wir haben jedoch schon schlimmere Dinge erlebt, und wir wer- den uns mit Gott daraus erretten."
Klara sprach diese Worte mit der Sicherheit eines alten Soldaten, der alle möglichen Gefahren bereits durchgemacht hat, und junge Rekruten beruhigen will.
„Zuerst, setzte sie hinzu, ernenne ich mich zu Eurem Gene- ral; ihr werdet mich als die Erste auf der Breschesehen. Hier ist meine Sticknadel, die ich für mögliche Fälle immer bei mir führe."
Klara zog aus ihrem Busen einen langen Dolch, der beim Scheine des Lichtes in seiner kostbaren Besetzung mit Edelsteinen funkelte.
Ihre kindlichen Züge nahmen den Ausdruck des Kopfes des Erzengels im Kampfe mit dem Dämon an.
„Hört, sagte Klara, mit ihrem Dolche spielend, die Vorsehung lenkt Alles. Wer weiß, in einigen Tagen sind wir vielleicht gezwungen, wir andern Frauen, uns unter die Soldaten zu mischen, um Marseille zu vertheidigen. Um bei großen Gefahren muthig zu seyn, müssen wir uns an die kleinen gewöhnen. (Forts, folgt.)
Zivilisation und Wildniß. (Schluß.)
Am andern Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene — sie hatte es gewünscht, dort zu ruhen, and fast alle Einwohner des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle Tage und Nächte / und als er endlich zurück kehrte, war er ernst und traurig und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu Haben. Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfänge mehr damit erschreckte, als früher mit seiner WilvheUf weil der schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sey, unter der er neue Streiche auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt — John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so unendlich wohl gethan.
Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er dabei zum Hause, und welche Felle gerbte er ihr nach indianischer Art, Und nähte Mokkasins und färbte Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter
war, und nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens, brachte.
So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher Prozession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's, Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen Schaar.
An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen war, wie in den ersten Wochen ihres Bei, sammenseins, betrat er das kleine wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja gesprochen — als der Gatte sie leise, leise an sich zog und sie das in holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männ- lichcn Brust barg — da glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer — aus dem Hause und über die Straße Hinüber in sein eigenes kleines Gemach.
Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen, und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes und Quadrillen /in Reels und Jigs und anderen amerikanischen oder von England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die schallenden Geigenklänge.
Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den Tomahawk im Gürtel Md die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreme^Ton einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fence schwangrer sich Hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum, auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin. Dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die Schulter.
Leb wohl, Rosy! flüsterte er mit leisem, kaum hörbarem Laut, und rasch sich wendend und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit denen der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.
Und wohin führte sein Weg?
Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht zmück gekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther xr canadische Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte nichts von ihm. Ja, Tom b-iuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm - doch -onnte ihm Niemand Kunde geben vom „weißen Hirsch" — vt war und blieb spurlos verschwunden. (Köln. Z.)