Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 2^1^ Donnerstag den 28. Dezember 184=8.
A Die beiden Amazonen
(Schluß.)
Zwei Frauen, die ihr Noviziat in den Kriegsgefahren bestanden, Gabriele und Klara von Laval, begaben sich auf den Platz von Lenche und ließen sich alle umliegenden Häuser öffnen; sie zogen viele edle Damen aus ihrer Abgeschlossenheit hervor, die schon sich und das Unglück der dieser Armee von Teufeln geöffneten Stadt beklagten. Sie durchschritten die solksreichsten Viertel, wobei sie zum heldenmüthigsten Widerstand aufforderten, und da Gott diese muthigen Frauen unterstützte, so schlossen sich ihnen die Gattinnen, die Töchter und Schwestern der Kämpfer an.
Dieses Heer von Amazonen, denen Gabriele unv Klara iffen Muth eingehaucht, begab sich geradeswegs nach der Bresche. Dort säumten. sie nicht, sogleich mit Hand anzulegen, m die Bresche ausfüllen zu helfen, und als die Sonne des 28. Septembers aufging, beleuchtete sie ein Schauspiel, wie man es seit der Regierung der orientalischen Könige nicht gesehen.
Der Sturm begann mit der früheren Heftigkeit; aber diesmal war der Nachtheil auf Seiten der Belagerer. Die Spanier, in den Gebirgen geboren, wo ihre bewundernswürdige Gelenkigkeit sich ausbilvet, erkletterten in drei Sprüngen jenen iünstlichen Wall, an den ihre nackten Füße wie Adlerklauen sich anklammerten; aber als sie oben angelangt waren, trafen sie auf furchtbare Feinde, welche die enthusiastischen Rufe ihrer Frauen und Schwestern, die an ihrer Seite kämpften, unüber- vindlich machten. Plötzlich verbreitete sich auf den Wällen ein Gerücht, daß ein Hirte so eben die östliche Mauer erklettert, zanz staubbedeckt und schweißtriefend in die Stadt geeilt sey md überall eine Neuigkeit verkündet habe, die sämmtliche Bewohner mit Freude erfüllte und den Feind in Schrecken setzte. Nan sagte, daß dieser Hirte von Avignon komme und den König Franz I. an der Spitze der Armee des Herrn von Cha- dannes gesehen habe, der in Person der belagerten Stadt zu hülfe eile. Diese Nachricht ward plötzlich zur unwiderruflichen Wahrheit, als man den Boten in eigener Person bei der
Bresche anlangen sah, wo er mit Donnerstimme die Ankunft des Königs verkündete und seinen runden Hut über dem Kopfe schwang als Zeichen der Freude. Ein einziger Schrei: „Es lebe der König!" ertönte âus fünfzigtausend Kehlen, und fiel wie ein Blitzschlag von der Höhe der Dächer, der Thürme, der Bastionen und Wälle auf die Armee des Konnetable herab»
Der junge Altovitis und Vivaur, in dem Handgemenge der Bresche sich befindend und ganz mit dem Blute der Feinde bedeckt wandten sich auf dies Triumphgeschrei und riefen, als sie den Hirten erkannten:
„Wir sind gerettet! Freunde, der Verkünder dieser Nachricht hat niemals gelogen! Es lebe der König Franz I.!"
Diese furchtbare und entscheidende Nachricht war bereits am frühen Morgen in das Lager des Konnetable gelangt. Daher dieser letzte heftige Versuch gegen Marseille. Als Bourbon nun aus Verzweiflung den deutschen und italienischen Soldaten oen Sturm befahl, fand er so großen Widerstand, daß er seinen Befehl nicht wiederholte. Pescaire kam herbei und vom Pferde steigend, sagte er zum Fürsten:
Ä „Jetzt nach Rom, Herr Brennus!"
In der folgenden Nacht ordnete der Konnetable den Rückzug an und wandte sich nach Gardanne, so daß am andern Tage Marseille keinen Feind mehr vor den Mauern hatte.
Als Franz I. nach Marseille kam, erhob er Viktor Vivaur in den Adelsstand, der dann Klara von Laval heirathete. Da nämlich der Herr von Laval, ihr Oheim, jetzt keine Mesalliance mehr zu fürchten hatte, so willigte er endlich in diese Heirath, deren Akte vom König selbst unterzeichnet wurde.
Herr von Brion ließ den Hirten Pierre rufen und sagte:
„Du hast der Stadt Dienste geleistet, welche Belohnung verlangst du dafür?"
„Gnädiger Herr, erwiederte der Hirte, ich erbitte mir vom Könige die Erlaubniß , meine Schafe auf der Insel Mair^ weiden zu dürfen."
' 7 „Ist das Alles?" fragte Brion.
„Meine Vorfahren haben niemals mehr verlangt!" erwiederte der Hirt. _________________