Die Stelle ist reizend und von großer Wahrheit. Doch als die Amme ihr gute Botschaft bringt, ist aller Groll verschwunden und diese wieder die „treue Pflegerin" wie zuvor.
Ich dritten Auszug führt uns der Dichter Julia, die ihren Gemahl erwartet, vor; ihre Sehnsucht spricht sich rührend in dem Monologe aus, der den höchsten Schwung athmet. Daß an einzelnen Stellen ein Begehren nach sinnlichem Genuffe hervortritt, so z. B. als Julie sagt:
Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir Das wilde Blut, das in den Wangen flattert, Bis scheue Liebe kühner wird, und nichts Als Unschuld fleht in inniger Liebe Thun u. s. w. ist nicht zu leugnen. —
Sollte aber der Dichter dies auf Kosten der Wahrheit weglassen? Shakespeare schildert die Menschen, wie sie sind, jedoch gestaltet er alle seine Figuren poetisch, ohne ihnen dadurch M3 Mens chliche zu entziehen. Er wollte uns in Julien ein Mädchen zeichnen, das, so erhaben und edel auch die ganze Erscheinung gehalten, dennoch der Wirklichkeit entlehnt ist, und steht sie durch ihre himmlische Anmuth über den andern ihres Geschlechts, so hat sie doch auch so viele Züge mit Ihnen gemein, daß wir immer erinnert werden, wir haben eine Jungfrau vor uns, wie wir sie auf der Erde finden können, nicht aber ein Phantasiegebilde, wie Schillers Hekla, (mit welcher sie sich überhaupt gar nicht vergleichen läßt). Ueberdics sind auch die Worte Juliens noch durch die ganze Gestalt ihrer Amme motivirt und man möge nie außer Acht lassen, daß es eine Italienerin ist, welche vor unsern Augen handelt. Ich sehe darin einen neuen Beweis der großen Menschenkenntniß, die Shakespeare hatte — und sollte ja etwas an dem Monologe auszusetzen seyn, so ist es, daß er zu witzig gehalten. Wie denn bei den Wortspielen mit „Nacht" gewiß nur der Dichter, nicht die holde Julie spricht.
Meisterhaft ist die nun folgende Szene mit der Amme. Julie enträthselt sich aus den Worten der Alten, Romeo sey todt und gibt sich nun dem ungestümsten Schmerze hin. Als sie endlich erfährt, Tybalt sey erschlagen, und zwar durch Romeo erschlagen, beklagt sie den Tod des Freundes und bezüchtigt den Geliebten der Falschheit, da er ihr den Blutsverwandten ermorden konnte. Doch sobald die Amme einfällt und ruft:
Zu Schanden! werde Romeo.
Da kehrt der frühere Seelenadel zurück, Julie kann sich wohl vergessen, aber nie verleugnen. Ein solcher Mund soll ihren Romeo nicht schmähen!
Erkranke Dir die Zunge für solchen Wunsch!
Rust sie der Alten in edlem Zorne zu und als diese darauf zur Entschuldigung spricht:
Von Eures Vetters Mörder sprecht Ihr Gutes: sagt sie die wahrhaft großartigen Worte:
Soll ich von meinem G a t^ n Uebles reden?
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.
Zu bemerken ist noch, mit welcher Meisterhand der Dichter Julien in alle Lagen bringt, in denen Romeo sich befand.
(Fortsetzung folgt.)
Miszellen.
— Die Engländer feiern das Andenken an Mendelssohn, den sie im Leben schon sehr geehrt, in würdiger Weise. Es soll von ihnen ein .Kapital zusammengebracht werden, um Freistellen für arme, aber begabte Schüler im Konservatorium zu Leipzig zu stiften und man will sich dabei nur Vorbehalten, daß einige Stellen auch jungen Engländern ertheilt werden.
— Im dritten Bande seiner Gespräche mit Göthe, erzählt Eckermann unter andern: „Bei einem Besuch, den ich mit Göthe in Jena machte: zeigte mir dieser die ehemalige Wohnungen von Voß und Schiller. Von dem letzteren bemerkte Goethe: „Schiller war, wie bei seinem großartigen Charakter sich denken läßt, ein entschiedener Feind aller hohlen Ehrenbezeugungen und aller faden Vergötterung, die man mit ihm trieb odee treiben wollte. Als Kotzebue vor hatte, eine öffentliche Demonstration zu seinem Ruhme zu veranstalten, war.es ihm so zuwider, daß er vor innerem Ekel darüber fast krank wurde. Eben so war es ihm zuwider, wenn ein Femder sich bei ihm melden ließ. Wenn er augenblicklich behindert war, ihn zu sehen, und er ihn etwa auf den Nachmittag vier Uhr bestellte, so war in der Regel anzunehmen, daß er um die bestimmte Stunde vor lauter Apprehension krank war. Auch konnte er in solchen Fällen gelegentlich sehr ungeduldig und auch grob werden. Ich war Zeuge, wie er einst einen fremden Chirurgus, der um ihm seinen Besuch zu machen, bei ihm unangemeldet eintrat, sehr heftig anfuhr, so daß der arme Mensch, ganz verblüfft, nicht wußte, wie schnell er fich zurückziehen sollte. — Wir waren wie gesagt und wie wir alle wissen, bei aller Gleichheit unserer Richtungen, Naturen sehr verschiedener Art und zwar nicht bloß in geistigen Dingen, sondern auch in Physischen. Eine Luft, die Schillern wohlthätig war, wirkte auf mich wie Gift. Ich besuchte ihn eines Tages, nnd da ich ihn nicht zu Hause fand und seine Frau mir fagte, daß er bald zurückkommen werde, so setzte ich mich an seinen Arbeitstisch, um dies und jenes zu notiren. Ich hatte aber nicht lange gesessen, als ich von einem heimlichen Uebelbefinden mich übeeschlichen fühlte, welches sich nach und nach steigerte, so daß ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Ich wußte anfänglich nicht, welcher Ursache ich diesen elenden, mir ganz unger wühnlichen Zustand zuschreiben sollte, bis ich endlich bemerkte, daß aus einer Schieblade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete, fand ich zu meinem Erstaunen, daß fie voll fauler Aepfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wieder hergestellt fühlte. Indeß war seine Frau wieder hereingetreten, die mir sagte, daß die Schieblade immer mit faulen Aepfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohlthne und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne."
— Den Berliner Demagogen geht es jetzt nicht besonders glänzend. Herr Eichler hat sich vor einer Untersuchung wegen Aufruhrs aus dem Staube gemacht; Herr Müller, weiland Präsident des souveränen Lindenklubs, sitzt und erwartet seine Strafe als Theilnehmer an der Ausreißung der Schloßgitter; Herr Karbe ist aus der Öffentlichkeit hinter den Konditortisch zurückgetreten, und Herr Held endlich veranstaltet in Milius Hotel „tagesgeschichtliche Puppenkomüdien", nachdem ihm die „politischen" untersagt worden sind.