewalt des neuen Oberhauptes.
In Bezug auf die diplomatische Ausgleichung der italienischen Streitfragen, die in Brüssel geschlichtet werden sollen, hat die „Presse" einen ihrer angeblich „halbamtlichen" Artikel unter der Ueberschrist „Mittheilung." Sie will über die von Seiten Englands und Frankreichs aufgestellten Grundlagen der italienischen Vermittlung Folgendes wissen:
„Der Sieg von Goito und der Stolz des Königs Karl Albert, der nach diesem Siege jede Unterstützung der französischen Republik von sich wies und ausrief: „Italien kann Alles durch sich selbst machen" flößte Lord Palmerston die Idee ein, unter dem Ausschlusse Frankreichs, der alleinige Schutzherr des neuen Königreichs Oberitalien zu werden. Das Waffenunglück der piemonlesischen Armee zwang aber dieselbe, sich über den Ticino zurückzuziehen und die österreichische Monarchie, die man dem Absterben nahe glaubte, erwachte leitbem vielmehr wieder zu neuem Leben, indem sie sich neue liberale Staatseinrichtungen schuf.
Dies sehend, schob Lord Palmerston seinen Lieblingsplan, das englische Protektorat vom Süden auch auf den Norden Italiens auszudehnen, schnell wieder in die Tasche, und als rhm Bastide (damals Minister des Auswärtigen) im Anfang des August 1848 vorschlug, die Räumung Oberitaliens durch die Oesterreicher mittels einer Gelbentschävigung zu erzwingen,
da entsann sich Palmerston plötzlich seines an den österreichi, schen Minister v. Ficquelmont gegebenen Versprechens, Oesterreich nicht ganz aus Italien zu vertreiben. Messen- berg, Ficquelmonts Nachfolger, hatte nämlich für den Fall, daß sich Karl Albert in der Lombardei behaupten könne, den bekannten Fluß Avigo als Gränzlinie für die äußersten Zugeständnisse bezeichnet, zu denen sich das Wiener Kabinet je verstehen könne, Palmerston entsann sich dieser Vorschläge und st eilte diese Lidigogränzlinie als Auskunftsmittel dem Bastideschen Vorschläge gegenüber. Dieses ist das sogenannte Kontreprojekt des englischen Kabinetts gegen das Französische.
△ Die Bürgermeisterwahl zum Letztenmale !
Wiesbaden, 30. Dezember. Es kann nunmehr wohl keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die große Mehrzahl aller Derjenigen, welche die nahe bevorstehende Bürgermeisterwahl nicht zu einer Parteisache herabwürbigen wollen, sondern hierbei einzig und allein bas Interesse der Stad4 Wiesbaden im Auge haben, sich dahin vereinigt haben, vorerst nur einen Bürgermeister und als solchen den bisherigen Stadt- schultheißerei-Abjunkten, Herrn Weychard, zu wählen.
Wir freuen uns herzlich, daß der Kern der hiesigen Bürgerschaft so viel Einsicht und richtigen Takt an den Tag legt, indem er durch diese Wahl den Beweis liefern wird, daß er für eine freie Gemeindeverfassung und Verwaltung wirklich reif war, weil er durch freie Wahl den Mann an die Spitze seiner Gemeinde stellt, der auch sogar nach dem Urtheil seiner Feinde — und welcher ehrliche charakterfeste Mann hat deren in solchen Zeiten nicht eine Legion? — dazu in jeder Hinsicht ausgezeichnet befähigt ist, der also die sicherste Garantie dafür gibt, daß die Prophezeihung Derer, welche aus Vorliebe für das Viel- und durch Staatsbeamte-Regieren den Gemeinden und namentlich dem hiesigen städtischen Haushalt aus der freien Gemeindeverfassung seinen Ruin geweisfagt haben, zu Schanden werden!
Den größten Triumph würden diese Rückschrittsmänner feiern, wenn durch einseitiges Parteitreiben und Gleichgültigkeit und durch Uneinigkeit des achtbaren Theiles der Bürgerschaft ein Mann an die Spitze der städtischen Verwaltung käme, der, mindestens gesagt, nicht die geringste Erfahrung und Einsicht von einem Geschäfte hat/daS wahrlich kaum irgend einer Staatsbeamtenstelle an Schwierigkeit nachsteht, und welches unfehlbar mit) sicher, wenn es unerfahrenen Händen anvertraut wirb, in kürzester Frist in so heillose Verwirrung gerathen muß, daß sich Jevermann nach Rückkehr der alten Zustände sehnen, und der ausgestellte Parteipopanz als erstes Opfer seines ikarischen Selbstvertrauens fassen wird!
Darum, Bürger Wiesbadens, wenn Euch am Wohl und Gedeihen Eurer Stadt, welche sich sicher niemals in einer so gefährlichen Krise befand, als gerade in jetziger Zeit! — etwas gelegen ist, gebt den unseligen und unverständigen Gedanken auf, aus der Bürgermeisterwahl eine Partei fache machen zu wollen, stellt denjenigen Mann an die Spitze Eurer Verwaltung, den ihr als einen erprobten guten Verwalter bereits kennen gelernt habt, und hütet Euch vor Experimenten in einer Angelegenheit, bei der die Existenz Eurer Stadt und somit die Eurige aus dem Spiele steht!
An alle diejenigen aber, welche diese handgreiflichen Wahrheiten bereits erkannt haben, wollen wir noch die wohlgemeinte Ermahnung richten, sich nicht durch untergeordnete kleinliche Rücksichten, Bedenklichkeiten, Vorliebe oder Abneigungen rc. zur Stimmenzersplitterung verleiten zu lassen, und vor Allem zu bedenken, daß — sowie jetzt die Sachen stehen, alle diejenigen, welche nicht für Hrn. Weychardt stimmen, nur derjenigen, wir hoffen es, ^kleinen Fraktion in die Hände arbeiten, welche aber so blind sind, aus der Bürgermeisterwahl eine Parteisache machen zu wollen.
Also Bürger Wiesbadens seyd einig und habt Acht, daß man euch nicht abermals wird nachsagen müssen, ihr ließet euch von einer kleinen aber in sich einigen und rücksichtslosen Schaar beherrschen, und zu Schritten bestimmen, die eine Stabt in's Verberben bringen müssen!