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Das Eigenthum ist ein Diebstahl." (Sozialistische Posse in 3 Akten und 7 Bildern von Hrn. Clainville und Julius Cordier.*)

Wir glauben unsern Lesern einen kurzen Abriß dieses Stückchens geben zu müssen, welches auf dem Vaudevilletheater in Paris einen außerordentlichen Erfolg errungen hat.

Herr Bonichon ist ein reicher Rentner; er besitzt Geld, Häuser und Mad. Bonichon, seine Frau. Im Frühjahr 1848 an einer wohlbesetzten Tafel schwelgend, trinkt er mit seinen Freunden auf das Wohl der Reform! Unterdessen dröhnt Kanonendonner, und Kleingewehrfeuer erschüttert die Luft. Bonichon und seine Freunde sind außer sich vor Freude; ihr heißester Wunsch beginnt sich zu realisiren. Sie stehen auf dem Punkte, den Schatz zu erhalten, den ihr Herz so heiß ersehnt: die Reform! Es lebe die Reform! Mit Nichten! sagt Herr Prudent der in diesem Augenblicke mit barscher Miene in Bonichon's Haus tritt; nicht die Reform, nein, die Republik! Sie haben die Republik, meine Herren! Bei die­ser unerwarteten Nachricht erheben sich die Gäste und entfernen sich höchst verdutzt unter Absingung des Chorals:De pro- pundis! als gingen sie zu einem Begräbnisse.

Im Jahre 1852 regieren Bürger Prudent und Konsorten ohne Widerrede. Ihre Lehre ist allenthalben souverän, und Bürger Bonichon genießt deren Annehmlichkeiten in vollem Maße.

Ein Käbriolâkutscher bemächtigt sich des armen Teufels, und fährt ihn gegen seinen Willen, zu 40 Sous per Stunde, durch die ganze Stadt spazieren.

M ' Aber sagt Bonichon ich will ja gar nicht fahren; ich will zu Fuß gehen.

Bedauere sehr erwiederte der Kutscher ich hab' Euch einmal und lasse Euch nicht los; es ist dies mein Recht, mein Recht auf die Arbeit.

Ein Zahnarzt präsentirt sich:

Mein Gebiß läßt nichts zu wünschen übrig!" schreit Bonichon.

Geht mich nichts an! Der Arzt reißt ihm einen Zahn aus: Recht auf Arbeit.

So wird denn Bürger Bonichon spazieren gefahren, ge­kleidet, entkleidet, um einen Zahn erleichtert Alles gegen seinen Willen; von seinem Bedienten gar nicht zu reden, der, unter dem Vorwande, sein Recht eben so gut ausüben zu dür­fen,, wie jeder Andere, die Kleider des Hrn. Bonichon vom Morgen bis zum Abend unaufhörlich klopft und bürstet, und auf diese Weise jämmerlich ruinirt.

Doch unser Eigenthümer Bonichon ist noch nicht am Ende seiner Leiden; Hr. Prudent hat ihm noch manche andere

*) Die Übersetzung dieser Posse, welche nicht verfehlen kann, auch auf den deutschen Bühnen Furore zu machen , ist ihrer Vollendung nahe, und wir verfehlen nicht, die Theaterdirektionen auf das höchst pikante Stück im Voraus aufmerksam zu machen.

vorbehalten. Vorerst läßt er ihn, von wegen der Gleichheit, seinen schwarzen Frack gegen eine Blouse umtauschen; dann entkleidet sich Frau Bonichon ihrer eleganten Toilette, um sich in das Gewand der Brüderlichkeit zu hüllen: es gibt keinen Unterschied mehr in der Welt, keine Privilegien; nicht Seide, nicht Kaschemir, nicht Weib, nicht Mann; es gibt nur noch Blousen; die menschliche Gesellschaft ist blousirt. Dasereig­net sich nämlich im Jahre des Herrn 1853. In demselben Jahre errichtet Hr. Prudent seine Wechselbank; das Silber ist abge- lchafft; Gold ist eine Chimäre. Man geht zur Milchfrau und kauft sich Milch; nicht für einen Sou, nein, gegen ein Häupt- chen Kraut. Hat man einen Pferd zu ernähren, so tauscht man gegen ein paar Stiefel Heu ein, welches man dann Stiefelheu nennen kann. Gegen einen Hund erhandelt man ein paar Beinkleider. Denken Sie sich die traurige Figur des armen Bonichon, welcher höchst überflüssiger Weise noch mit Renten und Bankbillets versehen ist, die das System des Hrn. Prudent werthlos gemacht hat. Seine alten Pantoffeln haben noch größern Werth als seine Renten und seine Bankbillets. Der arme Teufel weiß sich nicht mehr zu helfen; er weiß nicht, was er verkaufen soll, um sich nur die nöthigsten Lebensmittel zu verschaffen. So eben erst hat er sein letztes Besteck gegen eine Tasse Chokolade ausgetauscht, und es bleibt ihm nichts mehr übrig, als ein Fleischtopf. Da man aber ohne Fleisch keine Fleischbrühe bekommt, entschließt sich Bonichon, bei dem Metzger anzuklopfen. (Schluß f.)

O Ueber Shakespeare s Romeo und Julie.

Von Hermann Presber.

(Fortsetzung.)

Was nun die Charakteristik betrifft, so zeigt sich Shakes­peare in diesem Drama eben so sehr als Meister!, wie in sei­nen übrigen. Seine Charaktere sind nicht Gattungen, wie bei den griechischen Dichtern, die über den Reichthum der Fa­bel die' Schärfe der Charakteristik vernachlässigten, sondern be­stimmte Individuen. In Romeo und Julie ist nun die treff­liche Kunst zu bewundern, mit welcher er verstand, die ver­schiedensten Charaktere so in Verbindung zu bringen, daß man: nicht eine Person wegnehmen kann, ohne dadurch die Wirkung des Ganzen bedeutend zu schwächen. Die Zeichnung der Cha­raktere Romeos, Juliens, des Eremiten und der Amme hat Shakespeare durchgeführt, die übrigen hat er zwar nur skizzirt, aber so meisterhaft skizzirt, daß auch bei ihnen nur die verbor­gensten Falten ihres Herzens klar vor Augen liegen. Aus der Gesammtmasse treten nun zwei in den Vordergrund und nehmen unser höchstes Interesse in Anspruch, theils durch die himmlische Anmuth, mit welcher sie vor uns erscheinen, theils durch ihr herbes und unverschuldetes Geschick; es sind dies Romeo und Julie. Der Grundcharakterzug der beiden ist Liebe, wie sie nur die Sonne Italiens erzeugen kann und Muth, wie er aus so edler Liebe entspringen muß.