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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 2âG. Mittwoch den 27. Dezember L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des HexzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 ft. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thürn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Pelit^eile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

U e b e r s i ch t.

Die Zivilliste.

Deutschland. Wiesbaden (Gerüchte). Frankfurt (Das Reichè- oberhaupt). Darmstadt (Einladung an den Pabst). Bingen (Aecht demokratische Wahl). Mannheim (Ein Urtheil Heckers über die deutschen Zustände). Köln (Freisprechung Gottschalks, Annekes u. Ester's). Berlin (Observationskorps an der Rheingränze). Wien

(Ministerkrisis. Siege über die Ungarn).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Italien. Rom (Die Depütirtenkammer).

Amerika. Washington (Die Botschaft des Präsidenten).

Sprechsaal für Stadt und Land.

* Die Zivilliste

Es gibt Männer, welche das löbliche Prinzip eines spar- /amen Staatshaushaltes in der Weise zur Anwendung brin- gnr, wie der Geizhals, der da glaubt, der Erwerb sey nur darum LLrhanden, daß man möglichst viel Geld in Kasten ansammeln und verschließen könne. Sie kargen mit den StaatS- ausgaben selbst da, wo cs sich nicht um Verschwendung und Verschleuderung handelt, sondern um ein Zurückfließen des Geldes, welches aus den arbeitsamen Händen des Volkes her­vorgegangen ist, in die Hände des Volkes. Der Staat soll nicht reich werden, er soll kein todtes Kapital ansammeln, er soll vielmehr darauf sehen, daß die aus den Steuern zusam-. mengclaufcnen Summen auch wieder zum Besten der Steuer­pflichtigen verausgabt werden und zirkuliren. Nicht d er Staat ist der reichste, welcher das größte Aktivvermögen besitzt, son­dern derjenige, welcher von seinen EinuahmqucUcn einen sol­chen Gebrauch macht, daß die gesämmte Bevölkerung möglichst viel Arbeit und Verdienst dadurch bekommt, und dies wird selbst bei einer verhältnißmäßigen Staaisschuldenlast in größerem Style bewirkt werden, als wenn die ganze Finanz- Veisheit darauf hinausläuft, möglichst geringe Ausgaben zu machen, also stets nur auf das Minimum der Besteuerung hinzuarbeiten. Denn wenn z. B. recht viele öffentliche Arbei­ten bewilligt, recht viele öffentliche Anstalten, an denen wohl Hunderte und tausende von fleißigen Händen mitwirken, unter­stützt werden, dann muß zwar auch die ärmere Klasse wohl rinige Kreuzer Steuern mehr bezahlen, erhält aber durch den gemehrten Verdienst und die gesteigerte Gelbzirkulalfon gewiß tben so viele Gulden zurück, während der reichere Mann, der ja in gleichem Maße zur höheren Steuer beigezogen wird, in den meisten Fällen gar keinen £beU an diesem Verdienst der öffentlichen Arbeiten nehmen kann. Durch die Veraus­gabung der Staatsgelder entsteht also erst die wahre Pro­gression in der Besteuerung d^s Armen zum Reichen.

Diese Verausgabung muß aber, gerade damit die ganze Bevölkerung an ihr beteiligt sey, nach alle n Richtu ngen geregelt werden, und wenn wir es löblich finden, daß in sol­chen Landstrichen, wo etwa Beschäftigung in Handarbeit Noth lhut, Brücken und Straßen auch über das unmittelbare Be­dürfniß hinaus angelegt werden, dann finden wir es eben so gerechtfertigt, daß man in der Hauptstadt , wo den Lurusar- dcilern Verdienst zu schaffen und der Fremdenzufluß zu erhöhen ft, ein Institut, wie etwa bas Theater, unterstützt werde.

