Beiblätter
;ur Naffauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 237. Samstag den 16» Dezember 1848»
△ Die beiden Amazonen
(Fortsetzung.)
„Was gibt's Neues?" fragte Pierre, ihm die Hand reichend.
„Der Italiener hat gesprochen," erwiederte Bistagno.
„Der Spitzbube, hat er gesprochen?"
„Er hat nach dem Pfarrer von Saint-Pierre gefragt und gebeichtet.
„Mag ihn der Teufel holen!"
„Der Teufel hat ihn nicht geholt, sagte Bistagno. Im Gegentheil; nach seiner Beichte hat der Lump zu essen verlangt. Diese Kerle haben ein Leben, so zähe, wie die Katzen."
„Und seine Wunde?"
„Tante Anna hat ihn mit einem Pflaster und drei Worten geheilt. Der Italiener hat uns schwören lassen, daß wir ihn gut behandeln würden, und hat uns dann Alles bekannt. Sie sind vierzehn Italiener, vierzehn Hühnerdiebc, in zwei Banden zu Sieben getheilt. (Sine Bande haust in der Ebene von Ro- queraire, die andere hat sich in diesen Wald geworfen, weil sie hofft, dort einen sichern Versteck zu haben. Der Italiener hat mich nicht getauscht, denn diesen Morgen hat mir Jausseran, der Hirt von Cuges gesagt, daß das Kloster von Saint-Pons jede Nacht von diesen Banditen belagert würde, sie ziehen sich am Tage wieder zurück, aus Furcht, angegriffen zu werden."
Der Hirt schwieg und der kleine Trupp wartete in tiefem Schweigen die Entscheidung ab, die Pierre fassen würde, worüber er in ruhiger Haltung , den Blick nach dem Kloster gewendet, nachdachte. So im Mittelpunkte eines thessalischen Gehölzes sich befindend glich der Hirt in seiner Unbeweglich- dem Gotte Terminus, der die Najaden dieses heiligen Ortes beschützt.
Pierre stieg vom Berge herab und ging allein in der Richtung des Klosters vor; seine Begleiter verloren ihn in der Dunkelheit der Nacht und des Waldes bald aus dem Gesichte. Er langte bald an der Pforte des Klosters an, und schlug mehrmals mit dem Thürklopfer auf eigene Art: es
war das in dem Briefe der Abtissin an ihren Bruder, de« Herrn von Laval, verabredete Zeichen.
Ein langer sreudiger Ruf ertönte in den Korridors des i Klosters. Die Pförtnerin öffnete die Thüre ohne Zögerung, wich aber sogleich erschreckt zurück, als sie sich einem Manne in eben nicht ritterlichem und beruhigendem Anzuge gegen über sah.
„Habt keine Furcht," sagte Pierre, „ich bin ein Freund und zwar ein guter Freund."
Die arme Schwester war aus der Stelle wieder beruhigt von dem provenzalischen Akzent und dem wohlwollenden Tone seiner Stimme, doch eilte sie zur Pforte und schloß sie vorsichtig wieder. Wenn es ein Feind wäre, so wäre er doch wenigstens allein, war ihr Gedanke hierbei.
Pierre öffnete eine an seinem Gürtel hängende Büchse und gab sie der Pförtnerin. Diese Büchse war mit dem Siegel des Bischofs von Marseille verschlossen; sie enthielt einen Befehl, der vas Gelöbniß der Abgeschlossenheit der Nonnen im Kloster Notre-Dame aufhob und sie autorisirte, pro necessi- tatibus belli ein sicheres Asyl zu suchen, um daselbst bessere Tage abzuwarten.
Pierre ward von der Oberin an das Gitter des Sprachzimmers gerufen. Er theilte ihr mit, daß die beiden Damen von Laval in das Kloster gebracht zu werden verlangten und daß er sich wieder entfernen wolle, um sie herzubegleiten; denn die Augenblicke waren kostbar, da die Stunde der Gefahr sich nahte. Ohne weiter auf die Fragen der durch diese Nachricht erfreuten Nonnen zu antworten, eilte Pierre an den Ort, wo er seine Gefährten verlassen und brachte sie fämmtlich an die Pforte des Klosters; dort wiederholte er das verabredete Signal und bald befanden sich die beiden Damen in den Armen ihrer Verwandten und Freundinnen.
Die Männer überschritten nicht die Schwelle der Pforte; Pierre hatte einen andern Zufluchtsort für sie.
Im Kloster Notre-Dame befanden sich vierzehn Nonnen, die Oberin einbegriffen. Die Abtissin von Laval hatte Gott ihre Jugend und Schönheit im Alter von sechszehn Jahren geopfert; in