viel von der Stadtmiliz von Brion nach diesen Punkten ent- ! sendet, wo blos einige Wachen standen, so sehr war man überzeugt, daß Marseille sonst unüberwindlich sey.
Es galt nun, einen dreifachen Sturm auf drei Punkten abzuwehren. Die Mauerlinie war bald beträchtlich von Streitern entblößt; die Menge der Greise und Kinder kehrte in die Stadt zurück und füllte die Kirchen. Auf allen Thürmen tönte die Sturmglocke. An der Bresche währte der schreckliche und blutige Kampf bis drei Uhr Nachmittags. Auf den beiden andern bedrohten Punkten warfen die Italiener nach dem Befehle Pescaire's Faschinen in die Gräben, und machten Miene, ihre Leitern an die Mauern zu setzen; doch wurde kein Ernst daraus; die Absicht des Feindes ging dahin, sich auf einen Scheinangriff zu beschränken, um die Vertheidigung zu zersplittern, wie wir bereits gesagt.
Auch ließ der Konnetable von Bourbon gegen drei Uhr zum Rückzüge blasen. Die Kaiserlichen verließen die Bresche, ihre Waffen beständig gegen die Stadt richtend, in der Stellung von Soldaten, die eine Schlacht unterbrechen, um sir bald desto eifriger wieder zu beginnen.
Gegen Abend feuerten die Kanonen aus'S Neue gegen die Wälle, um die Bresche zu erweitern. Man sah voraus, daß der Konnetable vorhatte, den Sturm am andern Tage mit noch größerer Heftigkeit zu wiederholen. Man mußte ernstlich darauf bedacht seyn, den zerstörten Wall wieder herzustellen und eine künstliche Mauer aufzuführen; aber die Soldaten, durch einen sicbenstündigen Kampf und eine schlaflose Nacht erschöpft, führten nachlässig den Befehl Herrn v. Brion's aus.
Da ward bei den ersten Strahlen des anbrechenden Tages und unter dem Feuer der Batterien des Konnetable den Marseillern ein Schauspiel geboten, was Sagunt und Karthago nur allein in den letzten Tagen ihrer Verzweiflung erblickt hatten. (Schluß folgt.)
O Vom armen Poeten
Der arme Poet ist in Deutschland von jeher eine stehende Figur gewesen, sie lauft durch alle Jahrhunderte, und es ist zu verwundern, daß sie sich nicht mythisch verkörpert hat, daß wir keine Sage vom „armen Poeten" haben.
Emanuel Geibel hat zwar vom „König Dichter" gesungen, das ist aber so ernstlich nicht gemeint, sondern blos eine poetische Metapher. Goethe, dieser König-Dichter, mußte selbst zuletzt gestehen, daß er ein armer Mann gewesen, denn wenn er genau nachrechne, so habe er, den man als den Glücklichen preise, in seinem langen Leben kaum vier volle glückliche Wochen gehabt.
Die Geschichte vom armen Poeten hebt im Mittelalter, sie hebt schon im Nibelungenliede an, sie taucht bei althochdeutschen und mittelhochdeutschen Dichtern, bei den Minnesängern und den geistlichen Lyrikern auf, sie wechselt in mannigfacher
Gestaltung und bildet sich zu großer Anschaulichkeit bei den Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts aus, die das klassische Loch am Ellbogen ihres Rockärmels hatten und in den bekannten Dachstuben thronten.
Lorenz Kindlciu, so unvolksthümlich nachgerade sein Schöpfer ward, ist eine volksthümliche Figur gewesen, eben weiter der arme Poet ist. Ein reicher Poet wäre dem Deutschen ein Widerspruch; dem Franzosen ist dieser Begriff geläufiger geworden. Doch ist hier nicht zu scherzen; auch Schiller und Jean Paul waren arme Poeten, und Hölderlin und Lenau wohl die allerärmsten.
Allein von allen diesen armen Poeten will ich nicht sprechen. Ihre Armuth war eine unfreiwillige. War es ein Zwiespalt geistiger Gewalten, ein Zwiespalt mit der kalten Wirklichkeit der Welt, war es die eigentliche bittere Armuth, welche sie elend machte, so kämpften sie doch mit Macht dagegen an, » und dieser Kampf ist oft ihre schönste Poesie gewesen, dieses Ringen hat ja unsern Schiller zum Lieblingsdichter der Nation gemacht.
Ganz anders ist es bei den „modernen Poeten"; die Meisten haben sich in eine freiwillige Armuth begeben, nicht um mit derselben zu ringen, sondern mit ihr zu kokettiren. Das fing wesentlich mit Heine an. Seine Vorgänger waren eben im flachen, philisterhaften Wohlbehagen ertrunken, kein Wunder, daß er, weil die lammfromme Harmonie langweilig geworden, die Sache einmal mit der Verstimmung versuchte. Heine hätte seiner herrlichen Begabung nach vielleicht ein „König Dichter" werden können, aber er wollte der kranke Dichter, der arme Dichter seyn. Herr Campe in Hambrlktz würde vielleicht nur halb so viele Tausend Eremplare vom Buche der Lieder gedruckt haben, wenn uns Heine nicht tausendmal in demselben vorspräche, er sey ein kranker, armer Mann, Eine gesündere Zukunft wird dies vielleicht nur dann begreifen, wenn ihr die Chronik aufbewahrt, daß zu unserer Zeit eine Brille für eine Zierrath und Leichenbläffe für die schönste Gesichtsfarbe gegolten hat.
Als sich aber die „Epoche" der kranken Poeten so ziemlich zu verlaufen begann, da ist der Tag der armen Poeten erst recht angebrochen. Seltsam genug sprachen unsre „modernsten" Sänger, d. h. die letzten vor der Revolution, denn noch hat die neue Zeit keine neuen Sänger zu Wege gebracht, so ; gerne vom Reichthum. Wenn man die Gedichte vieler lies't, wenn man sieht, wie verschwenderisch da mit Lüstres, Girandolen und Astrallampen, mit orientalischen Teppiche und Wohlgerüchen umhergeworfen wird, dann sollte man meinen, der Vater des Poeten sey mindestens Pair von Frankreichoder gar ein Graf oder Herzog aus einem Pariser Roman gewesen. Allein, indem sie fingen, verneinen sie, sie singen Kritik, wohl gar Kritik des Gemüthes, der Phantasie, der Religion, der ganzen vollen schönen Wirklichkeit oder wie Freiligrath eine blutrothe Kritik der Zeitgeschichte. Ist das nicht ein Gelübde