Begriff, wie mall Mercutio nicht auffassen darf: werden also um so leichter auf die richtige Auffassung kommen.
(Schluß folgt.)
Literatur.
t** Gedichte von Theodor Creizenach. Frankfurt a. M. Literarisch« Anstalt (I. Rütten).
Es wimmelt heutzutage von Dichterlingen, Wie Pilze wachsen hunderttausend Hände, Mit Reimereien füllend dicke Bände, Daß alle Welt bekommt das Ohrenklingen.
Aug. Schnezler.
Die erste Hälfte des Id. Jahrhunderts hat die Originalwerke von nicht weniger als halbtausend lyrischen Dichtern aufzuweisen, von denen aber nur eine verhältniß- mäßig äußerst geringe Zahl eine gründliche Kritik aushält, während alle übrigen, trotz des künstlich gemachten Rufes, selbst den allerbilligsten Forderungen nicht entsprechen, Nichts als gereimte Prosa sind und Leipziger oder Stuttgarter Krebse geben. Entweder wollen die Beurtheiler solcher „in der Minute zerrinnenden Literatur" die Mängel und Schwächen derselben nicht sehen und erheben aus Freundschaftsrücksichten für den Verfasser oder aus andern, noch weniger zu rechtfertigenden Gründen, dessen Poesien zu den „geistigsten lyrischen Schöpfungen der Gegenwart," oder sie können sie nichtsehen, find also von Natur blind dafür und stoßen in die Posaune, um aller Welt den großen Dichter zu verkünden, der unter uns aufgestanden ist.
Zu Anfang dieses Jahres brachte die Didaskalia eine sehr günstige Beurtheilung der Gedichte von „Th. Creizenach," so daß man wirklich sehr begierig wurde, die herrlichen, ausgezeichneten Lieder einmal selbst zu lesen, um so mehr, als die Erscheinungen im Gebiete der Poesie mit geringer, ehrenvoller Ausnahme, täglich matter und erbärmlicher werden und auch eine achtbare Stimme, K. Goedeke, schon in seinem Werke: „Deutschlands Dichter rc. 1843" in Creizenach „ein Dichtergemüth voll Gluth und Inbrunst findet, dessen Lieder einfach und prunklos in der Form sind und mit einer wärmenden Begeisterung, wie die innigsten des Morgenlandes erfüllen." Ost schon freuten wir uns mit Goedekes Urtheil übereinstimmen zu können, und würden es auch hier thun, wenn er es blos für die 3 oder 4 von ihm aufgenommenen Gedichte wollte gelten lassen. Da es aber allgemein ausgesprochen ist, so können wir es aus Ueberzeugung nach vorliegenden Thatsachen durchaus nicht gut heißen. Nehmen wir: „Rheingruß," „Echo im Harz," „die tausendjährige Eiche" und noch eines oder daS andere aus, so vermissen wir in allen übrigen nichts, als das, was sie seyn sollen, nämlich — Poesie. Von
Gluth, Inbrunst, Innigkeit und wärmender Begeisterung merkten wir kaum eine Spur, um so mehr aber nüchterne, kalte, gereimte Prosa, ganz gewöhnliche Betrachtungsweisen und Alltagsgedanken und übertriebene, oder ganz falsche unsinnige Ausdrücke, z. B. „Am Knauf der Atmosphäre" (S. 67), „Von Kampfeslust durchhaucht" — „eine Flamme, welche nicht vermodert" (S. 153), „ernstes Dunkel übermoost" (S. 7), „des Denkens Eisenschritten" (S. 166) :c.!! Ueber solche vielleicht hochpoetischen Ausdrücke möchte man sich wohl Erklärung ausbitten; denn das ist doch die Dichterfreiheit (licentia poetica) etwas allzu weit getrieben. (Schluß folgt.)
Miszellen.
— In dem Verfassungs-Ausschnsse zu Frankfurt wurde vorgeschlagen (von Gülich): „Die deutsche Krone soll in der Art vergeben werden, daß für je 1'/, Millionen Seelen ein LooS gebildet und dann gezogen wird. Wer den Treffer zieht, ist Kaiser. Die kleineren Fürsten vereinigen sich vorerst unter sich durch daS Loos — auf Einen."
— Ein Frankfurter äußerster Linker hat folgenden Denkspruch unter sein erschienenes Porträt geschrieben:
Cs ist ein Fehler im Schöpfungsplan, Daß man das Essen nicht trinken kann.
— Berlin, 19. Dez. Es wird uns von guter Hand mitgetheilt, daß in einem von dem Könige Württembergs nach Potsdam gerichteten Briefe die entschiedensten Erklärungen enthalten sind, daß man die Wahl eines Hohenzollern zum deutschen Kaiser mit Freude begrüßen werde. WaS so schnell die Politik Württembergs verändert hat, vermögen wir nicht, zu erforschen. Es scheint aber, daß eS der preußischen Diplomatie gelung^i ist, nicht blos Württemberg, sondern auch einen großen Theil der kleinern dèut- schen Staaten für die Hegemonie Preußens günstig zu stimmen, und bald dürfte Baiern in seiner Opposition gegen diese Hegemonie allein dastehcn. Nichtsdestoweniger soll der König, wie Gutunterrichtete versichern, gewillt sein, erst nachdem eine vollkommene Einigung mit allen deutschen Fürsten erfolgt ist, die deutsche Kaiserkrone auszusetzen. Er will so gleichsam die Wahl der Reich^versammlung-durch die deutschen Fürsten bekräftigen lassen, damit es nicht den Anschein habe, als wolle Preußen die Souveränität der kleineren Fürsten antasten und diese gewissermaßen als unter der Reichsver- sammlung stehend angesehen wissen. Man wird natürlich nicht anstehen, später die Konsequenzen dieser Maßregeln zu ziehen. —
— Wien, den 15. Dez. Gestern Abend wurde auf dem Burgtheater Hebbels Maria Magdalena aufgeführt. Es ist nicht zu läugnen, daß Hebbel in seinen Dramen mit einem Verrathe von großartigeren und tieferen Ideen zu wirthschaften versteht als fast alle andern Dramatiker unserer Zeit. Seltsam aber, daß Hebbel nur als Dramatiker bekannt ist. Die Wenigen, welche den ersten Band seiner Gedichte gelesen, wo er ganz im Gegensatz zu seinen Dramen nur das Maß der Schönheit walten läßt, rechnen Hebbel gewiß ju unsern bedeutenden Lyrikern. Ein zweiter Band Gedichte, welcher sich in Epigrammen vielfach mit Politik beschäftigt, erschien in diesem Jahre von ihm bei Weber in Leipzig.
Verantwortlicher Redakteur W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.