Beiblätter
;ur Rajsauischen AUgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
â. 246. Mittwoch den 27. Dezember 1848.
△ Die beiden Amazonen
(Fortsetzung.)
Das Fallgitter der Pforte des Julius Cäsar that sich auf Befehl des Vizekönigs auf und 2000 Soldaten und ebensoviel Stadtmilizen, die Edelleute an der Spitze, stürzten sich auf den Weg hinaus, der nach dem Lazareth führte.
Alle Macht des Konnetable war auf diesem Punkt vereinigt. Die an dem Lazareth postirten Italiener erwarteten die Marseiller nicht; die spanische Kavallerie sprengte mit verhängten Zügeln aus ihrem Lager herbei.
Die Batterien der Kaiserlichen und der Marseiller schwiegen plötzlich, da sie auf das Handgemenge nicht feuern konnten, in dem sich beide Parteien befanden. Man kämpfte mit größter Witterung bis in die Nacht hinein. Das edelste Blut der Provence röthete den Boden; dle Herren von Laval, von ÉälbeHe, von Castellane wurden in diesem Kampfe verwundet. Als Herr von Brion zum Rückzüge blasen ließ, bedeckten dreihundert Leichen der Kaiserlichen die Wahlstatt, denen allen die Edelleute mit ihren Schwertern den Kopf abzuhauen hatten.
Dieser siegreiche Ausfall konnte jedoch am folgenden Tage nicht wiederholt werden, denn am andern Tage mußte man daran denken, seinen Heerd und seinen Altar zu vertheidigen. Der Nordwall, in den die ganze Nacht hindurch mit unwider- ßehlicher Wuth Bresche geschossen worden, war beim Aufgang der Morgenröthe nur noch ein Trümmerhaufen in einer Breite ton 30 Armlängen. Die ersten Strahlen beleuchteten diese Aresche, welcher Anbkick von den Kaiserlichen mit lautem Ju- dck' auf den Höhen des Lazareths begrüßt wurde.
Herr von Brion ließ in rothen Buchstaben an alle Stadtmauern die einfachen Worte schreiben, die jedoch die Sachlage fürchterlich machte:
An die Bresche, Marseiller!
Niemand wollte dort fehlen, die ganze Linie des Nord-f Valls von dem Thore Cäsars bis an das Thor von Air war! dicht mit Vertheidigern besetzt.
Am 27. September, als das Meer ruhig, der Himmel klar und die Luft rein war, sah man um die achte Stunde die zum Sturm kommandirten Truppen in guter Ordnung anrücken. Besonders zog der Konnetable an der Spitze der Lanzenreiter Aller Blicke auf sich; er war weiß gekleidet wie bei der Belagerung Rom's, da er, wie er sich ausdrückte, von seinen Freunden und Feinden von Fern erkannt seyn wollte Zweihundert Schritte noch von den Wällen entfernt, stieg Bourbon vom Pferde und seinen Soldaten mit der Spitze seines Degens die verwundbare Seite der Stadt zeigend stürmte er mit ihnen unter dem Hagel von Geschossen heran, der von allen erhabenen Punkten der alten Stadt herabfiel.
Die Bresche war von dichten Menschenmassen gefüllt, die sich die Ehre streitig machten, den zerstörten Wall durch einen lebendigen Wall zu ersetzen. Zu beiden Seiten der Bresche hatte man auf den verschont gebliebenen Mauerresten die ganze kleine Schiffsartillerie ausgestellt; sie ward von unerschrockenen, und erfahrenen Seeleuten bedient, welche die Kugeln in die kaiserlichen Reihen zum Tod und Verderben hinabsandten. Der Kampf ward an der Bresche mit unerhörter Wuth geführt, denn die Tapfersten beider Parteien waren dort; die Einen, um zuerst zur Plünderung zu gelangen, die Andern, um ihren Mitbürgern ein glorreiches Beispiel zu geben.
Während dies vorging, ward Herrn von Brion gemeldet^ daß der Südwall von dem Thore de France her bedroht sey, und daß man Tausende von Feinden mit Leitern und Faschinen heraneilen sehe, um den Graben auszufüllen und den Wall zu ersteigen, und daß das Nämliche am Hafen vor dem Augustinerkloster sich ereigne.
Wirklich hatte der Marquis von Pescaire den Befehl erhalten, diese Diversion zu leiten, um nach diesen beiden Punk- ten hin eine bedeutende Anzahl Marseiller zu locken, und so die Vertheidigung auf der schwächsten Seite der Stadt zu schwächen.
Diese Theilung ihrer Kräfte setzte die Stadt in große Gefahr.
Sogleich wurden zehn Bataillone Soldaten und ebenso-