Ganz aus demselben Gesichtspunkte betrachten wir die

Frage über die dem Landesfürsten zu normirende Zivil liste. Denn da dieselbe in dieser Zeit gewiß nicht so überreich aus­fallen wird, daß eine Aufhäufung von todten, der Zirkulation im Lande entzogenen Kapitalien befürchtet werden könnte, so handelt es sich hier nur darum, ob die Volksvertreter auf die wachsende Verarmung oder die höhere Blüthe der Gegend hin- wirken wollen, in welcher der Fürst seinen Wohnsitz genommen hat. Eine allzu karge Zivilliste wird am Ende dem Fürsten persönlich keinen Nachtheil 'bringen, wohl aber wird sie dazu beitragen, baß hundert fleißige Leute in Wiesbaden und der Umgegend, die sich bisher redlich ernährten, in Kurzem brodlos werden. Das schönste Privilegium der Fürsten ist: wohlzuthun und mitzutheilen. Wenn darum die Republikaner den Fürsten die Mittel dazu entziehen wollen, dann handeln sie freilich mit kluger Taktik; denn sie entziehen der Krone ihren schönsten Glanz; wenn aber die Konstitutionellen aus mißverstandenen Finanzrücksichten zum gleichen Schritte sich verführen lassen, dann richten sie ihre Waffen gegen sich selbst; denn ihr Bestre­ben müßte es im Gegentheil seyn, der Krone ihren populär­sten Schmuck, nämlich das Vorrecht der freien Spende zu bewahren. . -

3cb weiß wohl, daß man mir einwenden wird, die Ver­waltung so großer Unterstützungssummen, wie sie aus fürstli­chen Einkünften fließen können und bisher in der That bei uns geflossen sind, sey wenigstens nicht in das Belieben eines Einzelnen zu legen und so dem Zufall oder auch dem Miß­brauch Preis zu geben. Die Erfahrung hat uns aber gelehrt, daß ein Kollegium, unb' sey es selbst volle vierzig Mann stark, vor Mißgriffen auch, nicht absolut gesichert ist. Ueberdics bringt es schon der Begriff des Staates als eines lebendigen Orga­nismus mit sich, daß wenn auch die gestimmte übrige Verwal­tung der Staatsgelder abstrakt geregelt und kontrollirt ist, zur Ergänzung wenigstens in Einer Person dem frei schaltenden Individuum eine Berechtigung verbleiben muß. Die Mauuich- faltigkeit, die Gliederung und ich möchte sagen, die Poesie deS Staalsiebens fordert dies. Ein ganz einseitig abstrakt gere­gelter Slaalsmechanismus ist fast so schlimm, wie die regel­lose Willkür der Despotie. Um der ideellen Freiheit willen tödtet er das Persönliche, das Lebendige, dessen innerste Eigen­schaft cs ist, durch die Ausnahme die Regel erst heroorzuheben.

Es gibt eine tief berechtigte Seite der sozialen Ent­faltung, welche nur da gedeiht, wo das Leben eine gewisse Pracht, Reichthum, Lurus entwickeln kann, und Ihr werdet sie mit allen kommunistischen Humar.itätskafernen nicht weg- demonstriren können. Wären z. B. die alten ilasienischen Für, sten auf knappe Zivillisten gesetzt gewesen, so würde ein großer Theil der köstlichsten Kunst- und Literaturschätze gar nicht eri- stiren, und selbst der entschiedenste Kommunist, so fern er nur ein wenig Bildung hat, schämt sich doch der Barbarei, die welt­geschichtliche Nichtigkeit dieser durch Fürstengeld erst möglich gewordenen Werke' in Frage zu stellen. Der Einzelne wirb leicht freigebig angesichts der Kunst, das Volk knickert stets mit den Künstlern, denn jeder groß' Künstler ist eigentlich ein ge­borener Aristokrat. Sehen wir doch in Nassau an einem klei­nen Beispiele, wie es mit der materiellen Kunstförderung stünde, wenn sie dem Volke ganz in die Hand gegeben würde. Weil unsere Kammer den Muth gehabt, eine Summe für den Fortbestand des einzigen Theaters im Lande zu bewilligen welche Verketzerungen mußte sie im Innern des Landes dafür hinnehmen! . ,

Hat die neuere Zeit der dürren Prosa der Arbeit, nämlich