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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 2L2. Freitag den 22. Dezember L8L8.

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Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige PränumerationSpxeis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzvgthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 (L 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 rr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

That und Phrase.

Heinrich von Gagern.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag, v. Gagern als Minister) (Darmstadt (Interpellation). Stuttgart (Besserung der Postvcr- hâltniffe). München (Verhaftungen), Leipzig (Sieg der ge­mäßigten Partei). Prag (Die Aufhebung der demokratischen Vereine).

Wien (Die Presse und die Maßregeln gegen dieselbe). P osen (Die Grenzsperre Rußlands).

Großbritannien. London (Eindruck der französischen Wahlergebnisse). Italien. R o IN (Provisorische Regierung).

Kroatien. Agram (Die Thronbesteigung Franz Josephs in Pesth für Usurpation erklärt).

Sprechsaal für Stadt und Land.

* That und ^H) r a f c.

Unsere Kammer hat gestern ein sehr löbliches Werk ge-- j^an, indem sie beinahe einstimmig einer energischen Adresse an 'den Reichstag ihre Zustimmung gab, in welcher der ge*. bührende Schutz für die deutsche Arbeit und'In-- dustrie gegenüber der ausländischen gefordert wird.

Schon seit Jahren hat es andern süddeutschen Kammern, wie namentlich der badischen, bayerischen und würtembergischen züm großen Ruhme gereicht, daß sie in diesem Sinne unab­lässig thätig waren, und wesentlich dazu beitrügen, /die Sache des Schutzzollsystems in Süddcutschland populär zu machen. Schon seit Jahren hat man es auch bedauert, daß die nas­sauischen Stände, denen doch das nächste Interesse des Landes ein Gleiches gebot, sich wenig oder gar nicht um.diese große handelspolitische Prinzipienfrage bekümmert haben./ Wenn un­sern Bergleuten und unsern Weinbauern geholfen werden soll, dann muß ihrer Arbeit durch einen Schutz gegen die übermäch­tige Konkurrenz des Auslandes unter die Arme gegriffen wer­den. 1 Von der Schutzzollfrage hängt es hauptsächlich ab, ob das g ew erb tr e i b e nd e Volk in Nassau verarmen oder zu einem gediegenen Wohlstand sich erheben wird. Diese Wahr­heit ist bereits so allgemein anerkannt, so trivial, daß sie von den Spatzen auf den Dächern gepfiffen wird.

Nichtsdestoweniger hat die alte Bureaukratie, der über­haupt die selbstständige Entfaltung des Gewerbewesens ein Greuel war, und die daher stets von dem ackerbautrei­benden Staate als dem urpatriarchalischen Phanta­sie , von dem Schutzzollsysteme nichts wissen wollen, sie zog bei den Zollfragen nur die darausfließenden Staatsrevenüen in Betracht und kümmerte sich wenig um die hungernden Ge- werbsleute und Weinbauer. Es gilt uns daher als ein siche­res Zeichen, daß die alte Büreaukratie nicht mehr eristirt, foenn nun auch von Seiten Naffau's die Initiative in der Praktischsten aller sozialen Fragen, in der Schutz- ivllfrage ergriffen wird.

So sehr wir darum gehofft hatten, daß die ganze Kammer einstimmig jener Petition um Schutz für die heimische Arbeit beitreien würde, so wenig nahm es uns Wunder, daß gerade Ein Abgeordneter dagegen stimmte und Aar der Abgeordnete Raht. Denn wenn ein alter Bürokrat sich auch noch so sehr demokratisirt, wird er doch Grundanschauungen des alten Polizeistaats niemals ganz sich werfen können. Zwar hat der Abg. Raht nur l°rmelle Einwendungen gegen die Petition gemacht, und

sich etwa in dem Sinne ausgesprochen, als wolle er der Gesellschaft in der Paulskirche" die Konzession nicht machen, daß sich dersouveräne" nassauische Landtag petitionirend an dieselbe wende, eine Auffassung, die freilich mit dem Parti- kularismus unserer Demokraten recht gut harmonirt. 51 nein wenn er erkannt hätte, uvie außerordentlich wichtig die Schutz­zollsrage für unsere gesummte arbeitende Bevölkerung ist, und wie Hart deren Wohl im Augenblicke gefährdet erscheint (eben weil so viele Freiheits-Theoretiker im Style des Abgeordneten Raht in der Paulskirche sitzen) dann hätte er sich über ein solches Form-Bedenken hinwegketzen müssen. Ist der ein Volks­freund, welcher das Volk lieber verhungern läßt, als daß er einmal seine Ansichten von politischer Etikette in die Schanze schlägt?

Nicht die, welche immer schwätzen vom Volke sind die wahren Volksfreunde, sondern die, welche ohne Phrase etwas thun für dasselbe; und so geschah es diesmal von der ganzen Kammer mit Ausnahme des Abgeordne­ten Raht. Zum Ersatz dafür werden wir nächstens wieder die schönsten demokratischen Phrasen von Hr. Recht zu hören bekommen ob wohl die hungernden Weinbauern satt davon werden? ob wohl die darbenden Gewerbsleute Sirbett und Verdienst davon bekommen--?

Heinrich von Gagern.

):( Von der Lahn. Die von Görres revigirte katho- lische,- Zeitschrift, deren Anschauungsweise wir nicht gerade immer theilen und empfehlen, brachte vor mehreren Monaten einen Aufsatz Skizze zur Charakteristik aus der Paulskirche in welchem eine so treffende, an Form und Inhalt so vor­zügliche Schilderung unseres Gagern gegeben ist, daß wir uns nicht enthalten können, darauf jetzt, in dem Augenblick, wo gewiß die Augen und Herzen der meisten Deutschen in stolzem Hochgefühl, daß dieser herrliche Mann unserem Volke angehört, auf diesen einen Mann blicken, und von ihm die Lösung der herkulischen Arbeit, die Besiegung der vielköpfigen Hydra deutscher Zwietracht hoffen daß wir es uns nicht versagen können, in diesem bedeutsamen Momente auf jene ge­lungene Schilderung dieses hervorragenden Mannes aufmerk­sam zu machen. Sie lautet:Der Leiter dieser creme deut­schen Volksthums, Heinrich von Gagern, früher Minister zu Darmstadt, steht auf der. Mittelhöhe seines Lebens, eine schöne gebietende Mannsgestalt mit allen Vorzügen, die Homer seinem Ideale männlicher Kraft und Schönheit eingeräumt, aber mäch­tiger noch durch die hohe sittliche Würde, die ihm selbst seine Gegner zugestehen. Noch zuckt seine Lippe vom bedeutungs­vollen Worte:Souveränität der deutschen Nation", und wenn ihm dasselbe von der linken Seite der Versammlung als: Souveränität des deutschen Volkes", als egoistisches Sich- selbstsetzen der Republikaner und Revolutionäre brüllend ent­gegen klingt, so rührt sich in seinen Zügen der Schmerz des Laokoon, der mit der edelsten Kraft seine Kinder aus den Schlangenknoten erlösen will, und leider des Erfolgs nicht ganz sicher ist. Auf der schmalen Landenge zwischen der er­haltenden und zerstörenden Partei der deutschen Nationalver­sammlung entfaltet er ein ungeheueres Talent der schnellen Auffassung, der Vermittelung, der Unparteilichkeit. Seine Rede fließt langsam, fast rauh, aber klar und bestimmt. Der