Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 239» Dienstag den 19» Dezember 18^8»
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Pètitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r si ch t.
Schmerling und Gageru.
Die Präsidentenwahl in Frankreich.
Deutschland. Wiesbaden (Gesetzentwurf über das Gewerbewesen).
— Karlsruhe (Interpellation des Abg. Häusser wegen des angeblichen Sonderbündnisses der badischen, hessischen und bayrischen Regierung). — Leipzig (Schlechter Fortgang der Sammlung sich Robert Blinn). — Hannover (Sympathien für den Frankfurter Märzverein). — Berlin (Die Wirksamkeit der Reichskommissssre. Die Anklage gegen die Urheber der Steuerverweigerung beschlossen. Schneider Weitlin als Wahlbewerber). — Wien (Die Abdankung des Kaisers. Die ungarische Tragödie. Attentat auf eine Patrouille. Der Banus Jellachich. Die Befestigung der Stadt). — Von der mäh risch-ungarischen Grenze (Gerücht, daß Kossuth zum König von Ungarn ernannt sey).
Sprechfaul für Stadt und Land.
*** Schmerling und Gagern
Frankfurt. Die österreichische Frage, zu deren Lösung das Ministerium Schmerling, sonst allen Dringlichkeiten abhold, 'Mental nur allzusehr hingedrängt hat, bildet noch immer vorzugsweise den Inhalt aller Besprechungen in den Klubs der Reichsabgeordneten. Die Majorität der Zentrums-Fraktionen ist zu dem Resultate gekommen, nur unter b er Bedingung den Weg der Verhandlungen zu betreten, und in dieser Richtung der Zentralgewalt Vollmachten zu geben, wenn das Schmer- ling'sche Ministerium sich nicht sowohl durch Gagern's Eintritt verstärke, als, wenigstens in seinem Hauptträger, demselben Platz mache.
Dies von den Zentren ausgehende Mißtrauensvotum gegen einen um Deutschland hochverdienten, überall von seltenem politischen Takte geleiteten Staatsmann, der nie mit der Opposition gebuhlt, ihr vielmehr mit entschlossener Festigkeit und unbesiegbarer Kaltblütigkeit die Stirne geboten, und dessen Geschäftsgewandheit gewiß auch schmerzlich vermißt werden wird, Hat seinen Grund in der speziell-österreichischen Färbung seines politischen Charakters, in dem gerade jetzt auf'S Höchste und nach allen Seiten hin gesteigerten Mißtrauen, in den durch die kalte Satyre seiner Interpellations-Beantwortungen erregten Antipathien , endlich in dem vielleicht allzugläubigen Vertrauen aus Gagern's alleinversöhnende und rettende Kraft.
Ob die Entfernung Schmerling's und Gagern's über allen Spezial-Patriotismus erhabene Stellung wirklich die hinreichenden, jetzt nothwendig zu fordernden Garantieen dafür bieten, daß in diesen Verhandlungen keine Konzessionen gemacht werden, welche das Grundgesetz der neuen Verfassung Deutschland's, wie es in den 88. 2 und 3 niedergelegt ist, alteriren, darüber könnte noch sehr gestritten werden. Viele sind der Meinung, daß eine genaue 'Umgränzung der Vollmachten für diese Verhandlungen oder ein Hinausschieben derselben bis zur zweiten Lesung und endgültigen Firirung der 88. 2 und 3, eine viel sichere und Oesterreich weniger verletzende Gewähr dafür geboten hätten, daß die unerläßlich nothwendige Staatsform Deutschlands aufrecht erhalten werde.
Die Auseinandersetzung mit Oesterreich ist deßhalb so in- trikat, weil die zweite drängende Frage, die über das Zünftige Oberhaupt Deutschlanvs, zu gleicher Zeit alle Gemüther erfüllt und unmittelbar in jene zurückschlägt. Daher jetzt gerade so viel Heimlichkeit, Mißtrauen, unberechenbare Abstimmungen und überraschende Allianzen — wie sie bis dahin nie hervor- 1
getreten und nun, am Ende unseres Werkes, das Gelingen des Ganzen noch einmal in Frage stellen.
Wie sehr die Ansichten über die definitive Gestaltung der Zentralgewalt auch jetzt noch auseinandergehen, mag darin seine Bestätigung finden, daß in dem freilich mit Berücksichtigung der verschiedenen Stämme, von der Kasino-Gesellschaft gewählten Ausschüsse zur Vorberathung über diese Frage, das erbliche Kaiserthum, der Wahlkaiser und das Triumvirat gleich starke Vertretung gefunden haben. Die Ueberzeugung von der unerläßlichen Nothwendigkeit einer starken, einheitlichen Exekutivgewalt, vor der seit den September-Ereignissen alle sonstigen Antipathien und Rivalitäten auf eine Zeit lang verstummten, scheint jetzt von Vielen wieder aufgegeben und beut durch einander wirbelnd die verschiedensten Wünsche und Interessen.
Die Präsidentenwahl in Frankreich
Die Wahl Ludwig Napoleon Bonaparte's zum Präsidenten der französischen Republik ist jetzt außer Zweifel gestellt. Die Hoffnungen, welche wir auf die Wahl des Generals Cavaignac gebaut hatten, sind verschwunden, es bleiben uns nur noch die Befürchtungen auszudrücken, welche sich bei dem Antritte eines Napoleoniden uns aufdringen.
Das Merkwürdigste bei diesem inhaltschweren Resultare des allgemeinen Srimmrechts ist, daß ein MannF der keine Partei in Frankreich hatte, durch die Mitwirkung fast aller Parteien ans Ruder gelangt. Es ist nur zu klar, daß die Persönlichkeit des Gewählten mit der Wahl nichts gemein hat, daß von allen Gründen, welche diese Wahl herbeiführten, fein einziger in Ludwig Napoleon selber liegt; aber die Parteien brauchten ein Werkzeug, um ihr Ziel zu erreichen; das Volk und das Heer suchten eine Fahne.
Wozu das Werkzeug dienen soll, das wollen wir erforschen; wo das französische Volk mit seiner Fahne.Hin will, das wollen wir zu entdecken suchen.
Thiers, Molo, Bugeaud, Emile de Girardin, das sind die Namen, die an der Spitze der Napoleonischen Bewegung stehen, das sind die Gegner Cavaignac's.
Cavaignac hatte den Kampfplatz einen Augenblick geschlossen, auf dem die Parteien wütheten — die Macht Napoleons hat ihn wieder eröffnet; wir sind wahrscheinlich wieder beim Ansange eines neuen Trauerspiels angelangt.
Ludwig Napoleon wird als Präsident der Republik auf die Verfassung schwören, um nach diesem Akte de facto die Gewalt in die Hände der Thierspartei niederzulegen. Diese ist es wenigstens, welche die ersten Aussichten hat auf das Erbe der Präsidentenwahl. Die Thiers-Partei und ihre Alliir- ten haben keinen anderen Zweck, als in der Person Bonaparte's das Königthum zu restauriren, und sie haben dazu das Volk zum Bundesgenossen gehabt — das Volk und im Volke das Fier! Die Thiers-Partei wird mit diesen rechnen müssen. Das Heer hat nicht für Ludwig Napoleon gestimmt, sondern für ein Prinzip. Es hat gegen die Verträge von 1815, es hat für die Traditionen des Kaiserreichs gestimmt, und es wird den Lohn für seine Stimme verlangen. Es wird dem Geschichtschreiber des Konsulats und des Kaiserreichs leicht werden, dem Heere diesen Lohn zu geben. Die Lage Europa's bietet