Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 240» Mittwoch den 2V Dezember 18L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumcrationSpreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und' der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 ft., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 ft. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr« berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die neue Majestät von Frankreich.
Das Veto und die Zehntfrage in Nassau.
Die Rechnungskammer.
Deutschland. Wiesbaden (Demokratische Engherzigkeit). — Frankfurt (Reichstag. Erklärung des österreichischen Ministeriums über seine Beziehung zur Zentralgewalt. Auseinandertreten der Nationalitäten unter den Abgeordneten). — Bernburg (Auslösung des Landtages). — Aus Neu-Vorpommern (Die Rüstungen der Dänen) — Breme n (Die Bremer Zeitung).
Ungarn. Von der ungarischen Gränze (Die Russen in Siebenbürgen).
Frankreich. P a r i>s (Tagesbericht).
Italien. Rom (Der Bürgerkrieg).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Die neue Majestät von Frankreich.
Also „Hanswurst der Erste" — unter diesem Titel besang einst Beranger den Prinzen Louis Bonaparte — wird zweifelsohne Präsident der französischen Republik !
Und dieses selbe Ereigniß, welches vor wenigen Monaten noch alle Börsenmänner mit bleichem Schrecken gezeichnet hätte, macht jetzt, daß alle Papiere in die Höhe gehen. Dieses selbe Ereigniß, welches man vor wenigen Monaten noch für eine wahnwitzig lächerliche Fiktion gehalten, steht setzt in voller Realität vor uns und nicht blos solche Leute, welche sich überhaupt immer freuen, wenn ein Strohmann an das Ruder kommt, o nein, auch die verständigsten, patriotischsten, gewissenhaftesten Männer Frankreichs sind plötzlich für den stroh- männischen Kandidaten begeistert.
Und wie lösen sich diese Räthsel ? Einfach durch die Thatsache , daß man d i e N ep u b l i k in Frankreich herzlich satt hat, daß man zurückgreift zur Legitimität un.d die einzig „mögliche" Legitimität ist dermalen die — bonaparti- stische. Nie hat das monarchische Prinzip einen glänzenderen Sieg gefeiert, als im „ersten Jahre der Republik" 1848 tn — Frankreich. Vielleicht führt die Weltgeschichte kein anderes ähnliches Beispiel auf, daß man in einer jungen Republik die republikanische Form so ungeheuer rasch überdrüssig geworden ist!
Nicht blos ein bedeutungsloser Mensch — den lassen die Franzosen sonst wohl auch noch passiren — nein, sogar ein Mensch, der sich oft genug vor der ganzen Nation lächerlich gemacht, erhält die überraschendste Stimmenmehrheit. Und warum? Weil er einen Namen hat, weil sich glorreiche Herrschererinnerungen an diesen Namen knüpfen; weil der Mann so zu sagen — hört es, Ihr Demokraten — einen fürstlichen Adel aufweisen kann. Wenn diesmal die Franzosen nicht auf historischem Boden stehen, dann weiß ich nicht, was historischer Boden heißt. Darum jubeln aber auch die französischen Legitimisten so laut über die Erwählung eines Bonaparte. Es ist gerade nicht ihr legitimer Fürst, der diesmal gesiegt hat, aber es ist doch überhaupt das Prinzip der Legitimität. Die Revolution vermeinte alle Privilegien der Vergangenheit weggewischt zu haben, und nun kommt gar das am allermeisten antirepublikanische Privi-i legium, das Privilegium einer berühmten Abstammung, nun kommt das eigentlichste Prinzip der Abeistheorie — die ja ab
geschafft ist — das eigentliche Prinzip von Gottes Gnaden, — die ja nicht mehr eristirt, und schließt die Republik ab!
Eine größere Satyre ist in der ganzen Geschichte noch nicht dagewesen. Der alte Napoleon setzte doch wenigstens ein neues Privilegium an die Stelle der vertilgten alten- als er den Abgrund der ersten Revolution schloß: das Privi, legium der Genialität, des Verdienstes: aber daß man einen allgemein verspotteten Gecken an die Spitze der Republik stellt, vornehmlich, weil ihm der Vorzug eines adeligen Namens, einer adeligen Abstammung eigen ist, das ist doch in der That etwas Unerhörtes. Die reine Demokratie hat in diesem Jahre in Deutschland und in Frankreich bereits viele große Schlappen erlitten, aber die Erwählung des demokratischen Kaisers in demselben Lande, von welchem die letzte Revolution ausging, ist doch die allergrößte. Pun liegt es am Tage, daß selbst in Frankreich die Republik ein aufgedrungenes Geschenk war, mit welchem man die Nation überrumpelt hatte; es war im recht strengen Wortstnne eine „oktroyirl e" Republik. Wenn erst einmal bas ganze Abstimmungsergebniß bekannt ist, dann wird es sich zeigen, wie gering die Zahl der rothen Republikaner, welche Ledru Rollin und den Sozialisten ihre Stimmen gaben, wie gering auch selbst die der „honetten" Republikaner gewesen ist, welche für Cavaignac und Lamartine votirten.
Mit, der Erwählung der neuen Majestät von Frankreich ist die Niederlage der reinen Demokratie eine vollständige ge- worden. So schließt das Wunderjahr 1848 mährchenhafter fast noch als es begonnen.
f Das Veto und die Zehntfrage in Nassau.
Die deutsche Nationalversammlung hat bekanntlich über das Zusammenwirken der deutschen Reichsregierung und des deutschen Reichstages auf den Antrag des Abgeordneten Fallati folgenden Beschluß gefaßt:
„Ein Beschluß des Reichstags, welcher die Zustimmung des Reichsoberhauptes nicht erlangt hat, darf in derselben Session nicht wiederholt werden. Ist ein Beschluß des Reichstages in drei auf einander folgenden ordentlichen Sessionen wieder in Erwägung genommen und ungeändert gefaßt worden, so wird er zum Gesetz, auch wenn die Sanktion des Reichsoberhauptes nicht erfolgt, sobald der Reichstag sich schließt."
Wenn dieser Beschluß zu definitiver Sanktion gelangt, so wird die deutsche Reichsverfassung in diesem Punkte mit der Konstitution des Königreichs Norwegen übereinstimmen; und es wird dann voraussichtlich auch in deutschen Einzelstaaten ein ähnliches Prinzip nach und nach zur Geltung kommen. Die Frage, ob bei Gründung einer neuen Verfassung dem absoluten oder dem suspensiven Veto der Krone, im Interesse der bürgerlichen Freiheit und der Herstellung eines geordneten Rechtszustandes durch bas Gleichgewicht der Gewalten, der Vorzug einzuräumen sey, ist eine sehr schwierige, und es ist nicht die Absicht des gegenwärtigen Aufsatzes, aus solche staatsrechtliche Theorieen hier tiefer einzugehen. Nur darauf wollen wir aufmerksam machen, daß das suspensive Veto geeigneter ist, als das absolute, um von der Krone, der Volkörepräsen'- tation gegenüber, in wirklichen Gebrauch gesetzt zu werden. Da wo das absolute Veto besteht, wie dieß in sämmtlichen konstitutionellen Monarchien Europa's mit Ausschluß von