Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 250.
Sonntag -eu LL Dezember
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Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rativnsvreis ist in Wiesbaden 8 ft., für den Umfang des Herzvgthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 ft. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r si ch t.
Schutzzoll.
Grundrechte des deutsche» Volkes.
Deutschland. Wiesbaden (Publikation der Vvllziehungsinstruktion für das Gemeindegesetz). — F rank fürt (Verhandlungen der Klubbs über die österreichische Frage). — Mannheim (Untersuchung wegen der Erzcsse zu Weinheim). — Kassel (Vertheidigung der deutschen Nordküste durch Sirandbatterieen). — Berlin (Der Zentralausschuß des Demokratenvereinö). — Stettin (Traurige Aussichten). — Aus Westpreußen (Erlösung von der Bürgerwehr). — Wien (Unglück auf der Nordbahn. Der Kampf der Serben und Magyaren. Die Akademie der Wissenschaften. Die Operation in Ungarn). — Aus Schleswig-Holstein (Dänische Windbeuteleien).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Dänemark. Kopenhagen (General Cavaignac soll Oberanführer des dänischen Heeres werden!).
Italien. Rom (Endliche Bildung einer Regiernngskommisüon vbne Bezugnahme auf den Pabst. Ausweisung vieler Republikaner). — Turin (Regelmäßige Gelduntersiützuug für Venedig beschlossen).
Spanien. Madrid (Kvrtessitzung/ Kampf in Katalonien. Hofleben der Königin).
* Schutzzoll
Da die Entscheidung über Schutzzoll- oder Freihandelssystem in diesem Augenblicke zum Schluffe drängt, und selbst bis auf die Gestaltung der Reichsoberhauplsfrage, ja für die Einheit Deutschlands überhaupt entscheidend werden kann, da ferner unserm engeren nassauischen Vaterlande die höchste Gefahr droht, daß durch Hinneigung der Frankfurter Finanzgelehrten zum Freihandelssystem, seine ganze Industrie unwiederbringlich ruinirt werde, so schien es uns nicht unpassend, einige Erörterungen hier zu wiederholen, welche wir über die Schutzzollfrage vor längerer Zeit in der Karlsruher Zeitung niederge- legt hatten.
Die Streitfrage, ob Schutzzölle oder der sogenannte Freihandel die rechte Handelspolitik für uns seyen, ist deßhalb eine endlose geworden, weil man sie zu einer theoretischen gemacht hat. Es handelt sich hier um keine Theorie, kein System, — es handelt sich blos um eine Thatsache der Nothwendigkeit. Wenn Ihr die industrielle Entwickelung unserer großen Nachbarstaaten aus der Geschichte streichen könnt, wenn Ihr wegleugnen könnt, daß sie Das sind, was sie sind und Das thun, was sie thun: — dann ist es Zeit, über die Schutzzölle als eine Schulfrage zu disputiren. Es ist vielleicht sehr deutsch, aber gewiß nicht sehr klug, da zu disputiren, wo der Augenblick ganz einfach fordert, daß wir uns ehrlich unserer Haut wehren. „
Schon das Eine dürfte bezeichnend seyn für den Standpunkt der Parteien, daß die wärmsten Vertheidiger der Schutzzölle meist Leute der Praxis, Geschäftsmänner, sind, denen.es schwer fällt, mit Worten zu streiten, während wir
vornehmlich Finanzmänner und Schriftsteller der Schule das Freihandelssystem verfechten sehen. Allein hieran knüpft sich ja sogleich das schwerste Vorurtheil gegen die „Schutzzöllner." Das sind eigennützige Leute, — Industrielle, denen es nur um ihre Industrie, d. h. um ihre Kapitalien, — Fabrikanten, denen es nur um ihre Fabrikate zu thun ist. Allein Dies will auch sagen, daß diese „Eigennützigen" eine Kleinigkeit auf die Weite setzen: — ihr Hab und Gut nämlich; jene Theoretiker dagegen wagen freilich einen weit größeren Einsatz : — den Kredit ihres Systems! Seltsam erscheint überdies die Einmüthigkeit jener „eigennützigen" Industriellen, mit welcher sie den Schutz, nicht des Garnes, nicht der Baumwolle, sondern der gesummten deutschen Arbeit fordern. Der Eigennutz, welcher vor allen Dingen Schutz für die Arbeit fordert, für die Arbeit von tausend armen Leuten, welche nicht vor die öffentliche Meinung treten und fordern können, ist am Ende doch so übel nicht.
Viele ahnen nicht, um wie große Dinge es sich hier handelt. Es dangl Euch vLx jener trüben Gährung, die in den Gemüthern des Volkes aufbraust; Euch graul vor dem Ge- spenste des Pauperismus, des Proletariats. Mit Recht. Es könnte seyn, daß durch diese krankhaften Zersetzungen im gcsell- jchaflichen Organismus mit der Z-it alle gesunden Säfte des Volkes verderbt würden. Aber hätten jene Unglücklichen Arbeit, namentlich die beruhigende Arbeit des industriellen Schaffens, sie würden vielleicht nicht krank seyn. Soll es uns näher liegen, die englischen Arbeiter ernähren zu helfen, als unsern Brüdern Hunger und Kummer, und das Schlimmere, was daran hängt, abzunehmen?
Darum ist die Schutzfrage der deutschen Arbeit in doppel te^ul Sinn eine Frage der Selbsterhaltung: daß wir von Außen" nicht erdrückt werden durch das materielle Uebergewicht der Nachbarn, von welchem sich ein politischer Vorrang nicht wegdenken läßt, und daß wir im Innern in ohnmächtigem Ringen uns nicht selbst aufreiben. Man kann freilich nicht sagen, daß eine naturwüchsig kräftige Jndustrieentwickelung Dies Alles, und gar auf der Stelle wirken könne; aber dreist kann man behaupten, daß entweder hier der Anfang zu machen ist oder nirgends. ,
Wenn man einmal zu der Ueberzeugung wird gekommen seyn, daß der unmittelbare Vortheil der Industriellen kaum in erster Reihe steht bei der Schutzfrage der nationalen Arbeit, daß vielmehr Ackerbau, Handel, Industrie und auch die Politik hier in gleicher Weise belheiligt sind, dann wird man auch einsehen, daß es sich hier gar nicht um die Theorie, sondern gar sehr um die Praxis handelt. Wohl Mancher läßt sich's nicht träumen, daß so ein Zolltarif ein Barometer der Kulturgeschichte werden kann, und bedenkt nicht, was für unberechenbare Folgen es für die Zukunft der Nation haben muß, ob man die Industrie (wie beim alten Zollvereinstarif) nach dem Zentner wägt, oder nach der darin ruhenden Arbeit.
Was übrigens das „Theoretische" der Schutzzollfrage betrifft, so möchte ich wohl von einem Bauersmann hören, was er dazu sagen würde, wenn man zwar der ganzen Nachbarschaft erlaubte, an seinem Baume unentgeltlich Kirschen zu brechen, ihm selbst aber auslegte, für das Kirschenbrechen an