Beiblätter
;ur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 23«.
Freitag den 15. Dezember
1848.
△ Die beiden Amazone«
(Fortsetzung.)
Als Pierre aus dem Lager von Sirene herauskam, ging er längs den Wallen der Stadt an der östlichen Seite hin, und erklomm einen großen Hügel; oben angelangt, richtete er sich in seiner ganzen Größe auf; er nahm seinen Hut ab und schwenkte ihn, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein langer Zuruf vom Thurme Saint-Jean aus antwortete ihm. Die um die Abtei Saint - Viktor gelagerten Italiener eilten zu den Waffen und betrachteten unruhig den Hügel und die Stadt, als wenn sie zwischen zwei Feuer genommen zu werden befürchteten. Dann streckte Pierre, überzeugt, daß seine telegraphischen Zeichen von Herrn von Beauregard und Brion nicht unbeachtet bleiben würden, seinen rechten Arm nach den Bergen aus, wo die Sonne aufging, und einen Kieselstein aufraffend, warf er ihn auf die Stadt zu; ein neuer freudiger Zuruf kündigte ihm an, daß man ihn begriffen habe und daß die ganze Stadt mit Enthusiasmus vernahm, sie solle am folgenden Tage mit Sonnenaufgang angegriffen werden. Die italienischen Schützen schrieen vor Wuth und eilten auf den Hügel, um den verwegenen Spion zu ergreifen, der sich mit Marseille auf dem Luftwege unterhielt. Als der Hirt sie herankommen sah, stieß er ein schallendes Hohngelächter aus, sprang die Felsen herab und verschwand in den Thälern, die sich nach Osten erstrecken. Die Musketensalve, welche die Italiener ihm nachsandten, erreichte nur die Felsen und Bäume; er war schon weit weg, sie konnten jedoch noch lange sein spöttisches Pfeifen hören, während er sich wieder zu seinen Begleitern begab.
Unsere vornehmen Abenteurer hatten den Versteck, den ihnen Pierre angewiesen, nicht verlassen. Herr von Laval erhob sich, um Pierre zu empfangen, und nahm jene feierliche Miene der Zufriedenheit an, womit die Großen einen Dienst zu bezahlen glauben. Der Schäfer achtete nicht auf dieses vornehme Wohlwollen des adeligen Herrn, er zog sogar seine Hände zurück, als Laval ihm eine mit Gold gefüllte Börse an
bot; er begleitete diese Weigerung mit einem trüben Lächeln, das die beiden Damen erröthen machte, denn die Frauen besitzen alle ein bewundernswürdiges Schicklichkeitsgefühl und einen sichern Takt, was vielen Männern, zuweilen sogar den besterzogensten, fehlt. Der Hirt pflückte von den in der Nähe befindlichen Bäumen wilde Beeren und Spierlinge, seine gewöhnliche Nahrung; er trank dreimal Felsenwasser aus der hohlen Hand, machte das Zeichen des Kreuzes, und nachdem er seinen Begleitern anempfohlen, sich beim Erscheinen des ersten Sternes zum Abzüge bereit zu halten, legte er sich unter einen Baum und schlief ein.
Als Pierre wieder erwachte, zeigten sich bereits einige Sterne am Himmel. Er mahnte zum Asifbruch, und die ganze Karavane setzte ihren Weg fort.
Der Weg, den man verfolgte, war rauh, besonders für unsere beiden schönen Amazonen, deren zarte Füße durch Sammetschuhe nicht hinlänglich geschützt waren. Pierre schnitt daher unterwegs Fichten- und Weidenzweige ab, verband sie fest mit einander, und stellte so eine Tragbahre für die zwei Damen her, die diese improvistrte Sänfte nicht verschmähten. Zwei kräftige Seeleute unterzogen sich freudig dem Dienste dieser Sänfte, und da die kleine Karavane nicht mehr gehindert war, so erreichte sie bald den Hügel von Cavaillon, der von den Wellen des Flusses Fauge bespült wird.
Man stieg nicht in das Thal hinab, das nach Saint-Pons führt; der Hirt vermied diesen Weg, der ihm ohne Zweifel Furcht einflößte, denn er stand zuweilen still und spähete mit seinen Adlerblicken und Tigerohren in tue dunkele Nacht hinaus. Als der schlaue Hirt sich jedoch versichert hatte, daß keine Gefahr drohe, setzte er seinen Marsch auf dem steinigen Rücken des Berges fort.
Bald zeigten sich in schimmernder Ferne die Mauern des Dorfes von Gâmes. (Das alte Gemenoö.) Ein einziges Thor, von zwei mit Schießscharten versehenen Thürmchen beschützt, vertheidigte diese bescheidene Residenz der Hirten. In den gegenwärtigen unruhigen Zeiten war Gâmes verlassen; seine Bewohner hatten sich in die fernen Berge bes Klosters von