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Gleich im Anfang des Drama's zeigt uns der Dichter Romeo als einen jugendlichen Schwärmer, dessen Herz der Liebe bedarf und keine Gegenliebe findet. Deßhalb wirkt die folgende Szene so überraschend, wo Romeo zu witzeln be­ginnt und nicht enden kann. Jedenfalls will der Dichter durch diese Szene andeuten, daß die Liebe Romeo's zu Rosalinden nicht ächt sey und sie als Motiv der raschen Liebe zur Julia benützen. Doch dem sey wie ihm wolle, die Szene ist verfehlt; denn in so gesuchten Reden spricht ein Liebender nicht. Es ist nicht zu leugnen, daß uns der zu reiche Witz Shake- speare's sehr oft als ein eben so großer Fehler erscheint, wie das überströmende Pathos, in welchem Schiller redet. Ro­meo sieht Julien und in demselben Augenblicke liebt er sie auch. Schon wird hierdurch Juliens Bild gehoben. Es ist ein Meisterzug des Dichters, daß er die Liebenden zuerst auf dem Balle zusammenbringt. Romeo, ein junger, feuriger Italiener, schwärmerisch von Natur, aufgeregt durch die Musik, das Tanzen, den Schimmer der Kerzen, überhaupt den Glanz des Festes Romeo, der keine Gegenliebe gefunden, sieht die herrliche Jungfrau, welche mit den Reizen Rosalindens die holdeste Anmuth eint und liebt fie. Italiens Gluth und die trefflichen Motive, die er zu Grunde gelegt, schützen den Dichter vor dem Vorwurfe, daß die allzurasche Liebe des Jünglings eine Unnatur sey. Es ist ein Beweis von Shakespeare's Menschenkenntniß, daß er die Liebe Romeo's und Juliens um so heftiger schildert, als sich ihr die Zwietracht der Väter feind­lich entgegenstellt. Denn je größere Hindernisse der Liebe in den Weg treten, desto glühender wird sie. Daher sind die Worte des Jünglings:

Sie eine Capulet? O theurer Preis! mein Leben Ist meinem Feind als Schuld dahin gegeben.

so schön.

Romeo, der die gesehen, welche für ihn geschaffen, findet keine Ruhe, 'er sucht einen Ort auf, an welchem er der Ge­liebten näher zu seyn glaubt. Und so belauscht er Julien. In dieser Szene offenbart sich abermals die großartige Kunst des Dichters. Wie einfach und doch wie erhaben umgeht er nicht eine jedenfalls etwas fade Liebeserklärung, und um wie- vi l rascher nähert er sich nicht dem Ziele dadurch, daß Romeo aus dem Munde Juliens das Geständniß ihrer Liebe vernimmt. Was im Allgemeinen die Schönheit der Szene betrifft, so kann ich nichts finden, was sich ihr an die Seite setzen läßt. Was Schlegel über das Drama sagt, kann man paffend auf diese Szene anwenden: Was der Duft eines südlichen Frühlings Berauschendes, der Gesang der Nachtigall Sehns üch- tiges, das erste Aufblühen der Rose Wollüstiges hat, das athmet diese Szene. Und doch wie einfach und natür­lich ist nicht Alles. So z. B. Romeo's Worte:

O! wie sie auf die Hand die Wange lehnt! Wär ich der Handschuh doch auf dieser Hand Und küßte diese Wange! (Fortsetzung folgt.)

Miszellen.

Eine schwimmende Eisenbahn! Die große Eisenbahnlinie, welche sich bald an der Ostküste Englands von London bis Aberdeen erstrecken wird, hat ein großes Hinderniß in den beiden die Strecke durchschneidenden Meerbusen Forth und Tay zu überwinden. Man suchte lang nach einem Mittel, die Unbequemlichkeiten zu vermeiden, welche immer damit verbunden sind, wenn Reisende und Güter umgepackt werden müssen. Endlich hat der vor nichts zurückweichende Scharfsinn der Briten einen Plan ausgesonnen, die Eiseu­bahnzüge quer über den Tay zu führeu, da wo er etwa 1% englische Meilen breit ist. Herr R. Napier baut nach einem Glasgower Blatte gegenwärtig eine schwimmende Eisenbahn für die Evinburg- und Nordbahngesellschaft. Sie wird aus Eisen gefertigt, in einer Länge von hundertachtzig und in einer Breite von fünfunddreißig Fuß. Es liegen drei Schienenreihen neben­einander, so daß also ein Wagenzug von mehr als fünfhundert Fuß Länge übergesetzt werden kann. Dieses ungeheure Dampfschiff, welches bestimmt ist Dampfschifffahrt und Eisenbahn in die allerinnigste Verbindung zu bringen, hat eine Maschine von zweihundertfünzig Pferdekraft. Da aber das Niveau der Eisenbahn zu beiden Seiten um ein beträchtliches über der Wasserfläche des Tay liegt, so werden an beiden Ufern zwei stehende Maschinen angebracht, um die Züge hinunterzulassen und heraufzuziehen.

Ueber das Schicksal und die Erlebnisse der in weiten Kreisen be­kannten Sängerin Fräulein Zerr in den Wiener Oktobertagen weiß Bâuer- le's Oesterreichischer Kourier (die vormalige allgemeine Theaterzeitung) recht Trauriges zu erzählen. Gleich beim Beginn des Beschießens der Kaiserstadt ward das nächst dem zur Ruine gewordnen Kolowrat'scheu Palais gelegene Haus der Zerr eines der ersten Brandopfer. Ihre Wohnung stand in hellen Flammen, von allen Seiten flogen die Bomben und Kugeln einher jeder Versuch zu Löschen und zur Rettung war mit offenbarer Todesge­fahr verbunden ihre ganze Einrichtung und Habseligkeiten theils verbrannt und zerstört, theils von unberufenen willfährigen Händen im Tumulte ver­schleppt, während Fräulein Zerr selbst mitten unter den Kugeln und Trüm­mern kaum ihr Leben retten konnte. Auf der Straße in Ohnmacht gefallen, ward sie von einem unbekannten Arbeiter in einen Keller getragen, wo sie bewußtlos liegen blieb. Daß die Katastrophe, abgesehen von dem bedeu­tenden materiellen Schaden, den sie erleivet und der sich auf mehrere tau­send Gulden beläuft, im ersten Augenblick auch ihre Gesundheit angegriffen hat, ist gewiß sehr begreiflich. Dem Vernehmen nach hat sich jedoch Fräulein Zerr schon so wieder erholt, daß ihr Auftreten in FlotowS Martha demnächst erwartet wird.

Unter den Petitionen, welche bei der französischen Nationalversamm­lung eingelaufen sind, befindet sich eine eben so reiche Fülle von Kuriositäten, wie unter den Petitionen, welche der Berliner Versammlung eingereicht worden. So heißt es z. B. in dem letzten Verzeichniß: Herr Drouin, Literat in Montrouge, verlangt die Ernennung einer Jury zur Beurtheilunz seiner dramatischen Werke und Behufs ihrer Aufführung; sie bestehen aus neun Dramen, drei Trauerspielen, zwei Opern-Tertcn, drei Ballets und neunzehn Vaudevilles !

Theater zu Wiesbaden.

Sonntag, den 17. Dez. Der Vater der Debütantin, Lust­spiel in 4 Akten nach dem Französischen.

Verantwortlicher Redakteur W. H. Riehl. Druck und Verlag der L. Sch elle über g'schen Hof-Buckhandlung in Wiesbaden.