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Beiblätter

jur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M 24«. Mittwoch den 20» Dezember

1848.

Die beiden Amazonen

(Fortsetzung.)

Mitten aus den Schlingpflanzen erhob sich ein menschlicher Körper; in dem täuschenden Schatten der Nacht, der den Ge­genständen eine unbestimmte Form und Größe gibt, erschien er gigantisch. Die Gestalt machte einige Schritte auf die Glocke zu und prüfte die von den Italienern auf dem Dache ange­fangene Bresche. Ein horizontaler Strahl des Mondes, der plötzlich durch die Baumgipfel drang, ließ sie diese schreckliche Erscheinung, die nur dem Grabe anzugehören schien, deutlicher erkennen. Klara und Gabriele unterdrückten einen Schreckens- rus; sie hatten das Gespenst erkannt: es war der Hirte Pierre.

Viktor ist todt ! sagte Klara in der stummen Sprache des Gedankens und der Verzweiflung, und preßte konvulsivisch ihre Tante an ihre Brust.

In diesem Augenblicke erbebte der Glockenthurm in seinen Grundfesten, es schlug ein Uhr. Die Abtissin bemerkte:

Man läutet zur Frühmette; bleibt hier, ich steige in die Kapelle hinab."

Klara zog die Abtissin in einen Winkel des Gemaches und sagte zu ihr:

Wie! Ihr wollt in die Frühmette! Ihr verlaßt uns! Das ist doch eine namenlose Unvorsichtigkeit."

Es ist eine Regel ohne Ausnahme, erwiederte die Ab­tissin, nichts darf unser Gebet unterbrechen."

Schnell stieg die Abtissin die Treppe hinab.

Einige Augenblicke darnach vernahmen Klara und Gabriele dir Töne des veus , in ad jutorium mcum intende, das von Engelsstimmen angestimmt wurde; nichts war rührender, als diese jungen Mädchen zu hören, die Gott in der Stunde der höchsten Gefahr um Hülfe anflehten.

Der Hirte Pierre, denn er war es, war also zum Feinde übergegangen; er bildete diese Nacht die Vorhut der Kondot- tieri. Klara und Gabriele bemerkten, daß er den Himmel an­sah, um sich über die Stunde zu vergewissern, und daß er, auf dem Karnieße stehend, in die Vertiefungen des Laubwerkes

hinabblickte, als wenn er die erwarteten Gefährte» entdecken wollte.

Die beiden Frauen hatten nicht nöthig, einander ihr Er­staunen und ihren Unwillen mitzutheilen; sie schüttelten traurig das Haupt und vergossen reichliche Thränen, wodurch sich hin­länglich ihre Verzweiflung verrieth.

Plötzlich verschwand der Hirte, als wenn er in das Dach gesunken wäre, dann wie eine Schlange in dem Laubwerke kriechend, näherte er sich dem Karnieße auf der Südfeite und nahm seinen früheren Platz wieder ein; Klara und Gabriele verloren ihn aus dem Gesichte, denn auf dieser Seite war das Karnieß mit dichtem Laubwerk bedeckt, das den Hirten den Augen entzog, die ihn mit so feurigem Interesse verfolgten.

Klara und Gabriele betrachteten unverwandt die Stelle, wo sich der Hirt verborgen. Einige Augenblicke glaubten sie, daß Pierre herabgestiegen sey, um seinen später ankommenden Gefährten entgegen zu gehen; aber diese Vermuthung ver­schwand, als sie italienische Laute hörten, die vom Fuße des Thurmes herauf an ihr Ohr schlugen.

Zu dieser Zeit war die gewöhnliche Sprache der italieni­schen Häfen zu Marseille ebenso bekannt, als sie es heutiges Tages ist. Klara und Gabriele verloren nicht ein Wort vow dem Gespräch.

Wo bist Du, Giachetti?" rief eine pfeifende Stimme.

Hier, auf der rechten Seite der Quelle!"

Was thust' Du?"

Ein Wunder, ich trinke Wasser."

Still! sagte eine andere Stimme, die einem Donner glich,, der italienisch spricht; Still! Giachetti und Du, Syrakusanol Wenn Ihr beim Schmied zu viel Wein getrunken habt, so wich ich Euch zur Ader lassen!"

Kapitano Graffio, seid nicht böse; wenn Ihr die Aebtissiw heiralhet, werde ich Euch auch die Hochzeitsmesse lesen."

Schweige, Du Heide!... Die Luft ist schwül, es gibt Blitz und Donner da oben."

Wollt Ihr denn vorwärts machen, Ihr Andren da unten k Du, San-Marko, Du, Barbiano! Ihr Schildkröten! 3$